Eck versus Luther

Wie sind Papst und Bibel zu verstehen? Auf der Leipziger Disputation vor 500 Jahren stritten Eck und Luther um das Papstamt. Dabei zeigten sie ein anderes Verständnis von Kirche und Bibelauslegung. Von Marco Benini

Streit zwischen Eck und Luther
Eine Reliefplatte am Sockel des Lutherdenkmals in Eisleben zeigt Eck und Luther auf der Leipziger Disputation. Foto: Jwa
Streit zwischen Eck und Luther
Eine Reliefplatte am Sockel des Lutherdenkmals in Eisleben zeigt Eck und Luther auf der Leipziger Disputation. Foto: Jwa

Im Jahr 2017 wurde das Reformationsgedenken anlässlich der 95 Thesen Martin Luthers von 1517 groß begangen. Zwei Jahre später gilt das Interesse der Leipziger Disputation (1519), auf der die Kontroverse zwischen Luther und dem Ingolstädter Professor Johannes Eck (1486–1543) einen akademischen Höhepunkt erreichte, der für beide Seiten wegweisend wurde.

Vorausgegangen war, dass Eck auf Anfrage des Eichstätter Bischofs Gabriel von Eyb vertraulich Anmerkungen zu 18 von Luthers Thesen verfasste. Durch Indiskretionen gelangten diese aber zu Luther, der sie als „Obelisci“ (Spießchen) bezeichnete und sie seinerseits mit „Asterici“ (Sternchen) beantwortete. Eck stand der damaligen Ablasspraxis kritisch gegenüber: „Darin lobe ich Luther. Was er aber über das Sakrament der Buße behauptet, bestreite ich entschieden“, schrieb Eck an einen Wiener Humanisten 1518, nachdem er in Augsburg Luther zum ersten Mal persönlich begegnet war. Die Auseinandersetzungen verschoben sich vom Ablass zur Frage nach dem Papsttum, sodass dies zum Kernthema der Leipziger Disputation wurde, die vom 27. Juni bis 15. Juli 1519 auf der Pleißenburg stattfand. In der ersten Woche disputierte Eck mit dem Wittenberger Theologen Karlstadt besonders über den freien Willen, anschließend mit Luther. Die Debatte war von gegenseitigen Beschuldigungen und Polemik geprägt, sodass der herzogliche Rat Cäsar Pflug beide ermahnen musste, die Beleidigungen zu unterlassen. Wichtiger war, dass in der Tat theologisch argumentiert und gerungen wurde. Schon im Vorfeld hatten Eck und Luther sich auf die Frage verständigt: „Kommt dem Stuhl zu Rom von Anfang an die Herrschaft über die Kirche zu?“

„Die Masse der geschichtlichen Belege
ist ein Qualitätsmerkmal, denn die Masse
offenbart den ,consensus ecclesiae‘“
Manfred Schulze, evangelischer Kirchenhistoriker

Nach Luther verbiete schon Paulus mehrfach in 1 Kor die Berufung auf irgendwelche Parteiführer in der Kirche: „Was ist denn Apollos? Und was ist Paulus?“ (3,5) Luther fügte ein: „Was ist Petrus?“ (vgl. 1,12). Nur Christus sei das Haupt der Kirche: „Paulus, Apollos, Kephas, Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: alles gehört euch; ihr aber gehört Christus.“ (3,22). Kephas/Petrus habe hier keine Sonderstellung.

Dem hielt Eck entgegen, dass bereits Hieronymus Paulus in Einklang mit der Primatsgewalt des Petrus in Mt 16,18 erklärt habe, wo es heißt: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Eck verwies auf den Konsens der Kirche, den er mit einer langen Reihe heiliger Lehrer untermauerte, die mit dieser Stelle den päpstlichen Primat begründeten: Cyprian, Augustinus, Ambrosius, Chrysostomus, Leo der Große und Bernhard von Clairvaux. Außerdem fügte Eck noch Dekrete von Päpsten, Konzilsentscheidungen wie etwa die Verurteilung der Irrlehren des Wyklif († 1384) und Hus († 1415) an. Sie alle stimmten darin überein, dass Christus die Herrschaftsgewalt in der Kirche dem Petrus übertragen habe. Wer das ablehne, stelle sich allein gegen den Konsens der Kirche, widerspreche mit einer unsicheren Meinung der anerkannten Autorität der Kirche und stelle sich so in die singularitas, was man heute mit Subjektivismus widergeben würde. Man hat Eck vorgeworfen, mehr durch die Aneinanderreihung von Zitaten und Belegen überzeugen zu wollen und dabei vor allem sein umfangreiches Wissen und exzellentes Gedächtnis herauszustellen. Der evangelische Kirchenhistoriker Manfred Schulze hat Eck in diesem Punkt in Schutz genommen: „Die Masse der geschichtlichen Belege ist ein Qualitätsmerkmal, denn die Masse offenbart den ,consensus ecclesiae‘.“ Für Eck bildeten die Schrift und die Auslegung der Schrift durch die Kirche eine innere Einheit. Schrift und Tradition gehörten für ihn untrennbar zusammen. Eck sah sich als Verteidiger dieses Konsenses und daher als rechten Ausleger der Schrift.

Luther ließ sich von Ecks Argumentation nicht überzeugen

Luther ließ sich von Ecks Argumentation nicht überzeugen. Neben berechtigten Zweifeln an der Historizität des Dekrets von Papst Anaklet und kirchenhistorischen Argumenten entgegnete Luther, dass Eck nur die Autorität der Väter bemüht habe und dass so auch das Papstamt nur menschliches Recht sein könne. Pointiert formulierte er: „Auch wenn Augustinus und alle Väter in Petrus den Felsen der Kirche erblicken sollten, so werde ich ihnen – selbst als Einzelner – dennoch widerstehen, gestützt auf des Apostels Autorität, gestützt also auf göttliches Recht.“ Da nach Paulus Christus das Fundament der Kirche ist, könne es nicht Petrus sein. Daher legte Luther die Mt-Stelle so aus, dass nicht Petrus, sondern der Glaube an Christus der Fels sei. Der offenkundigere Text (nach Luther sei das Paulus) habe den weniger offenkundigen (hier Mt) auszulegen. Damit wird deutlich: Die Schrift wurde zur einzigen Richtschnur des Glaubens. Das „sola scriptura“-Prinzip wurde faktisch also bereits in Leipzig aufgestellt, auch wenn es erst von Philipp Melanchthon wenig später ausdrücklich hervorgehoben wurde.

Im weiteren Verlauf äußerte Luther die Ansicht, dass wenn sich die Oberhoheit des Papstes zum Schaden für die Kirche auswirken würde, sie ganz aus der Kirche entfernt werden müsse, weil „menschliche Rechte und Gewohnheiten […] nicht gegen die Kirche Krieg führen“ dürften. Hier zeigten sich Ansätze der späteren Ablehnung des Papstes als Antichrist, was er schon im Frühjahr 1519 als Vermutung Spalatin ins Ohr geflüstert hatte. Dann lenkte Eck Luther in die Nähe des vom Konstanzer Konzil (1415) verurteilten Jan Hus, nach dem Petrus nicht das Haupt der katholischen Kirche (gewesen) sei, was Luther aber als „christlich und evangelisch“ verteidigte.

Alle „wünschten, mich bei sich zu haben“, resümierte Eck

So brachte ihn Eck zur Aussage, dass sich die Konzilien geirrt hätten. Damit relativierte Luther nicht nur die Autorität des Papstes, sondern auch der Konzilien. Deshalb warf Eck Luther spitzzüngig vor: „Das ist wahrhaft böhmisch [wie Hus], die Hl. Schrift besser verstehen zu wollen als die Konzilien, die Päpste, die Doktoren und Universitäten, die eine große Kraft besitzen, da der Hl. Geist seine Kirche nicht verlässt. Es wäre außerdem verwunderlich, wenn Gott jene Wahrheit so vielen Heiligen und Märtyrern verborgen hätte bis zum Auftreten des verehrten Paters.“ Während die Lutheraner nach der Disputation gleich abreisten, blieb Eck noch elf Tage in Leipzig. Er ging als Gewinner hervor (was Luther später anerkannte) und kostete dies, auch wenn die Entscheidung der Fakultäten von Erfurt und Paris noch ausstand, bei etlichen Einladungen und Predigten gegen Luther aus. Alle „wünschten, mich bei sich zu haben“, resümierte Eck wenig später in einem Brief, während Luther an den Kurfürsten Friedrich von Sachsen schrieb: „Also gibt man uns in Maul, daß wir, wir wollen oder wollen nit, sagen müssen: Das Concilium hat geirret.“

Die Leipziger Disputation machte die jeweiligen theologischen Vorentscheidungen und die Differenzen in der Bibelauslegung deutlich. Eck war der erste, der in Luthers Thesen die Zuordnung von Rechtfertigungslehre und kirchlicher Autorität als problematisch erkannte. In Leipzig führte er ihn dazu, die Konsequenzen aus seinem Denken zu ziehen und sein reformatorisches Kirchenverständnis offen zu artikulieren. Luther ließ sich anschließend Hus' Hauptwerk über die Kirche senden und schrieb an Spalatin: „Wir sind alle unwissend Hussiten.“ Leipzig wurde für Eck zum „point of no return“ (Franz Xaver Bischof): Ihm wurde klar, dass Luthers Lehren die Einheit der Kirche gefährdeten. Daher reiste Eck nach Rom und wirkte an der Bannandrohungsbulle mit (die freilich ihr Ziel verfehlte). Zeit seines Lebens setzte er Energie und Fleiß in die Argumentation: Er verfasste ausführliche Schriften über den päpstlichen Primat (1520), die Buße (1521) und das Messopfer (1526). Sein Handbuch „Enchiridion“ (1525), in dem er aus der Schrift und der Tradition der Kirchenväter und Konzilien den überlieferten Glauben gegen die reformatorischen Einwände begründete, erreichte 121 Ausgaben und wurde noch auf dem Konzil von Trient (1545–63) zitiert. Es ging Eck in Leipzig und darüber hinaus nicht nur um gelehrte Disputation, sondern um den Glauben und die Kirche, deren Einheit er zu verteidigen suchte.

Der Autor ist Liturgiewissenschaftler und Gastprofessor an der Catholic University of America in Washington.