Ein Handbuch des christlichen Abendlandes

Europäische Geschichte in Biografien: Die zweisprachige Ausgabe der Heiligenlegende des Jakobus von Voragine. Von Barbara Wenz

Als Jakobus in Vorago – heute Varazze – um 1230 bei Genua geboren wurde, lag die Gründung des Dominikanerordens gerade fünfzehn Jahre zurück. Es dauerte noch einmal so viele Jahre, bis Jakobus, gerade zum Jüngling herangewachsen, in den erfolgreichen und rasch aufblühenden Predigerorden eintrat, der sich vor allem der Bekämpfung der Irrlehren und insbesondere der ebenfalls sich stark ausbreitenden Bewegung der Katharer verschrieben hatte. Jakobus war ein begabter junger Mann, der schnell vom Lektor seines Konventes in Genua, zum Subprior und Prior der Gemeinschaften in Como, Bologna und Asti aufstieg. Gut zwanzig Jahre nach seinem Eintritt in den Orden des heiligen Dominikus stellt er eine kompilatorische und redaktionelle Glanzleistung vor – die „legendas sanctorum in uno volumine compilavit“, wie er sie selbst nennt: Eine Zusammenstellung von Heiligenlegenden in einem Band. In 177 Kapiteln behandelt er aufgrund lateinischer Quellen verschiedenster Provenienz, die er zum Teil auch vollständig übernimmt, und einigen zehntausend Zitaten nicht nur 144 Heilige, sondern auch die liturgischen Zeiten und Hochfeste der Kirche.

Das Werk findet rasche Verbreitung, nicht nur deshalb, weil es zur Zeit seiner Abfassung Mitte des 13. Jahrhunderts durch die Aufnahme der Viten von Dominikus, Franziskus, Thomas Becket und Elisabeth von Thüringen zeitgemäß und auf dem aktuellen Stand genannt werden kann. Bald kursiert die Sammlung von Heiligenviten und liturgischen Erläuterungen zu den Festzeiten unter dem Titel „Legenda Aurea“ – die „Goldene Legende“. Dabei hatte eine „legenda“ noch fast gar nichts mit dem gemein, was wir heute darunter verstehen: Im Hochmittelalter verstand man darunter noch wörtlich „das Vorzulesende“, also ein Text, der zum Vortrag bestimmt war oder sogar psalmodiert wurde, während des Gottesdienstes oder auch in der betenden Gemeinschaft.

In den folgenden Jahrhunderten blieb es das am weitesten verbreitete religiöse Standardwerk, das viele Gläubige nicht nur zur Bekehrung, sondern sogar auf den Weg zur Heiligkeit brachte, darunter zum Beispiel auch Ignatius von Loyola, der die Legenda Aurea auf seinem Krankenbett las, nachdem er am 20. Mai 1521 von einer Kanonenkugel schwer verletzt worden war.

In der Reihe „Fontes Christiani“ hat der Herder-Verlag nun die „Goldene Legende“, die „kostbare Perle aus dem Mittelalter“, in einer zweisprachigen Ausgabe lateinisch-deutsch herausgebracht. Das Werk wird zweibändig in Großoktav im Schmuckschuber und Leineneinband in hochwertiger Aufmachung geliefert. Für die Neuübersetzung und kritische Aufarbeitung des lateinischen Quelltextes konnte der Basler Altphilologe Bruno Häuptli gewonnen werden – ein dringend notwendiges Unterfangen, da die bislang maßgebliche Übersetzung durch Richard Benz im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts sich durch eher altertümelndes Deutsch auszeichnet. Nicht nur für Historiker, Kunsthistoriker und Theologen ist diese Neuausgabe ein Meilenstein – immerhin sind seit Benz' Übersetzung rund 100 Jahre vergangen. Besonders verdienstvoll ist auch die ausführliche Einleitung, ebenfalls von Häuptli, die sich nicht nur mit dem neueren Stand der Forschung, sondern auch mit Gattung, Quellen und Stil, Datierung und Identifizierung der Quellen des Jakobus beschäftigt.

Im Hauptteil, der eigentlichen Legenda Aurea, findet sich der lateinische Text auf der linken Seite, die deutsche Übersetzung auf der rechten, ausgestattet und ergänzt, wo nötig und angebracht, um die jeweiligen Bibelstellen, auf die Jakobus Bezug genommen hat, sowie mit Fußnoten, die nicht nur auf die Primärstellen eines Zitates, etwa von Augustinus oder Bernhard von Clairvaux verweisen, sondern auch äußerst wertvolle Sacherläuterungen bieten. Etwa, wenn es um alte Feste wie das der Beschneidung des Herrn oder um Mariä Reinigung, um hergebrachten kirchlichen Brauch wie etwa das Quatemberfasten geht – die zum Teil nach der neuen Kalenderordnung seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht mehr beachtet werden.

Diese Ausgabe der „Legenda Aurea“ ist somit nicht nur für Wissenschaftler relevant, sondern auch für jeden historisch interessierten Leser, der sich damit befassen möchte, was die Generationen vor uns geglaubt, was Kirchenlehrer und Heilige darüber geschrieben haben, wo die theologisch-geistlichen Wurzeln unserer liturgischen Zeiten und Hochfeste liegen, und vor allem bietet es eine prachtvolle Fülle an Viten großer Männer und Frauen, die es grundlegend zu entdecken gilt.

Jakobus von Voragine: Legenda Aurea, Lateinisch-Deutsch, Reihe Fontes Christiani, Herder, 2 Bände, 2247 Seiten,

ISBN 978-3-451-31222-9, EUR 228,–