Ein Jahr, das die Kirche verändert hat

Franziskus, der geniale Kommunikator: Die Pforten sind zu, das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ist beendet – Versuch einer ersten Bilanz. Von Guido Horst

Ein Gnadenjahr voller starker Impulse geht zu Ende. Bis zum nächsten Heiligen Jahr bleibt die Heilige Pforte des Petersdoms verschlossen. Foto: dpa
Ein Gnadenjahr voller starker Impulse geht zu Ende. Bis zum nächsten Heiligen Jahr bleibt die Heilige Pforte des Petersd... Foto: dpa

Rom (DT) Mit der Schließung der Heiligen Pforte im Petersdom am Sonntagvormittag hat Papst Franziskus das Heilige Jahr der Barmherzigkeit beendet. Es war eine einfache Zeremonie. Nach einem Gebet in der Vorhalle der Basilika ging der Papst schweigend auf die geschmückte Pforte zu, verweilte einige Sekunden im stillen Gebet und drückte dann die beiden Flügel des Portals zu, durch das, so die Auskunft des Päpstlichen Neuevangelisierungs-Rats, ein knappes Jahr lang zwanzig Millionen Pilger geschritten sein sollen. Dann begann der Gottesdienst auf dem Petersplatz zum Christkönigsfest, an dem – neben vielen anderen Kardinälen und Bischöfen – auch die siebzehn neu ernannten Purpurträger teilnahmen, denen Franziskus am Samstag das purpurne Birett auf das Haupt gedrückt hatte.

Der Abschluss des Heiligen Jahrs war noch einmal so eine Gelegenheit, bei der der Vatikan auch nach außen hin zeigt, dass er das Herz der Weltkirche ist. Hatte das Heilige Jahr in der armen Zentralafrikanischen Republik mit der Öffnung der ersten Heiligen Pforte in der Kathedrale der Hauptstadt Bangui begonnen, so endete es dann doch über dem römischen Petrusgrab. Trotz des schlichten Stils, den Franziskus auch bei großen Anlässen pflegt, verliehen die Örtlichkeit und die Teilnehmer der Feier des Endes des Kirchenjahrs und des Heiligen Jahrs ein besonderes Gepräge. Die Herkunft der neuen Kardinäle aus den unterschiedlichsten Weltgegenden unterstrichen nochmals die Weite des Katholischen. Als der albanische Priester Ernest Simoni, der lange Jahre in der Haft, bei Zwangsarbeit und als Seelsorger im Untergrund verbracht hatte, an der Reihe war, erhob sich der Papst als Zeichen der besonderen Wertschätzung, bevor er auch ihm das rote Birett aufsetzte, den Kardinalsring ansteckte und die Ernennungsurkunde überreichte. Auch wenn die das ganze Heilige Jahr über extrem präsenten Sicherheitskräfte nochmals das Wochenende rund um den Vatikan prägten, fluteten die Besucher am Samstagnachmittag den Vatikan, um den Neuernannten einen kurzen Höflichkeitsbesuch abzustatten.

Etwa siebzigtausend Menschen waren am Sonntag gekommen, um mit dem Papst das Ende des Barmherzigkeits-Jahrs zu feiern. Nach der Messfeier konnte Franziskus mit dem Papamobil bis auf die vor dem Petersplatz gelegene Pizza Pio XII fahren. Bei der Messfeier befand sich der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella unter den Ehrengästen ebenso wie Regierungschef Matteo Renzi. Nach dem Gebet des Angelus setzte Papst Franziskus oben auf dem Sagrato vor der Fassade des Petersdoms seine winzig kleine Unterschrift unter das Apostolische Schreiben „Misericordia et misera“ zum Abschluss des Heiligen Jahrs – nicht feierlich, sondern im Stehen, der herbeigebrachte Sessel wurde im Anschluss wieder ungenutzt fortgetragen. Herzlich waren die Umarmungen, mit denen Franziskus jeden einzelnen der anwesenden Kardinäle begrüßte, bevor er sich unterhalb der Altarstufen Menschen mit Behinderung zuwandte. Nichts war davon zu spüren, dass vier Kardinäle einen Brief an den Papst mit der Aufforderung zu Klarstellungen hinsichtlich der kritischen Passagen im Schreiben „Amoris laetitia“ veröffentlicht hatten. Allerdings fehlten diese vier Kardinäle, und anders als bei den Konsistorien im Februar 2014 und 2015 hatte es bei diesem, dem dritten Konsistorium von Franziskus, keine gemeinsame Sitzung des Papstes mit seinem „roten Senat“ gegeben.

Im Anschluss an den Papstgottesdienst ging es im Kleinbus zum emeritierten Papst. Franziskus und die neu ernannten Kardinäle fuhren zu Benedikt XVI. in das Kloster „Mater Ecclesiae“ im Vatikan, um mit dem Emeritus kurz in dessen Kapelle zusammenzutreffen. Diesem schien es zumindest so gut zu gehen, dass er auf den Rollator verzichten konnte. Beide Päpste, der amtierende und der emeritierte, segneten die neuen Kardinäle.

In den italienischen Medien und vor allem in den römischen Tageszeitungen hat man viel darüber gewitzelt, wie denn wohl die Millionen zustande gekommen sein sollen, die der das Heilige Jahr organisierende Rat für Neuevangelisierung unter Erzbischof Rino Fisichella als Zahl der Heiligjahr-Pilger in Rom angegeben hat – zuletzt zwanzig Millionen Menschen. Wäre das so, dann hätten jeden Tag des Barmherzigkeits-Jahrs durchschnittlich weit über fünfzigtausend Personen in der Absicht, den Jubiläums-Ablass zu erlangen, die Heilige Pforte im Petersdom durchschreiten müssen. Und die hat man einfach nicht gesehen. Auch sprechen die Zahlen der italienischen Hotel- und Gastronomie-Verbände nur von einem minimalen Zuwachs der auswärtigen Besucher im laufenden Jahr gegenüber 2015 von circa einem Prozent, der aber weit unter der Steigerung lag, die 2015 im Vergleich zum Vorjahr 2014 zu verzeichnen war. Aber da das Heilige Jahr der Barmherzigkeit von vorneherein dezentral geplant war mit Heiligen Pforten überall in der Welt, lohnt es sich auch nicht, über die Zahlen in Rom zu streiten.

Wenn Erzbischof Fisichella erklärt, dass das Heilige Jahr die Barmherzigkeit wieder in das Zentrum der kirchlichen Verkündigung gerückt habe, so hat er damit Recht – zumindest was den italienischen Sprachraum betrifft. Was in diesem Jahr gewirkt hat, waren vor allem die Gesten des Papstes. Das Heilige Jahr in Rom hat starke Augenblicke erlebt: So die Heiligsprechung von Mutter Teresa oder der gerade erlebte Abschluss mit der Schließung der Heiligen Pforte im Petersdom. Gewirkt haben aber auch die Bilder und Nachrichten von den fast schon ganz privaten Besuchen des Papstes an den so genannten Barmherzigkeits-Freitagen bei Menschen in Notlagen: bei alten Menschen in einem Pflegeheim, bei ehemaligen Prostituierten in einem Auffangzentrum oder bei Notleidenden in einer Sozialstation der italienischen Caritas.

Gewirkt hat die Tatsache, dass die Heiligjahr-Feiern mit viertausend Häftlingen und etwa tausend Obdachlosen das Heilige Jahr abgeschlossen haben. Von Gram gebeugte Männer in Berbergestalt mit gegerbter Haut, schweigend und nachdenklich bei der Papstmesse im Petersdom – das hat vielleicht mehr Bände gesprochen als die eine oder andere Predigt über den barmherzigen Jesus. Aber es ging nicht nur um Effekte. Lange ist es her, dass in der katholischen Kirche so viel gebeichtet wurde wie im Jubiläumsjahr 2016 – auch auf dem Petersplatz, auch bei Papst Franziskus. Meisterhaft hat er für Bilder gesorgt, die sein Anliegen verdeutlichen: Dass niemand vor Gott verloren ist, dass die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters über alle menschlichen Begrenzungen hinweghilft und nur darauf wartet, den verlorenen Sohn in die Arme zu nehmen. Zumindest in Rom hat es selten so viele eucharistische Anbetungen gegeben wie in diesem Jahr. Fast jedes Mal, wenn die jeweiligen kirchlichen Stände oder besondere Zielgruppen ihre Heiligjahr-Feier am Sonntag mit Papst Franziskus hatten, standen am Samstag zuvor Beichtgelegenheit und die Anbetung des eucharistischen Herrn in ausgewählten römischen Kirchen auf dem Programm.

Es gibt einen Effekt des Heiligen Jahrs, der nur sehr schwer einzuschätzen oder gar zahlenmäßig zu fassen ist: Das Barmherzigkeits-Jahr hatte eine starke Ausstrahlung über die Grenzen der Kirche hinaus. Papst Franziskus ist es gelungen, vielen Nicht-Gläubigen, Anhängern anderer Religionen oder nichtpraktizierenden Katholiken ein neues Bild von Kirche zu vermitteln. Das Bild einer Kirche, die nicht nur verurteilt und ihre moralischen Prinzipien hochhält, sondern die bei den Menschen sein will, die Verlassenen und Notleidenden sucht und ihnen nahe sein will. Franziskus, der in seinem letzten Zeitungsinterview, dem mit der katholischen Tageszeitung „Avvenire“, bekannt hat, mit der Ausrufung eines Heiligen Jahrs keinen Plan verfolgt zu haben, sondern sich vom Heiligen Geist habe leiten lassen, hat sich als genialer Kommunikator erwiesen. Mit seinen Gesten, mit den Bilder von Zusammenkünften mit kranken, behinderten und notleidenden Menschen – in Rom, aber auch auf seinen kurzen Reisen – hat er die Wahrnehmung von Kirche verändert und damit diese selbst. Was das Zweite Vatikanische Konzil und der große Papst Johannes Paul II. gelehrt haben, dass der Weg der Kirche der Mensch ist, hat mit Papst Franziskus und dem Jahr der Barmherzigkeit einen konkreten und sichtbaren Ausdruck gefunden.