Ein Bürge für Ansgar Wucherpfennig?

Im Streit um den Jesuiten kursiert eine mögliche Lösung. Von Kilian Martin

Vor mittlerweile einem Monat hätte Ansgar Wucherpfennig nach dem Votum der Hochschule Sankt Georgen seine dritte Amtszeit als Rektor antreten sollen. Nach wie vor haben die zuständigen Stellen im Vatikan der Personalie jedoch nicht zugestimmt – oder sie endgültig abgelehnt. Gefüllt wird die lange Wartezeit mit einer kontroversen Debatte über das Verhältnis von Wissenschaft und Kirche.

Einer der prominentesten Wortführer ist dabei Wucherpfennig selbst. Zuletzt äußerte der Jesuit sich am vergangenen Donnerstag in einem Interview der „Zeit“ umfangreich zu seiner Situation. Dabei sparte er nicht an Vorwürfen in Richtung Rom: Die katholische Kirche unterminiere die Wissenschaftsfreiheit, erklärte der Exeget. Aufgabe der Theologie als Wissenschaft sei es, „die eigenen Positionen und Forschungsfragen mit der Glaubenslehre der katholischen Kirche ins Gespräch zu bringen“. Dazu gehöre auch, „die Punkte aufzuzeigen, die kritikwürdig sind“. In den Augen manches Kirchenvertreters hatte Wucherpfennig allerdings schon jene Grenze überschritten, bis zu der diese wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Lehramt legitim ist.

Deutlich brachte dies der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, zum Ausdruck: Hochschullehrer seien „gefordert, die akademische Wissenschaft mit der Lehre der Kirche zu vereinbaren“, erklärte er in der November-Ausgabe der „Herder Korrespondenz“. Die Theologen hätten sich nach dem zu richten, was die Kirchenlehre, also der Katechismus sagt. Auf den verwies in der vergangenen Woche auch Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Die Lehre der Kirche sei klar dargelegt und daran müsste sich jeder halten, der im kirchlichen Dienst an einer Hochschule wirkt. Wucherpfennig wiederum erklärte, ihm gehe es „um eine vernünftige Kritik der Evangelien“. Die Grundlage des christlichen Glaubens müsse „in ihrem historischen Werden“ verstanden werden.

Erneut bestätigte der Jesuit zudem, woran das „Nihil obstat“ zu seiner Ernennung bislang scheiterte: Der Vatikan hatte nicht nur an seinen Aussagen zur Homosexualität Anstoß genommen, sondern insbesondere an Wucherpfennigs Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare. Der Exeget stützt sich dabei auf die Bibel und erklärt, gleichberechtigte homosexuelle Liebe werde darin nirgends verurteilt. „Diese These ist seine persönliche Meinung“, kommentierte Nuntius Eterovic. „Hochschullehrer brauchen aber eine katholische Meinung.“

Neben allen guten Gründen, die aus lehramtlicher Perspektive für eine Ablehnung der Personalie sprechen mögen, sorgte zuletzt jedoch auch der Vorgang selbst für Debatten. So kritisierten etwa die Jesuiten in Deutschland, die Entscheidung des Vatikan, vorerst kein „Nihil obstat“ auszusprechen, sei erst sehr spät mitgeteilt worden. Zudem habe man Wucherpfennig keine Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt. So stand der bisherige Rektor von Sankt Georgen wenige Tage vor Semesterbeginn ohne Erlaubnis da, sein Amt weiterzuführen, an seiner Stelle musste der Prorektor einspringen. Im Vatikan sei diese Eskalation allerdings gar nicht beabsichtigt gewesen, berichtete nun die „Herder Korrespondenz“. Es habe sich vielmehr um eine unheilvolle Mischung aus langwierigen Dienstwegen und dem engen Festhalten an Richtlinien ausgerechnet der Deutschen Bischofskonferenz gehandelt, die zum bekannten Ergebnis führte.

Auf deutlich größeres Interesse stieß jedoch das von der Zeitschrift präsentierte mögliche Szenario zur Lösung des Konflikts. Demnach könnte der Vatikan unter einer Bedingung das „Nihil obstat“ aussprechen: Der Generalobere der Jesuiten, Arturo Sosa, solle als Bürge für die Rechtgläubigkeit seines Ordensbruders Wucherpfennig eintreten. Wie die Jesuiten selbst zu dieser Idee stehen, wurde zunächst nicht bekannt. Allerdings kam auch bald Kritik an dem Vorschlag auf, namentlich von Kardinal Müller, der von einem „faulen Kompromiss“ sprach. Der Orden könne nicht für die Orthodoxie eines seiner Mitglieder bürgen: „Pater Wucherpfennig ist nicht der Leibeigene des Jesuitenordens, sondern eine eigenverantwortliche Persönlichkeit“, erklärte Müller. Für die Rechtgläubigkeit der Lehre des Frankfurter Jesuiten könne schließlich nur einer geradestehen: Ansgar Wucherpfennig.