Ein Blick auf das katholische Deutschland

Andreas Püttmann beschäftigt sich mit den Folgen der Selbstsäkularisierung und der Institution Kirche. Von Josef Bordat

Der Politologe Andreas Püttmann legt eine Art Leistungsbilanz der katholischen Kirche in Deutschland vor: „Wie katholisch ist Deutschland… und was hat es davon?“. Dabei geht es dem Verfasser nicht um eine Darstellung kirchlichen Lebens in seiner vielfältigen Form und in den diversen Einrichtungen, die der hiesige „Verbandskatholizismus“ hervorgebracht hat, auch nicht in erster Linie um theologische und ekklesiologische Fragen, sondern „um das nicht so leicht Fassbare oder Sichtbare des Katholischen in Deutschland, um seine politisch-kulturellen und sozialpsychologischen Spuren“. In drei Schritten nähert er sich seinem Gegenstand, um das Abstrakte konkret zu machen. Ebenso aufschlussreich wie ausgewogen sind Püttmanns historische und soziologische Darlegungen in den ersten beiden Teilen, streitbar und engagiert seine Analyse der Gegenwart katholischen Denkens und Meinens, jenseits des Glaubens. Dort hat der kämpferische Katholik dem besonnenen Akademiker bei mancher Formulierung die Feder aus der Hand genommen.

Der Religionssoziologe interessiert sich vor allem für die soziale Dimension der Kirche – ihr Verhältnis zu Staat und Bürger. Gemeinwesenrelevante Bereiche katholischen Wirkens stehen damit im Fokus: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Püttmann legt dar, wie die katholische Kirche mit ihrer Soziallehre Einfluss auf die junge Bundesrepublik nahm und bis heute den Staat in seiner Aufgabe unterstützt, den sozialen Frieden zu wahren. Dazu gehören die Institutionen des Bildungswesens ebenso wie der Beitrag kirchlicher Krankenhäuser und Pflegeheime; die Zahlen, die Püttmann nennt, beeindrucken. Aber auch qualitativ ist der positive Einfluss kirchlichen Handelns so grundlegend für unser Zusammenleben, weil es wertebildend ist – „eine gottlose Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne Kirchen und Religionsgemeinschaften hätte verheerende Folgen“, zitiert der Verfasser Gregor Gysi. Zahlreiche Studien zum Thema zeigten, so Püttmann, dass deutsche Katholiken loyale Staatsbürger sind, was nicht mit einer größeren Affinität zu Gehorsam und Ordnung, also einem Hang zu Obrigkeitshörigkeit, erklärt werden könne (so die kirchenkritische Hypothese Uta Ranke-Heinemanns), sondern mit dem Bewusstsein, dass katholische Inhalte in die bundesdeutsche Rechtsordnung Eingang fanden. Deutschland hat also eine ganze Menge davon, dass es die katholische Kirche gibt.

Eine solch funktionalistische Sicht auf Religion ist zwar nie erschöpfend, bringt aber Aspekte ans Licht, die überraschen und die auch für die kirchliche Pastoral eine Basis liefern: Das Selbstbewusstsein habe nachgelassen, so Püttmann, die Selbstsäkularisierung schreite voran, durch „religiösen Individualismus, Ekklektizismus und Indifferenz“. Von den verbliebenen Kirchenmitgliedern fühle sich nur die Hälfte mit der Kirche verbunden. Der Verfasser warnt die Kirche, mit der er sich nach wie vor identifiziert, die falschen Schlüsse zu ziehen, also sang- und klanglos den Forderungen der modernen Gegenwartsgesellschaft nachzugeben, weil „Beliebtheit und ,Zeitgemäßheit‘ nicht nur normativ kein Maßstab für eine christusförmige Kirche sein dürfen, sondern auf längere Sicht nicht einmal eine Erfolgsgarantie für Bindungskraft und gesellschaftliche Akzeptanz einer Kirche sind“.

Der Verfasser zeigt, dass es dem Katholizismus besser gelang, den totalitären Zugriffen zu entgehen, denen sich die Kirchen im 20. Jahrhundert ausgesetzt sahen. Neben der Frage, welche Rolle die Kirche in der und für die säkulare Gesellschaft spielte und spielt und wie dabei das Verhältnis der Konfessionen zu bewerten ist, geht es Püttmann insbesondere um eine Analyse gegenwärtiger innerkirchlicher Strömungen. Während er dabei den Entweltlichungsimpuls Benedikts zustimmend aufnimmt, wird die Neuevangelisierung nicht eigens thematisiert. Der Verfasser kritisiert die 2013 einsetzenden Versuche einer „Entratzingerisierung“ im liberalen Katholizismus ebenso wie die „Wagenburgmentalität“ und „Selbstviktimisierung“ derer, die Püttmann dem „erzkonservativen Milieu“ zuordnet, das in seiner Geschlossenheit „zur Verdummung neigt“ – wie „alle geschlossenen Systeme“. Dass dies auch für selbstreferenzielle Meinungs- und Zitationskartelle gilt, weist der Verfasser im Zusammenhang mit der medialen Rezeption des Themas „Missbrauch“ nach, denn anders lässt sich die kontrafaktische Verengung des Problembewusstseins auf die katholische Kirche nicht erklären. Es ist gut, hierzu noch einmal einige aussagekräftige Daten vorzufinden, welche die publizistische „Sonderbehandlung“ der katholischen Kirche als Kampagne entlarven, in der es weniger um die Opfer als vielmehr darum geht, „die katholische Kirche nach und nach kleinzukriegen“, wie Püttmann eine namentlich nicht genannte „Talkshow-Redakteurin“ zitiert.

Dem Verfasser gelingt es weitgehend, empirische Befunde und sachliche Folgerungen in kompakter und verständlicher Form zum Ausdruck zu bringen und damit ohne falsches Pathos Werbung zu machen für eine gute Einrichtung unserer Gesellschaft: die katholische Kirche.

Andreas Püttmann: Wie katholisch ist Deutschland… und was hat es davon? Bonifatius-Verlag 2017, 240 Seiten,

ISBN 978-3-89710-712-0, EUR 16,90