Ehen beginnen im Kinderzimmer

Die Erziehung zu menschlicher Reife als erster Impuls zur Intensivierung der katholischen Ehevorbereitung. Von Maria Pelz

Damit Ehepaaren nicht kurz nach der Hochzeit die Luft ausgeht, braucht es die richtige Einstellung und das nötige Rüstzeug. Ein Abenteuer ist Heiraten heute allemal, wie die Aufnahme der Unterwasserhochzeit im Sea Life Aquarium im südspanischen Málaga zeigt. Foto: dpa
Damit Ehepaaren nicht kurz nach der Hochzeit die Luft ausgeht, braucht es die richtige Einstellung und das nötige Rüstze... Foto: dpa

Die hohe Zahl der Kirchenaustritte legt den Glaubensschwund offen. Menschen aus Familien, in denen der Glaube keine Rolle mehr zu spielen scheint, werden zu Taufscheinkatholiken. Nicht zuletzt beim Thema Ehe und Familie stellt sich die Frage: Wie sollen gutwillige Ahnungslose eine sakramentale, gültige Ehe schließen können? Was nottut, ist eine gute und vollständige, also faire Aufklärung über die katholische Eheauffassung – als Befähigung zu einer echten persönlichen Entscheidung für oder gegen eine katholische Eheschließung. Während Fahrschüler zahlreiche Pflichtstunden Ausbildung absolvieren, soll die Entscheidung, zu zweit in einen sakramentalen Stand einzutreten, manchmal lediglich nach einem Gespräch und einer Abendveranstaltung verantwortet werden. Die Sprachlosigkeit, die anscheinend zu diesem Thema vorherrscht, muss dringend aufgebrochen werden.

Mit dem Sammelband „Sinn und Glück der sakramentalen Ehe“ legt Michael Wladika die Dokumentation zweier Studientage vor, die sich mit diesem Themenkomplex befassten. Den ersten Studientag hatte das Internationale Theologische Institut Trumau gemeinsam mit dem Institut für Ehe und Familie, Wien, zum Thema „Ehevorbereitung“ ausgerichtet. Im zweiten Teil geht es dann um die Entscheidung zur Ehe, deren Tragweite bei einem zweiten Studientag ausgelotet wurde.

Das Thema „Umfassende Ehevorbereitung“ wird dabei aus den verschiedensten Blickpunkten heraus beleuchtet. Es finden sich theologische, ethische und psychologische Überlegungen sowie Beispiele zur praktischen Umsetzung. Zu Beginn arbeitet Michael Wladika heraus, dass und wie bei einer Zusammenschau der verschiedenen Aspekte aus Schrift und Tradition das Ehesakrament ein tragfähiges Fundament für Ehe und Familie bilden könne. Ausgehend vom Zweiten Vatikanischen Konzil betont der Wiener Weihbischof Franz Scharl in seiner dogmatischen Grundlegung, dass die Eheleute „gleichsam geweiht“ seien und somit die Ehevorbereitung in Richtung Erwachsenenkatechumenat intensiviert werden müsse.

Der Alttestamentler Larry Hogan untersucht die Praxis der Ehe im Alten Testament auf der kulturellen Grundlage des Alten Orients und korrigiert in diesem Zusammenhang das vorherrschende Bild der Heiligen Familie als isolierte Kleinfamilie: Wie auch nach den Ausgrabungen im Heiligen Land zu schließen sei, habe die Heilige Familie eher eine gemeinsame Wohnung mit den anderen Mitgliedern der Sippe gehabt. Entsprechend sei die Partnerwahl nicht autonom gewesen, sondern ebenfalls Sache der Sippe, wobei das Mädchen, wie schon im Fall von Isaak und Rebekka, auch seine eigene Freiheit zur Zustimmung oder Ablehnung behalten habe. Interessant sind auch seine Ausführungen über die Praxis der Eheschließung im heutigen Israel. Nach dem St. Pöltener Moraltheologen Josef Spindelböck ist Ehevorbereitung in einer oft lebensfeindlichen Zivilisation eine Chance zur Neuevangelisierung. Daher sei ein wichtiger Inhalt die christliche Werteerziehung, beispielsweise die Achtung vor dem Leben. Die Ehevorbereitung beginne bereits in der Kindheit, in der Herkunftsfamilie, mit einer Erziehung zu Menschlichkeit, Unterscheidungsfähigkeit, Widerstandsfähigkeit und Bedürfnisaufschub. Die nähere Vorbereitung sei dann in der Verlobungszeit anzusiedeln mit den engeren Themen von Wesen und Ziel der Ehe, Umgang mit Krisen und der liturgischen Vorbereitung. Anschließend erläutert er die österreichischen Standards für die Ehevorbereitung. Die fehlende Anerkennung von Humanae vitae und Familiaris consortio durch die Ortskirche, in der Kardinal Schönborn vor sechs Jahren eine Mitschuld der Bischöfe an der aktuellen Lage der Kirche bezüglich der Ehevorbereitung und -begleitung gesehen hatte, stellt auch Spindelböck als innenkirchliches Problem für die Ehevorbereitung dar.

Ein sehr erhellender Beitrag greift die philosophischen und systematisch-theologischen Überlegungen von Michael Wladika auf. Er arbeitet heraus, wie die Vernunftgemäßheit der Ehe nach Aristoteles, Augustinus und Thomas mit der Sakramentalität der Ehe zusammengehören. Bereits Aristoteles stelle das Wesen des Menschen als Gezeugter und Zeugender und somit als Gemeinschaftswesen als Struktur der Teilhabe am Göttlichen dar. Gegen den Manichäismus betone Augustinus die Anerkennung der Ehe, während er sich als Realist erweise, wenn er gegen den Pelagianismus auch die menschliche Tendenz zum Bösen nicht leugne. Auch bei der Ehelehre des Thomas ergänzen sich Vernunft und Gnade, Natur und Sakrament, und erweisen die christliche Ehe als zutiefst aristotelisch. Hier wird auf hohem philosophischem Niveau deutlich, warum der Genderismus mit seinen so ganz anderen philosophischen Wurzeln letztlich mit aller Kraft die naturrechtliche Auffassung der katholischen Ehelehre bekämpfen muss. Und nebenbei wird auch erhellt, dass und wie die katholische Eheauffassung in einer realistischen und vernünftigen abendländischen Philosophie eingebettet ist. Das daraus folgende Desiderat ist eine verstärkte Rückbesinnung der Theologie auf eben dieses philosophische Fundament.

Aus psychiatrischer Sicht heraus begründet Raphael Bonelli den Sinn einer Entscheidungs-, sprich Verlobungszeit vor der Aufnahme des gemeinsamen Lebens: Wenn Verliebte nur aus dem Bauchgefühl heraus sexuell aktiv seien, würden sie lediglich aus dem Lustprinzip heraus leben. Emotionen könnten aber nie der Kompass sein, sondern nur die Begleitmusik. Der Kompass sei die Herzensbildung, in der es um echte Liebe, auch um Selbstlosigkeit gehe. Es sei sinnvoller, vor der Ehe auszuloten, ob es außer den Emotionen genug anderes Verbindendes zwischen den beiden Ehekandidaten gebe, damit sie nicht irgendwann nach der ersten Verliebtheit ohne Gemeinsamkeiten dastehen würden. Der Verzicht auf die Vergötzung des Partners und auch die Einsicht in die Realität eigener Fehlerhaftigkeit bewirke Demut und Dankbarkeit und sei damit Voraussetzung für die Haltbarkeit des Glücks zu zweit. Bonelli, der es schafft, in einer zeitgemäßen und ansprechenden Sprache die Hörer und Leser zu erreichen, empfahl in diesem Sinne die Beichte als „super“, um immer wieder neu anzufangen.

Gudrun Kugler, die Gründerin der katholischen Internet-Partnervermittlung „kath-treff“, behauptet: „Den einen Richtigen gibt es nicht! Man muss sich nur für einen richtig entscheiden!“ und stellt ausgehend von ihrem großen Erfahrungsschatz bei der Begleitung der Partnersuche vier hilfreiche Kriterien für diese richtige Entscheidung heraus, mit deren Hilfe Menschen auf der Suche nach einem guten Partner eine realistische und zielsichere Sicht auf potenzielle Partner gewinnen können. Die Juristinnen Michaela Harrer und Barbara Petsch berichten über ein Projekt des Katholischen Familienverbandes in Österreich, in dem sie Rechtsinformationen für Ehepaare in Österreich vermitteln, was sie als Scheidungsprävention verstehen. Des Weiteren enthält der Band Informationen über die Vermittlung der Natürlichen Familienplanung und über Eheseminare in der Erzdiözese Wien und der Diözese St. Pölten.

Doch die eigentliche Überraschung bilden die Beiträge aus osteuropäischen Ländern: Gintautas Vaitoska stellt die Ehevorbereitung in Litauen und Lettland vor; Yuriy Kolasa in der Ukraine. Staunende Leser erfahren, dass dort nach dem Zerfall der sowjetischen Diktatur und der Öffnung dieser Länder andere, intensivere und erfolgreichere Wege eingeschlagen werden konnten. Zwischen acht und neunzehn Vorbereitungsabende sind in diesen Ländern Pflicht, wenn man kirchlich heiraten will. Dabei arbeitet man in Teams mit Priestern und Eheleuten und auf der Grundlage der weiter westlich lange Zeit verpönten katholischen Lehraussagen. Der Clou: Hundert Prozent der Paare melden nach 19 Abenden zurück, es sei absolut notwendig gewesen, dass die Kirche dieses Angebot mache. Darauf sei auch der ukrainische Staat aufmerksam geworden, sodass die kirchlichen Ehevorbereitungsteams inzwischen auch Seminare für Konfessionslose anbieten würden. In diesem Kontext ist es ermutigend, im Beitrag der Österreicher Eva und Erich Berger zu erfahren, dass in diesem Land wenigstens auf freiwilliger Basis ein Ehevorbereitungsangebot besteht, das sechs Treffen in Wochenabstand enthält, auf denen die Paare sowohl Impulse erhalten wie auch die Gelegenheit haben, im Ehegespräch diese Inhalte gemeinsam zu besprechen. Wer in Österreich ein solches Angebot sucht, wird auf die von der Schönstattbewegung in Österreich, in der Schweiz und in Deutschland getragene „Akademie für Familienpädagogik“ aufmerksam, die sich zurzeit auch in Ungarn, Litauen, Spanien und Kroatien ausbreitet und deren Seminare sich auch und sogar in erster Linie auf die Begleitung von Ehepaaren in einer zweijährigen Intensivzeit beziehen.

Die Neuen Geistlichen Gemeinschaften insgesamt sind in diesem Band leider unterrepräsentiert. Wer die kirchlichen Angebote aufmerksam verfolgt, weiß, dass auch Marriage Encounter, Focolare und Chemin Neuf, um nur einige zu nennen, jeweils eigene erfolgreiche Konzepte für Ehevorbereitung und -begleitung anbieten, deren spirituelle Tiefe, Intensität und praktische Kompetenz für einen wirklichen Überblick über katholische Angebote für Brautleute jeweils eigens gewürdigt werden müssten. Und das oftmals ohne einen Cent Kirchensteuer und unter hohem Idealismus, was Zeit, Kraft und finanzielle Opfer angeht, denn bei allen diesen Angeboten sind hauptsächlich Ehepaare die Referenten und Begleiter.

Insofern zeigt der Band, dass es eine wichtige Aufgabe für die Zukunft der Kirche in Europa ist, die existierenden Angebote zu sammeln, zu sichten und zu vernetzen in der Bereitschaft, voneinander zu lernen.

Der zweite Teil ist unter dem Thema „Ehe als Entscheidung und als Geschenk“ die logische Weiterführung des ersten Teils, wobei ebenfalls die Kluft zwischen Theorie und Praxis als Problem angesprochen wird. Auch hier kommen die verschiedensten Perspektiven zu Wort: Die neutestamentlich-biblische, die moraltheologische, die anthropologisch-ethische, die juristische und mit dem Beitrag von Barbara und Michael Prüller auch die praktische: „Die Ehe, das haben wir sehr bald gelernt, ist kein Konsumartikel zur Befriedigung von Ansprüchen, sondern ein Abenteuer“, so ihr gemeinsames Fazit nach 27 Ehejahren. Und zur Ernsthaftigkeit: „Das Eheversprechen ist ein bedingtes Zölibatsversprechen“ – wenn der eine untreu werde, habe der andere ihm dennoch bleibende Treue versprochen.

Fazit: Wer sich mit dem Thema „Ehevorbereitung“ befasst, für den ist der vorliegende Band eine Fundgrube an wertvollen Erkenntnissen über dieses Thema. Wünschenswert und dringend notwendig wäre jedoch darüber hinaus eine Vernetzung aller auffindbaren Initiativen im europäischen Raum. Dieses Projekt wäre jeden Kirchensteuercent wert.

Michael Wladika (Hg.): Sinn und Glück der sakramentalen Ehe. Wie eine umfassende Vorbereitung auf die Eheentscheidung heute gelingt. Be&Be Verlag, Heiligenkreuz 2014, 359 Seiten, ISBN-13: 978-3902694799, EUR 19,90