„Ein Hafen vor den Verwüstungen der Kultur“

Warum die katholische Ehelehre wiederverheiratete Geschiedene in ihrem Alltag unterstützt – Ein Gespräch mit der Autorin Luma Simms. Von Regina Einig

Warm anziehen ist angesagt: Was Katholiken unter der sakramentalen Ehe verstehen, erschließt sich nicht allen Zeitgenossen auf Anhieb. Dennoch stellt die kirchliche Ehelehre ein Leuchtturm dar – auch in der Öffentlichkeit. Foto: Symboldpa
Warm anziehen ist angesagt: Was Katholiken unter der sakramentalen Ehe verstehen, erschließt sich nicht allen Zeitgenoss... Foto: Symboldpa

Ist die Ehelehre Johannes Pauls II. für wiederverheiratete Geschiedene heute noch lebbar? Ja, bestätigt die Amerikanerin Luma Simms aus eigener Erfahrung. Die Absolventin der California State Polytechnic University Pomona arbeitet als freie Autorin und bloggt unter www.lumasimms.com. Sie erzieht fünf Kinder und ist zur katholischen Kirche konvertiert. Ein Gespräch über den Glauben, die Familie und das Glück eines Paares, einem guten Priester zu begegnen, der ihnen die heilende Medizin der Kirche nicht vorenthält.

Als geschiedene und wiederverheiratete katholische Mutter möchten Sie Ihre Kinder im katholischen Glauben erziehen. Könnte die Kirche Ihrer Familie dies durch eine Änderung der Ehelehre erleichtern?

Es ist wirklich nicht einfach, eine Scheidungsfamilie zu sein, und manchmal ein schweres Los. Im Leben eines Geschiedenen gibt es zahlreiche innere und äußere Kämpfe. Daher wird in der Heiligen Schrift (Maleachi 2, 16) die Scheidung mit Gewalt gleichgesetzt, denn die Scheidung tut unserer Seele, unserer Familie, unserer Gesellschaft und dem Leib Christi Gewalt an. Was meine Familie und ich am meisten brauchen, ist die Liebe und Fürsorge der örtlichen Pfarrgemeinde, die wie ein Hafen vor den Verwüstungen der Kultur schützt. Eine Ortsgemeinde, die uns mit der Kraft des Evangeliums stärkt. Die Gnade, die wir durch die Liturgie und das Wort Gottes empfangen, unterstützt und stärkt uns in unserem Familienleben. Derart mit Liebe und Wahrheit ausgerüstet, können wir hinausgehen und der Welt dienen. Es ist weder Auftrag der Kirche, die Dinge leichter für mich zu machen, noch ist es Auftrag der Kirche, mir die Dinge schwer zu machen. Denn im Auftrag der Kirche geht es nicht um mich, sondern um Jesus. Die Kirche ist die Braut Christi und Jesus ist ihr Bräutigam. Ihr ganzes Dasein besteht darin, ihren Bräutigam zu lieben und seinen Willen zu erfüllen, während sie auf Erden ist. Oder, um es mit den Worten des heiligen Johannes Paul II. zu sagen, es ist die Berufung der Braut, sich in ihrer bräutlichen Liebe ganz Christus, ihrem Bräutigam, hinzugeben. So, wie ihr Bräutigam sich ganz für sie hingegeben hat.

Aus welchem Blickwinkel können Sie die Kirche als liebende Mutter sehen?

Ich bin ein Teil der Braut, ich bin ein Teil des Leibes Christi. Die Kirche verhält sich mir gegenüber wie eine liebende und weise Mutter, wenn sie ihrem Bräutigam, Christus, treu ist. So wie in einer menschlichen Ehe die Kinder am meisten profitieren, wenn Mutter und Vater in Treue und Eintracht leben. Doch wenn sich die Kirche nicht mehr auf Christus, sondern auf mich konzentrieren und meine Wünsche oder meine Probleme über die ihres Herrn und Bräutigams stellen würde, dann wäre das zu meinem Schaden. So wie in einer menschlichen Ehe, wenn die Mutter das Wohl ihrer Kinder vor das ihres Mannes stellt. Die ganze Familie fällt auseinander, wenn das passiert. Die größte Liebe, die die Kirche mir erweisen kann, ist, dass sie Christus treu ist. Obgleich ich nicht glaube, dass die Lehre sich ändern sollte, denke ich, dass auf lokaler pastoraler Ebene einiges getan werden könnte, um Familien zu helfen, die mit Problemen ringen. Unsere Familie war mit einem anteilnehmenden, Christus liebenden Priester gesegnet, der uns alles in einer Christus gemäßen Haltung erklärt hat. Doch ich weiß, dass nicht jeder ein solches Glück hat. Mir ist klar, dass Menschen verletzt worden sind und manchmal eine harte und unfreundliche Reaktion auf ihre Situation erfahren haben. Das ist genau der Punkt, an dem uns das Evangelium hilft. Jesus hat den Willen seines himmlischen Vaters nie missachtet, doch er wusste, wie man Sünder liebt und sie zur Reue aufruft. Einige seiner Zuhörer haben bereut und an ihn geglaubt. Andere nicht.

Was müssen wir von ihm lernen?

Es gibt einen amerikanischen Film mit dem Titel „Mary Poppins“. Darin singt Mary Poppins das Lied „Wenn ein Löffelchen voll Zucker bittre Medizin versüßt“. Wenn jemand krank ist, muss man ihm Medizin geben. Es ist kein Zeichen von Liebe, wenn man ihm die bitter schmeckende Medizin nicht gibt. Doch die Art und Weise, wie man ihm die Medizin gibt, kann das Herz verändern. Jesus wusste, wann eine Situation eine harte Hand erforderte und wann Nachgiebigkeit. Das ist etwas, das wir von ihm lernen müssen. Wir sind alle berufen, die Wahrheit Gottes mit der Liebe Gottes zu verbinden.

Und Ihre Konversion zur katholischen Kirche? Warum sind Sie nicht Protestantin geblieben?

Wenn ich es gerne „leicht“ hätte, wäre ich Protestantin geblieben. Ich sage das nicht leichthin oder selbstgerecht daher. Es ist einer der Gründe, warum wir zur katholischen Kirche kamen. In dem Schreiben „Zu einigen Einwänden gegen die kirchliche Lehre über den Kommunionempfang von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen“ des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger heißt es: „Sicherlich kann das Wort der Wahrheit weh tun und unbequem sein. Aber es ist der Weg zur Heilung, zum Frieden, zur inneren Freiheit“.

Beeinflusst die Tatsache, dass Sie die Eucharistie nicht empfangen dürfen, in irgendeiner Weise Ihren Glauben an Gottes Erbarmen?

Nein. Gott ist ein barmherziger Gott. Wir müssen aufpassen, dass wir Begriffe wie Konsequenzen, Barmherzigkeit, Vergebung und Versöhnung nicht miteinander vermischen. Papst Johannes Paul II. sagt in „Familiaris consortio“: „Zusammen mit der Synode möchte ich die Hirten und die ganze Gemeinschaft der Gläubigen herzlich ermahnen, den Geschiedenen in fürsorgender Liebe beizustehen, damit sie sich nicht als von der Kirche getrennt betrachten, da sie als Getaufte an ihrem Leben teilnehmen können, ja dazu verpflichtet sind. Sie sollen ermahnt werden, das Wort Gottes zu hören, am heiligen Messopfer teilzunehmen, regelmäßig zu beten, die Gemeinde in ihren Werken der Nächstenliebe und Initiativen zur Förderung der Gerechtigkeit zu unterstützen, die Kinder im christlichen Glauben zu erziehen und den Geist und die Werke der Buße zu pflegen, um so von Tag zu Tag die Gnade Gottes auf sich herabzurufen. Die Kirche soll für sie beten, ihnen Mut machen, sich ihnen als barmherzige Mutter erweisen und sie so im Glauben und in der Hoffnung stärken.“ Wie Johannes Paul II. ausführt, zeigt die Kirche eben mit diesen Handlungen und mit diesem Geist wahrhaft Gottes Barmherzigkeit.

Warum betrachten Sie die Ehelehre als Unterstützung, obwohl es Ihnen nicht erlaubt ist, die Eucharistie zu empfangen?

Erstens führt und schützt sie mich in meiner jetzigen Ehe. Ich bin seit siebzehneinhalb Jahren verheiratet und wir haben fünf Kinder. Christus bildet den Mittelpunkt unserer Ehe und unseres Zuhauses. Zweitens hilft sie mir, meine Kinder zu erziehen. Wir ziehen unsere Kinder groß, indem wir sie zum Herrn hinleiten und sie im Glauben unterweisen. Wir sind zur katholischen Kirche gekommen, weil wir glauben, dass ihre Lehren wahr sind, und wir wollen unsere Kinder in der kirchlichen Lehre erziehen. Drittens sehe ich es für meinen Glauben als notwendig an, dass sich die Kirche mutig gegen den Zeitgeist stellt. Wenn ich mich nicht darauf verlassen kann, dass die Kirche treu bleibt, wer wird dann in unserer Zeit auf der Wahrheit Christi beharren? Die konsequente Lehre über die Ehe ist eine große Unterstützung für mich, weil sie bezeugt, dass die Kirche auf dem Wort Gottes gründet und immer darauf gründen wird. Und schließlich: Wie kann ich von meinen Kindern erwarten, dass sie glauben, was ich über Gott und die Ehe sage, wenn ich nicht glaube oder mich dem nicht unterwerfe, was die Kirche über Gott und die Ehe lehrt?

Wie erfahren Sie die Gegenwart Gottes in Ihrem Leben?

Mein unaufhörliches Gebet ist: „Veni, Sancte Spiritus“. Ich gehe auch täglich und am Sonntag zur Messe. Ich gehe zur Anbetung, die in meiner Gemeinde viermal in der Woche stattfindet. Ich verharre in Betrachtung vor dem allerheiligsten Sakrament. Ich bete, lese (die Bibel und andere Bücher) und schreibe während der Anbetung in ein Tagebuch. Auf all diese Weisen erfahre ich die starke und überwältigende Gegenwart des Herrn. Auch das Buch „Das betrachtende Gebet“ von Hans Urs von Balthasar war für meine Seele zutiefst heilsam.

Wie haben Sie Ihren Weg zur geistlichen Kommunion gefunden?

Das ist eine ganz einfache Geschichte: Eines Tages habe ich Jesus gebeten, mich zu stärken und sich mir zu schenken und mich seinem Bild ähnlich zu machen. Alle waren vorne, um die Eucharistie zu empfangen und ich kniete in der Bank. Ich wollte nicht gegen meinen Herrn sündigen, indem ich auf unwürdige Weise teilnahm, also bat ich ihn, zu mir zu kommen. Psalm 139 spricht darüber, wie genau der Herr uns kennt: „Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge – du, Herr, kennst es bereits.“ Also sage ich zum Herrn: „Herr, du kennst mich, du weißt, wie es um mein Herz und meine Seele steht, stärke mich, wie du es nach Deiner Weisheit und Gnade für richtig erachtest.“ Er hat es nie versäumt, mich zu stärken.

Die Synode im Jahr 2015 wird die Situation der geschiedenen und wiederverheirateten Ehepaare diskutieren. Was könnte der beste Weg sein, ihnen zu helfen?

In Sprichwörter 15, 1 heißt es: „Eine sanfte Antwort dämpft die Erregung, eine kränkende Rede reizt zum Zorn.“ Als Christen müssen wir das immer berücksichtigen, vor allem, wenn wir Themen diskutieren, die Gefühle aufwühlen. Mit Liebe können wir die Wahrheiten Gottes sagen. Nachdem das gesagt ist, hier einige Vorschläge, die für die Synode hilfreich sein könnten:

a) Gerade bei diesem Thema ist es notwendig, dass die Synodenväter an die Kinder und die kommenden Generationen denken. Wenn sie in ihrem Wunsch, die Situation für unsere Generation zu „erleichtern“, die Ehelehre herabsetzen, dann werden unsere Kinder und Enkelkinder sowie alle kommenden Generationen einen schlimmen Preis zu zahlen haben. Das ist keine neue Einsicht. Es ist viel über den Einbruch der protestantischen Kirchen geforscht worden, die die Heilige Schrift in diesem Bereich preisgegeben haben. Kirchen, die im Bereich der Ehe, der Scheidung und der menschlichen Sexualität Kompromisse eingegangen sind, sind schwächer und nicht voller oder stärker geworden. Das beweist, dass solche von Menschen geschaffenen Lehren, auch wenn sie von Mitleid motiviert werden, keine geistlichen Früchte tragen.

b) Wie ich bereits sagte: Obwohl ich nicht möchte, dass die Lehre geändert wird, gibt es sicherlich Raum, um in diesem Bereich auf pastoraler Ebene bessere Früchte hervorzubringen. Ich glaube, dass der Ortspriester oftmals derjenige ist, der den geistlichen Zustand eines Paares am besten kennt. Ob die beiden ein verhärtetes Herz haben, ob sie ungestüm zu Christus kommen, ob es eine Geschichte von Scheidungen gibt – alles das wird dem Priester eine Anleitung geben, wie er die Seelen dieses Paares zu führen hat. Auf der anderen Seite wird der Priester auch wissen, ob das Paar eine lange und fruchtbare Ehe führt, in der Christi Gnadenwirken in ihrem Leben und ihrem Zuhause deutlich zum Ausdruck kommt. So wie Jesus wusste, wann er hart und wann er nachgiebig sein musste, wird der Priester wissen, wie er jedem Paar Christi Wort nahebringen kann.

Haben Sie weitere?

Ich bin überzeugt, dass die geistliche Gemeinschaft genauer untersucht werden muss (das ist eine Aufgabe, die ich mir selbst schon vorgenommen habe). Ich glaube, sie ist eine noch nicht geöffnete Schatztruhe, sowohl für diejenigen, die sich in einer Lage befinden, die ihnen den Eucharistieempfang untersagt, als auch für diejenigen, die sie empfangen dürfen. Der heilige Thomas von Aquin beschreibt in Frage 80 im dritten Teil der Summa zwei Weisen der Teilhabe: Sakramental und geistlich. Er diskutiert einen dritten Weg, doch er ordnet ihm keine Kategorie zu, wie das Konzil von Trient. Das Konzil von Trient (Sessio XIII, Kapitel VIII) nimmt diese beiden Formen (sakramental und geistlich) und skizziert eine dritte Form der Unterscheidung: „Unsere Väter haben richtig und klug drei Weisen des Empfangs unterschieden. Denn sie haben gelehrt, dass einige (die Eucharistie) nur sakramental empfangen, nämlich die Sünder, andere nur geistlich, jene nämlich, die sich, im Verlangen nach diesem himmlischen Brot, durch lebendigen Glauben, der in der Liebe wirkt, seiner Frucht und seines Nutzens bewusst sind, während die dritte (Gruppe) es sowohl sakramental als auch geistlich empfängt: diejenigen, die sich vorher so sehr prüfen und vorbereiten, dass sie sich dem göttlichen Tisch mit dem Hochzeitskleid angetan nähern.“

Sowohl Thomas von Aquin als auch das Konzil von Trient geben an, dass es Menschen gibt, die zwar sakramental teilhaben, aber nicht geistlich, so dass sich die Früchte des Sakraments in ihrem Leben nicht zeigen. Das ist ein entscheidender Punkt im Hinblick auf die wiederverheirateten Geschiedenen; dies bedeutet, dass die sakramentale Teilnahme ihnen/uns nicht die Gemeinschaft mit Gott garantiert. In Teil III, Frage 80, Artikel 1 schreibt Thomas von Aquin: „Wie das Vollkommene vom Unvollkommenen unterschieden ist, so ist der sakramentale Empfang – wenn nur das Sakrament empfangen wird, ohne seine Auswirkung – vom geistlichen Empfang unterschieden, bei der die Auswirkung des Sakraments empfangen wird, wodurch derjenige durch Glaube und Liebe geistlich mit Christus vereint ist.“

Über die geistliche Kommunion gibt es viel zu sagen, doch für jetzt mag es reichen, zu bemerken, dass sie untersucht und den Gläubigen beigebracht werden muss, so dass sowohl diejenigen, die sakramental teilnehmen können, als auch diejenigen, die dies nicht dürfen, aus der Frucht Nutzen ziehen, über die die Kirchenväter geschrieben haben.

Was denken Sie über den Vorschlag, Ehenichtigkeitsverfahren zu erleichtern?

Es besteht kein Zweifel, dass das Annullierungsverfahren beschwerlich geworden ist – mehr legal als pastoral. Ich glaube, es würde die Kirche gesünder und schöner machen, wenn die Synodenväter dieses Thema überdenken und mit wirklicher pastoraler Fürsorge erfüllen könnten. Ich meine damit nicht, es so zu verändern, dass die Scheidung vereinfacht wird – im Gegenteil. Die Überarbeitung des Annullierungsverfahrens, die ich mir vorstelle, sollte so pastoral sein und das Ehepaar so liebevoll einbeziehen, dass es am Ende den gegenteiligen Effekt haben wird: einen Rückgang der Ehescheidungen in der Kirche.