Ein Fass ohne Boden

Madabas „Amerikanische Universität“ bleibt vorerst das Sorgenkind der Kirche im Heiligen Land. Von Andrea Krogmann

Der elegante Campus der Universität Madabas gilt als glatte Fehlinvestition. Foto: IN
Der elegante Campus der Universität Madabas gilt als glatte Fehlinvestition. Foto: IN

Madaba/Jerusalem (DT) Zum „Flagschiff der Bildung“ sollte sie einst werden, stattdessen wurde sie zum Klotz am Bein des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem: Die „Amerikanische Universität von Madaba“ (AUM), geistiges Kind des emeritierten Patriarchen Fouad Twal und Tribut des Jordaniers an seine Heimatstadt, war von Anfang an umstritten. Die Sachlage scheint den Kritikern auch nach acht Jahren Recht zu geben: Die Kosten des ehrgeizigen Projekts belasten die Finanzen des Patriarchats erheblich. Fehlentscheidungen rund um die AUM waren es unter anderem, die Rom zur Ernennung eines Apostolischen Administrators anstelle der unmittelbaren Wiederbesetzung des Patriarchenpostens nach dem altersbedingten Rücktritt Twals bewogen haben.

2005 erhielt das Jerusalemer Patriarchat grünes Licht für die erste katholische Universität in Jordanien: Der Hohe Rat für Bildung der jordanischen Regierung erteilte dem Großprojekt seine Erlaubnis. Eine Ausbildung auf hohem wissenschaftlichen Niveau, gepaart mit einer klaren Gesellschaftsvision, so beschrieb Twal sein 75-Millionen-Dollar-Projekt für die künftige Nahostelite. „Wir wollen ein Umfeld basierend auf der Kultur von Ehrlichkeit und Offenheit gegenüber anderen schaffen; eine Institution, die die ,Leader‘ einer friedlichen und zufriedenen Gesellschaft, die für jedermann offen ist, ausbildet.“

Mit den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hatte die Hochschule mit einem Jahresbudget von über sechs Millionen Euro prominente katholische Unterstützer, die nicht zuletzt finanziell ein Zeichen setzten. 15 Millionen Euro spendete Papst Benedikt XVI. Auch der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem griff immer wieder tief in die Spendentasche. Allein eine Million Euro gingen in die Bibliothek.

Anlässlich seiner Heiliglandreise 2009 segnete Papst Benedikt XVI. persönlich den Grundstein des Campus unweit des Internationalen Flughafens von Amman. „Ich bete, dass Ihre Träume bald wahr werden, dass Sie Generationen von qualifizierten Christen, Muslimen und Gläubigen anderer Religionen erleben können.“ Besonders die christlichen Studenten Jordaniens und der Nachbarregionen ermahnte er, sich verantwortungsvoll der eigenen professionellen und moralischen Ausbildung zu widmen. „Ihr seid gerufen, Bauleute einer gerechten und friedlichen Gesellschaft zu sein, die sich aus Menschen mit verschiedenem religiösen und ethnischen Hintergrund zusammensetzt“, so Papst Benedikt XVI. Ein solcher „Ort des Verständnisses und des Dialogs“ solle die AUM werden.

Anfang 2011 schließlich ging die Hochschule online, im Oktober desselben Jahres nahm sie ihren Lehrbetrieb auf. Sieben Fakultäten mit Raum für 8 000 Studenten und 500 Dozenten, lautete das Volumen. Zwischen Naturwissenschaften, Ingenieurwesen, Informatik, Gesundheitswissenschaften, Wirtschaft und Finanzen, Kunst und Design, Sprachen und Kommunikation können die Studierenden wählen. Eine theologische Fakultät ist bewusst nicht im Fächerkanon enthalten. Man wolle „Qualität ohne versteckte Agenda“, für die eigene Glaubwürdigkeit sei die Universität laizistisch angelegt, sagte Majdi Siryani, von 2011–2015 CEO der AUM, in deren Anfangsphase. Unterrichtssprache ist Englisch, und Kooperationen wie Austauschprogramme mit europäischen und US-amerikanischen Universitäten sollen das Programm abrunden. Einer dieser Partnerschaften, jene mit der Universität von New Hampshire, verdankte die junge Institution im Mai 2011 den Namenswechsel zu „Amerikanische Universität von Madaba“.

Viele einheimische Christen teilten die Begeisterung für die neue Universität nicht. Zu groß, zu teuer und von fragwürdigem Nutzen für die Christen der Region, hieß es hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand. Die katholische Privatuniversität „Amerikanische Universität von Madaba“ sei ein Fass ohne Boden. Gerüchte über Misswirtschaft im Haushalt des Patriarchats schürten zusätzlich Unzufriedenheit. Die Universitätsverantwortlichen im Patriarchat taten dererlei Anschuldigungen bislang als unverantwortliche üble Nachrede ab, verwiesen auf den höheren Christenanteil unter den Studierenden und die christliche Prägung der Universität durch das Lehrpersonal und die Angestellten.

Das Interesse der Studierenden an der neuen Privatuniversität hielt sich jedoch von Anfang an in Grenzen: 200 schrieben sich im ersten Jahr ein, die Zahlen verdreifachten sich im Jahr 2012/13 und das Wachstum hält nach Angaben der Universität an. 2013 schließlich wurde die Privatuniversität mit prominenter Beteiligung auch offiziell eingeweiht. Neben dem Patriarchen kamen der Präfekt der Kongregation für die Orientalischen Kirchen, Kardinal Leonardo Sandri, und der jordanische König Abdullah II. 800 Studierende zählte die auf das Zehnfache ausgelegte Einrichtung im Jahr ihrer offiziellen Eröffnung.

Die unerwarteten Schulden waren seither wiederholt Thema der wichtigen Spender. Rom entschied sich schließlich, die AUM mittels einer Vatikanischen Stiftung mit neuen Sicherheiten zu unterstützen. Seit Mai 2015 konnten so unter Leitung von Kardinal O?Brien, Großmeister des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem, unter anderem durch Verhandlungen mit Banken reduziert werden. Auch der Orden selbst appellierte wiederholt an die Solidarität seiner Mitglieder.

Akademisch bescheinigte der damalige Nuntius Antonio Franco der Bildungseinrichtung eine gute Verwaltung. Diese Einschätzung teilt auch der Leiter des Jerusalemer Patriarchats, Pierbattista Pizzaballa. Die Studierendenzahlen steigen, schrittweise seien Verbesserungen festzustellen, das Potenzial sei also gut, sagte er nach der Übernahme des Patriarchats. Eine Schließung Madabas stehe weder zur Debatte noch sei sie sinnvoll.

Nachdem bislang die Diskussion um das heikle Thema vor allem unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hatte – und unter der Hand Gerüchte die Runde machten – hat unter Pizzaballa offenbar ein Umdenken eingesetzt: Im Anschluss an eine zweitägige Konsultation seines Klerus verfasste der italienische Erzbischof ein Schreiben an sein Bistum, in dem er Probleme und Fehlentscheidungen der früheren Kirchenleitung bekennt. Dem Klerus, heißt es darin, sei es ein Anliegen gewesen, die gegenwärtigen Probleme der Diözese transparent zu machen. „Es wurden Fehler gemacht und falsche Entscheidungen getroffen, die das Leben des Patriarchats beeinträchtigt haben, finanziell und administrativ, hauptsächlich, was die Amerikanische Universität von Madaba betrifft.“

Details enthält der Brief an die Heiliglandkatholiken nicht, aber ein Anfang ist gemacht: Offiziell hat das Patriarchat unter seinem neuen Leiter Fehler eingestanden, Probleme benannt. Zusammen mit dem offensichtlichen römischen Willen, die AUM am Leben zu erhalten, ist damit die Richtung für einen Ausweg aus der Krise eingeschlagen. Ist die finanzielle Situation einst vollständig saniert, soll auch die Verwaltung der AUM wieder in die Hände des Patriarchats zurückgelegt werden.