Ein „Abenteuer im Heiligen Geist“

Festakt zum 50-jährigen Bestehen des kirchlichen Hilfswerks Misereor in Aachen

Aachen (DT) Ein „Abenteuer im heiligen Geist“ sollte das Hilfswerk Misereor sein. Das forderte der Kölner Kardinal Frings in seiner historischen Gründungsrede im August 1958. Diese für die Arbeit Misereors bis heute prägende Rede wurde immer wieder erwähnt beim Festakt zum 50-jährigen Bestehen des katholischen Werks am Sonntag in Aachen.

In seiner Predigt beim Pontifikalamt im Aachener Dom erinnerte Bischof Heinrich Mussinghoff an die damaligen Worte des Kardinals. Er erinnerte auch daran, das Kardinal Frings schon damals zwei Grundpfeiler für die Arbeit des kirchlichen Entwicklungswerkes benannt habe: „Zum einen sollten im biblischen Sinne ... Werke der Barmherzigkeit ... geübt werden: Krankenhäuser, Leprastationen, Armenapotheken und Volksküchen sollten eingerichtet, Nahrung und Medikamente bereitgestellt werden.“ Gleichzeitig aber, so der Aachener Bischof, habe Kardinal Frings seinerzeit bereits gefordert, „den ,Mächtigen ins Gewissen zu reden‘. Denn er sah die Notwendigkeit struktureller Veränderungen, wenn nachhaltig Hunger und Armut in der Welt bekämpft werden sollen.“

Bei der anschließenden Feier im historischen Krönungssaal des Aachener Rathauses gab es Rückblicke auf fünf Jahrzehnte Misereor-Arbeit: durch kurze Filme zu Projekten in Afrika, Asien und Lateinamerika, durch Gesprächsrunden mit verantwortlichen Mitarbeitern und ehrenamtlichen Helfern.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, betonte in seinem Festvortrag, dass Misereor heute durch vielfältige Projekte, vor allem in den Bereichen Landwirtschaft, Gesundheitsfürsorge und Bildung, und durch enge Verbindungen zu Partnerorganisationen vor Ort in zahlreichen Regionen des Südens präsent sei. Neben unmittelbarer Armutsbekämpfung sei der strukturelle Aspekt wesentlicher Teil der Arbeit. Erzbischof Zollitsch erinnerte daran, dass Misereor zum Beispiel entscheidend zur Überwindung der Apartheid in Südafrika beigetragen hat.

„Misereor gibt Hilfe zur Selbsthilfe, weckt Kräfte in den Menschen, damit sie selber ihre Zukunft gestalten können“, erklärte der Erzbischof. „Wir dürfen uns niemals darauf beschränken, im Einzelfall durch Almosen zu helfen. Sondern unser Ziel muss die nachhaltige Veränderung ungerechter Strukturen in Staat und Wirtschaft sein. Durch sein Engagement eröffnet Misereor auch hier entscheidende Perspektiven für die Menschen.“

Im Gespräch mit der Tagespost hob Erzbischof Zollitsch hervor, der große Vorteil eines katholischen Hilfswerks wie Misereor sei die Nähe zu den Menschen vor Ort: „Misereor ist eine Institution, die in den Ländern des Südens arbeitet. Das trägt dazu bei, neu entstehende Probleme rechtzeitig zu erkennen, auf strukturelle Missstände hinzuweisen und weltweit das Problembewusstsein zu stärken – etwa wenn landwirtschaftliche Flächen zur Rohstoffproduktion für Biosprit statt zur Herstellung von Nahrungsmitteln genutzt werden oder wenn Lebensmittelpreise so hoch steigen, dass die Armen ihren täglichen Bedarf an Mais oder Reis nicht mehr bezahlen können.“

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz begrüßte in diesem Zusammenhang die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit des katholischen Hilfswerks mit dem staatlichen Entwicklungsministerium. Diese Kooperation sei wichtig, gerade wenn es um die Bekämpfung struktureller Defizite gehe. „So kann es gelingen, ein weltweites Bewusstsein von den wechselseitigen Vernetzungen zu schaffen, das Bewusstsein: Was heute in Afrika geschieht, in Lateinamerika, das kommt morgen auch bei uns an. Zu dieser Bewusstseinsbildung hat Misereor in den vergangenen Jahren viel beigetragen.“

Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, Ehrengast und Festredner bei den Feierlichkeiten in Aachen, betonte die Bedeutung der Zusammenarbeit von Misereor mit staatlichen Stellen. Es sei nur zu unterstützen, wenn das Hilfswerk sein Augenmerk verstärkt auch auf politische Veränderungen in den Ländern des Südens richte. Beispielsweise leiste Misereor durch die Ausbildung von Wahlhelfern im Kongo einen wesentlichen Beitrag zur Demokratisierung Afrikas. „Ich bin überzeugt“, so der Ministerpräsident, „dass ohne Demokratie keine Freiheit und letztlich auch kein Wohlstand möglich ist. Wir wissen, dass alle ,Staatswirtschaftssysteme‘ in die Unfreiheit führen – bestes Beispiel ist China. Und deshalb ist es wichtig, dass über einen Prozess wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung gleichzeitig ein Prozess der politischen Selbstbestimmung und Selbstverantwortung ermöglicht wird.“

Wesentliche Grundrechte – zum Beispiel das Recht auf Bildung – würden den Armen in vielen Ländern noch immer vorenthalten, stellte Jürgen Rüttgers fest. Wenn es darum gehe, die Welt besser und gerechter zu gestalten – und eben dies sei der Auftrag von Misereor und eigentlich der Auftrag aller Menschen – „dann müssen wir dafür sorgen, dass jeder, egal, wo er auf diesem Globus lebt, egal, ob er arm oder reich ist, die Grundrechte von Meinungs- und Versammlungsfreiheit, auch von Religionsfreiheit leben kann. Deshalb hat Entwicklungshilfe immer auch zu tun mit der Erkämpfung von Menschenrechten für alle.“

Beim Festakt in Aachen ging es nicht nur um Rückblicke auf fünfzig Jahre Misereor-Arbeit. Der Blick richtete sich auch auf gegenwärtig drängende Probleme, und nicht zuletzt standen Ausblicke in die Zukunft an. Josef Sayer, Hauptgeschäftsführer des katholischen Werks, unterstrich, zu Beginn des 21. Jahrhunderts sei die wohl größte weltweite Herausforderung der Klimawandel, der die Zukunft künftiger Generationen gefährde.

Gegenwärtig führt Misereor zusammen mit dem Potsdamer Institut für Klimaforschung ein Projekt durch, das sich auf besonders gefährdete Regionen im Kongo, in Zentral- und Südamerika, in Indonesien, Indien und Bangladesh konzentriert. Im Rahmen dieses Projektes werden exemplarisch Daten und Fakten zum Klimawandel gesammelt und überlegt, wie gegengesteuert werden. Professor Sayer erläuterte: „Wir organisieren Dialogforen in den Regionen der Südens, aber auch in der Bundesrepublik, diskutieren mit Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, mit Bürgergruppen. Es kommt darauf an, dass wir unseren Lebensstil neu gestalten, aber auch unsere Produktionsweisen so verändern, dass es zu einer Trendwende im Klimawandel kommt.“ So trägt Misereor entscheidend dazu bei, das Bewusstsein weltweiter Zusammenhänge und Abhängigkeiten auch hierzulande zu stärken und Anstrengungen zu intensivieren, die Welt zukunftsfähig zu erhalten.