Ein Besuch im Schatten des Missbrauchsskandals

Kein Triumphzug: Der Papst muss in Chile Vergangenes aufarbeiten. Von Guido Horst

Papstbesuch in Chile
Kein Heimspiel: Papst Franziskus muss in Chile unbequeme Themen ansprechen. Foto: dpa
Papstbesuch in Chile
Kein Heimspiel: Papst Franziskus muss in Chile unbequeme Themen ansprechen. Foto: dpa

Rom (DT) Nach Wochen einer nicht immer erfreulichen Vorbereitung auf den Papstbesuch hat Franziskus am vergangenen Dienstag in Santiago de Chile seine sechste Lateinamerikareise begonnen – mit einem ungewöhnlich dichten Programm. Fünf Begegnungen, fünf Ansprachen und weitere private Treffen: Die Strapaze des fünfzehnstündigen Hinflugs am Montag und der „time lag“ konnten den Papst nicht davon abhalten, ganz unterschiedliche Orte zu besuchen. Die lebendigste und in gewisser Weise fröhlichste Station war sein Bad in der Menge von etwa fünfhundert Insassinnen des Frauengefängnisses von Santiago de Chile. Das förmlichste und auch kürzeste Treffen war das mit den Bischöfen des Landes in der Sakristei der Kathedrale der Hauptstadt.

Zwei Themen hatten vor der Visite Wellen geschlagen: Die Proteste von Indigenen – in den Medien war die Rede von radikalisierten Gruppen der Mapuche, der Ureinwohner im Süden Chiles. Und die Missbrauchsskandale in der Kirche, die in dem südamerikanischen Land vor allem mit zwei Namen verbunden sind: dem des einst als charismatischem Priester verehrten Fernando Karadima Farina, dessen Pfarrei in Santiago ein geistliches Zentrum war, bis 2010 die Anklagen kamen, er habe Minderjährige und Jugendliche missbraucht. Der heute 87-Jährige lebt seit der kirchlichen Verurteilung 2011 zurückgezogen in einem Ordenshaus, aber einer seiner „Schüler“ steht heute in der Kritik: Bischof Juan de la Cruz Barros Madrid. Das ist der zweite Name, um den sich heute die Missbrauchsdebatte in Chile dreht.

Ein merkwürdiger Fall. Papst Franziskus wusste von den Anschuldigen, Barros habe von den Vergehen seines geistlichen Ziehvaters Karadima gewusst und diese willentlich verschwiegen. Barros war Militärbischof und eigentlich hatte ihm der Apostolische Nuntius in Chile, Erzbischof Ivo Scapolo, im Jahr 2014 nahegelegt, beim Papst seinen Rücktritt einzureichen und ein Sabbatjahr einzulegen. Doch in den Monaten darauf verwickelten sich die Dinge: Plötzlich ernannte Franziskus Barros zum Ortsbischof von Osorno. Heftige Proteste in der Diözese waren die Folge, der Ständige Rat der chilenischen Bischofskonferenz schrieb dem Papst einen Brief und bat ihn, seine Entscheidung zu überdenken. Doch Franziskus bekräftigte in einem Antwortbrief vom 31. Januar 2015 seine Ernennung, bestätigte aber, von der Kontroverse um Bischof Barros gewusst zu haben. Dieser Brief wurde jetzt kurz vor dem Besuch durch die Nachrichtenagentur „Associated Press“ öffentlich gemacht – hatte ihn einer der Bischöfe an die Agentur durchgestochen? Es legte sich jedenfalls ein Schatten auf den Besuch. Franziskus stand jetzt selber in der Kritik und dass Bischof Barros am Dienstagmorgen an dem ersten großen Gottesdienst des Papstes teilnahm, sorgte für zusätzliche Proteste, etwa vom ehemaligen Staatspräsidenten Eduardo Frei.

Franziskus jedenfalls wusste, wie die Stimmung im Lande ist und sprach den Missbrauch durch Kleriker direkt bei seinem ersten Auftritt am Dienstag an, dem vor den Vertretern der Regierung, des Diplomatischen Corps und des gesellschaftlichen Lebens. Nach der Begrüßung durch die scheidende Präsidentin Michelle Bachelet sprach er im La Moneda-Palast über die Fähigkeit einer Nationen, zuhören zu können, auch den Arbeitslosen, den Indigenen, den Migranten, den Alten wie den Kindern. „Und hier kann ich nicht umhin“, fügte Franziskus an, „den Schmerz und die Scham – die Scham! – zum Ausdruck zu bringen, die ich angesichts des nicht wieder gutzumachenden Schadens empfinde, der Kindern von Geistlichen der Kirche zugefügt worden ist. Ich möchte mich mit den Mitbrüdern im Bischofsamt vereinen; denn es ist recht, um Verzeihung zu bitten und mit allen Kräften die Opfer zu unterstützen.“ Noch am Mittag sollte der Papst in der Apostolischen Nuntiatur eine Gruppe von Missbrauchsopfern zu einer privaten Begegnung empfangen.

Vor Priestern und Ordensleuten in der Kathedrale sprach er das Thema dann wieder an und nannte die Folgen des Verlustes an Glaubwürdigkeit, die der Missbrauchsskandal für die Seelsorger mit sich brachte: Misstrauen, Anfeindungen, innere Zweifel. Franziskus wird in Chile nicht nur die Nöte „der Anderen“ ansprechen, der Indigenen wie der Mapuche oder die der Migranten. Er wird auch die Nöte und Leiden im Innersten der Kirche aufgreifen müssen.