Ein Dorf, in dem die Stille steht

Die Baugeschichte der Heilig-Grab-Kirche in Torres del Río gibt Pilgern Rätsel auf – Serie Jakobsweg (Teil IV) Von Andreas Drouve

Torres del Río ist eines jener Dörfer am Jakobsweg, in denen die Stille steht, in denen das bäuerliche Leben seinen gewohnten Gang geht, in denen unverbrauchtes Flair in den Gassen hängt. Eines jener Dörfer, die auf den ersten Blick vollkommen unspektakulär wirken – doch dann kommt ein zweiter Blick, im Fall von Torres del Río auf die Kirche des Heiligen Grabes im Ortskern, der im wohligen Abseits der Durchgangsstraße liegt. Der Grundriss des Kirchleins ist oktogonal und an der Seite ein zylindrischer Turm mit einer Wendeltreppe im Innern angesetzt, die auf dem Dach endet, dem wiederum eine achteckige Laterne aufsitzt. Das Ensemble sticht als Juwel der Romanik hervor, um das sich ebenso Rätsel ranken wie um Santa María de Eunate, wo wir im zweiten Teil unserer Jakobswegserie Station gemacht haben. Wurde die Heilig-Grab-Kirche, hier in dieser Senke im Westen Navarras zwischen Los Arcos und Viana, im 12. Jahrhundert von den Templern erbaut und benutzt? Oder war es eine Totenkapelle für verstorbene Santiago-Wallfahrer?

Umfangen von einer bestechenden Bauharmonie

Das Kirchlein kostet Eintritt, die Dame am Zugang führt strikt Regiment, hält jedoch ein farbiges Faltblatt bereit, sogar auf Deutsch. Kaum hat man die Geldbörse eingesteckt, fühlt man sich umfangen von einer außergewöhnlichen Aura, von einem warmen Licht, von einer bestechenden Bauharmonie. Der Blick steigt zur Kuppel auf, in der die Rippen, die in ausgefeilter Symmetrie über- und ineinander laufen, einen achtstrahligen Stern formen. Das Faltblatt liefert Details zu den Spitzbögen, die das Gewicht der Mauern tragen, und zu zwei Fenstern aus Halbbögen, die schmal sind, jedoch stark verziert, mit einem einfachen Sockel und einem überproportional großem floralem Kapitell. Über den Kragsteinen, über denen die sich kreuzenden Bögen abgehen, erkennt man das sogenannte „Schachbrettmuster von Jaca“, ein am Jakobsweg verbreitetes Gestaltungselement an romanischen Bauten. Ausgehend vom Vorpyrenäenstädtchen Jaca, wo es erstmals auftauchte, wanderte dieses reliefartige Motiv eines Steinschmuckbandes mit Architekten und Kunsthandwerkern am Jakobsweg entlang und fand dort Verbreitung. Laut Faltblatt sollen jene Bildhauer, die die Heilig-Grab-Kirche verzierten, allerdings Muselmanen gewesen sein, die den christlichen Kunden zu Diensten standen. „Das Design der Kirche stammte aus Córdoba, und sie ist auch etwas von der Kunst der Zisterzienser beeinflusst“, heißt es auf der ersten Seite der kleinen Infoschrift, während Seite drei beim Design der Kuppel vom andalusischen Córdoba abrückt und als Vorbild ein Gewölbe im Maurenpalast Aljafería im aragonesischen Saragossa ins Feld führt. Zwischen Córdoba und Saragossa liegen in Spanien indes mehr als 700 Kilometer ...

Ein geheimnisumwehtes, eindrucksvolles Unikat

Kurzum: Genaues ist zur Bau- und auch zur Nutzungsgeschichte nicht bekannt, dokumentarische Belege fehlen völlig. Die Heilig-Grab-Kirche, an die rückwärtig ein normales Wohnhaus anstößt, muss man nehmen wie sie ist: als geheimnisumwehtes Unikat, eine der eindrucksvollsten am gesamten Pilgerweg. Spärlich fällt das Licht durch Alabasterfensterchen hinein, auch in die halbkreisförmige Apsis, die einen schmalen, schmucklosen Einlass aufweist. Genau davor hängt ein Bildnis des Gekreuzigten, ein Meisterwerk aus dem 13. Jahrhundert, das seinen Schatten gegen die Sandsteinwand wirft. 98 Zentimeter misst die Holzfigur, die die Augen geschlossen hält, eine Krone trägt und einen drastischen Ausdruck vermittelt. Der Körper ist mit Wundmalen übersät, über Gesicht und Halspartie läuft Blut. Unterhalb des Bildnisses liegt, eingefasst in eine Sichthülle, ein spanischsprachiges Blatt mit einem Impuls aus der Sicht des Gekreuzigten, der sich an die Ankömmlinge wendet: „Wenn du eintrittst, schau mich an und betrachte gut meine offenen Wunden. Du wirst sehen, dass du mir das Blut, das ich vergossen habe, schlecht lohnst. Mensch, bitte mich um Vergebung. Obgleich du mich zu dem gemacht hast, der ich bin, verlange ich nichts weiter von dir als ein reuiges Herz.“