Ein Modell der Ökumene

Bari erlebte eine Kirchen-Synode des Friedens mit dem Papst. Von Guido Horst

Papst besucht Bari
Der Papst lässt mit Bartholomaios (li.), Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, und Theodoros II. (re.), griechisch-orthodoxer Patriarch von Alexandrien und ganz Afrika, Tauben aufsteigen. Foto: dpa

Ist Assisi der Ort des interreligiösen Dialogs geworden, so könnte Bari, die Hauptstadt Apuliens mit den Reliquien des heiligen Nikolaus von Myra, ein Zentrum der christlichen Ökumene werden. Das zumindest meinte Dominikanerpater Giovanni Distante, Rektor der Basilika des heiligen Nikolaus, in deren Krypta die Gebeine des in Ost und West gleichermaßen verehrten Heiligen liegen, nach dem historischen Treffen von Papst Franziskus mit zwanzig Kirchenführern des Mittleren Ostens. Dort, vor dem Reliquienschrein des wundertätigen Bischofs, dessen sterbliche Überreste normannische Seefahrer vor etwa tausend Jahren aus einem orthodoxen Kloster in Myra geraubt und nach Bari gebracht hatten, begann am vergangenen Samstagmorgen ein denkwürdiger Tag voller symbolischer Gesten, den der Vatikan schon lange vorbereitet hatte, um den Christen im Nahen und Mittleren Osten vor aller Welt eine Stimme zu geben.

Schon auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil hatte Papst Paul VI. feststellen können, das die Beobachter, die die orientalischen Kirchen als Gäste zu der Bischofsversammlung nach Rom gesandt hatten, bei dieser Gelegenheit auch der Reliquie des heiligen Nikolaus in Bari einen Besuch abstatten wollten. Die Anziehungskraft des Bischofs von Myra, das heute in der türkischen Provinz Antalya liegt, ist ungebrochen. Für die russische Orthodoxie war es ein großes Ereignis, als die Gebeine des heiligen Nikolaus von Mai bis Juli vergangenen Jahres zuerst in Moskau und dann in Sankt Petersburg ausgestellt wurden. Weit über eine Million orthodoxer Christen strömten damals zusammen, um die Reliquie zu verehren. Und jetzt waren es die Kirchenführer der orientalischen Kirchen – der orthodoxen, der mit Rom verbundenen und der koptischen Gläubigen – die der Heilige aus Myra zusammenbrachte.

Bei strahlend blauem Himmel hatte Franziskus am Samstag die Kirchenführer vor der strahlend weißen Nikolaus-Basilika begrüßt. Der Papst, der in Bari von den vier Kurienkardinälen Pietro Parolin, Leonardo Sandri, Kurt Koch und Angelo Becciu begleitet wurde, trat durchaus als „primus“ auf: Er war der Einladende, er war es, der an diesem Tag zwei Ansprachen halten sollte, und hob sich mit seiner weißen Soutane und dem glattrasierten Gesicht von den orientalischen Metropoliten und Repräsentanten mit ihren Bärten und dunklen Gewändern deutlich ab. Aber er blieb der „primus inter pares“, der „erste unter Gleichen“: An dem runden Tisch mit den zwanzig Sitzen, für den man das Mittelschiff der Basilika leergeräumt hatte und an dem die Kirchenführer mittags anderthalb Stunden unter Ausschluss der Öffentlichkeit berieten, war kein erhöhter Stuhl oder gar Thron für den Papst vorgesehen. Man besprach sich auf Augenhöhe.

Die geladenen Kirchenführer repräsentierten die Gläubigen der orthodoxen Kirchen Russlands und des Mittleren Ostens, die katholischen Chaldäer, Maroniten und Melkiten, die orthodoxen und katholischen Kopten Ägyptens, die Gläubigen des lateinischen Patriarchats und der evangelischen Kirche von Jerusalem. Zunächst stieg man in die Krypta der Basilika herab. Franziskus entzündete die „einflammige Lampe“ in Form eines Schiffs vor dem Grab des Heiligen. Auf den Schultern der Nikolausbüste dahinter ruhen zwei Pokale, die die Kirchen des Ostens und des Westens repräsentieren und die Worte des Abschiedsgebets Jesu tragen, „dass alle eins seien“. Die Pokale sind mit unterschiedlichen Ölen gefüllt, die die Verschiedenheit der Traditionen und Riten in der einen Kirche zum Ausdruck bringen sollen. In der Basilika werden das ganze Jahr über unter hoher Beteiligung der jeweiligen Gläubigen Gottesdienste im lateinischen wie im orthodoxen Ritus gefeiert.

Die kleine Synode war nun also versammelt. Neben dem Papst bestand sie aus dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. aus Istanbul, dem koptisch-orthodoxen Papst Tawadros II., dem griechisch-orthodoxen Patriarchen von Alexandrien, Theodoros II., Metropolit Hilarion Alfejew vom russisch-orthodoxen Patriarchat in Moskau, dem syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatius Aphrem II., dem maronitischen Patriarchen Kardinal Bechara Boutros Rai, dem chaldäischen Patriarchen Kardinal Louis Raphael Sako, dem Administrator des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, einem Abgesandten der katholischen Melkiten von Antiochien, dem evangelisch-lutherischen Bischof von Jerusalem, Sani Ibrahim Azar, und der Generalsekretärin des Nahost-Kirchenrates MECC, Souraya Bechealany. Mit einem offenen Bus ging es zum Friedensgebet auf einer überdachten Bühne am Hafenbecken von Bari, etwa zehntausend Menschen säumten die Straßen. Dort hielt Franziskus seine erste Ansprache.

Der Papst rief zum Frieden für die Christen im Nahen Osten auf und verurteilte zugleich die „mörderische Gleichgültigkeit“ gegenüber dem Leiden in der Region. „Der Nahe Osten weint, leidet und schweigt, während andere auf diesen Ländern herumtrampeln auf der Suche nach Macht und Reichtum.“ In den vergangenen Jahren sei die Region zunehmend von Krieg, Gewalt, Zerstörung, Besatzung, Fundamentalismus und Vertreibung geplagt. Franziskus warnte vor einem Verschwinden der Christen aus dem Nahen Osten. Ohne sie wäre es „nicht mehr der Nahe Osten“. Bei dem einstündigen Gottesdienst erklangen Gesänge und Gebete auf Italienisch, Englisch, Arabisch, Griechisch, Assyrisch, Armenisch und Französisch, das Evangelium mit den Seligpreisungen der Bergpredigt wurde auf Arabisch verlesen.

Zurück in der Basilika schlossen sich hinter den Kirchenführern die Tore und nach einem einleitenden Referat von Erzbischof Pizzaballa aus Jerusalem begannen die Gespräche. Es gab im Anschluss keine gemeinsame Erklärung, aber nach dem kleinen Ökumene-Gipfel fasste Franziskus vor den Toren der Basilika die Ergebnisse in seiner zweiten Ansprache zusammen: Flankiert von den zwanzig Kirchenverantwortlichen forderte er „die Einhaltung des Status quo Jerusalems gemäß den Beschlüssen der internationalen Gemeinschaft“. „Nur eine Verhandlungslösung zwischen Israelis und Palästinensern, die von der Gemeinschaft der Nationen nachdrücklich gewollt und gefördert wird“, könne zu stabilem und dauerhaftem Frieden führen und „die Koexistenz zweier Staaten für zwei Völker gewährleisten“, sagte der Papst. Aber er ging auch grundsätzlich auf den Unfrieden im Nahen Osten ein. Er plädierte für gleiche Rechte für alle Bürger dieser Länder und kritisierte die „Landbesetzungen, die die Völker auseinanderreißen“, ebenso wie eine reine Friedensrhetorik, während gleichzeitig Waffen geliefert würden. Der Nahe Osten möge nicht länger „ein Bogen des Krieges sein, der sich über die Kontinente spannt, sondern eine Arche des Friedens, die Völker und Religionen willkommen heißt“. Mehrfach wurde Franziskus von Applaus unterbrochen. Und zum Abschluss ließen Jugendliche Friedenstauben aufsteigen. Eine Choreographie, die den Friedenswunsch der christlichen Kirchen dieser Region nochmals unterstreichen sollte.