„Echte Erscheinungen haben keine Verfallsdatum“

Was bleibt von der Fatima-Botschaft? Ein Gespräch mit Prälat Wilhelm Imkamp. Von Regina Einig

Prälat Wilhelm Imkamp. Foto: Wagner
Prälat Wilhelm Imkamp. Foto: Wagner

Am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel wallfahren Tausende zur Fátimagrotte nach Maria Vesperbild. Seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erinnert eine Nachbildung Unserer Lieben Frau von Fátima dort an die Erscheinungen in Portugal. Was bedeutet die Botschaft der Muttergottes für unsere Zeit? Darüber sprach Regina Einig mit dem Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild, Prälat Wilhelm Imkamp.

Herr Prälat, empfehlen Sie die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens?

Ja, denn wenn wir uns vorstellen, dass das erste Geräusch, das wir im Leben gehört haben, der Herzschlag unserer Mutter war, sollte uns das Unbefleckte Herz Mariens besonders nahe sein. Auch der Gottmensch hat als erstes menschliches Geräusch den Herzschlag seiner Mutter gehört. Und es heißt ja nicht umsonst: ein Kind unter dem Herzen tragen. Wir werden vielleicht nicht unter ihrem Herzen getragen, aber sicherlich in ihrem Herzen. Wenn wir Herz tatsächlich als Mitte des Gefühlszentrums eines Menschen erfassen, dann sehen wir die ganze Bedeutung dieser Verehrung.

Welchen Teil der Botschaft von Fatima halten Sie für zeitlos?

Privatoffenbarungen haben kein Verfallsdatum, können aber anlassbezogen sein und sind immer aus einer extrem zeitgebundenen Situation heraus und in einer zeitgebundenen, persönlichen Sprache entstanden. Von der Botschaft in Fatima ist sicher ganz besonders der Hinweis auf die letzten Dinge wichtig: Es gibt die Hölle, es gibt das Fegefeuer – und es gibt die Möglichkeit, sowohl in das eine wie das andere zu kommen. Fatima ist ein eschatologischer Imperativ, dessen Bedeutung sich gerade in einer Zeit der Eschatologievergessenheit als ganz besonders notwendig zeigt.

Was bedeutet es für die Gläubigen heute, die Botschaft von Fatima umzusetzen? Worin besteht das genau?

Zuerst einmal ganz vordringlich im Rosenkranzgebet, und zwar im Rosenkranzgebet mit dem Zusatz: O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, nimm alle Seelen in den Himmel auf, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen. Damit werden wir hingewiesen auf die Barmherzigkeit Gottes. Und wenn wir uns bei diesem Hinweis fragen, wo wir barmherzig sind, dann liegen wir auch genau auf der Linie, die uns Papst Franziskus so sehr empfiehlt.

Vielen Marienverehrern fällt es schwer, Zugang zu Fatima zu finden – mit Lourdes tut man sich oft leichter. Können Sie das nachvollziehen?

Ja, denn Lourdes ist einfacher und klarer. Hinzu kommt, dass die Botschaft von Lourdes ein vom Papst verkündetes Dogma bestätigt. Außerdem haben sich in Lourdes von Anfang an sehr viele Wunder ereignet – bis in die Gegenwart hinein, sodass der Ort Kranke besonders anzieht. Von daher ist die Bedeutung und auch die Akzeptanz von Lourdes besonders hoch. Fatima liegt am Rande Europas und die Botschaft ist etwas komplizierter. Sie konfrontiert uns auch mit der Unheilsgeschichte des 20. Jahrhunderts, mit dem Kommunismus und mit den Kirchenverfolgungen. Das macht den Zugang zumindest nicht leichter.

Bleiben wir bei der Botschaft: Täuscht der Eindruck, dass der wesentliche Teil der Botschaft mit dem Fall der Mauer erledigt ist?

Echte Erscheinungen haben kein Verfallsdatum. Es ist aber immer schwierig, aus einer Botschaft konkrete politische Handlungsempfehlungen abzuleiten.

Der Fall der Mauer hat ja nicht das Ende des Unglaubens bedeutet. Der Mauerfall hat noch nicht mal das Ende des Sozialismus bedeutet, im Gegenteil. Manche Punkte der sozialistischen Gesetzgebung sind auch noch in der Bundesrepublik übernommen worden. Man könnte also fragen: Wer wurde mit wem wiedervereinigt – zumindest in Fragen der Moral und von der Problematik der Abtreibung her gesehen? Seit der Wiedervereinigung ist in Deutschland der Anteil konfessionsloser Menschen gestiegen, die noch nie mit dem Christentum in Berührung gekommen sind. Die Mauer aus Stein ist zwar weg, aber die Mauern des Unglaubens sind stärker geworden und gehen zum Teil durch die Familien, Gruppen und Freundeskreise.

Aber Fatima ist auch prophetisch. Wie verkraften die Menschen apokalyptisch wirkende Ankündigungen wie die Vernichtung mehrerer Nationen?

Fatima steht natürlich nicht auf einer Ebene mit Nostradamus und anderen Unheilspropheten. Die Negativprophezeiungen sind eigentlich nur Unterstreichungen der eigentlichen Verheißung: Am Ende wird mein unbeflecktes Herz triumphieren. Dieser Satz steht zuerst einmal im Gegensatz zur Lebenswirklichkeit. Und deswegen kann man das durchaus als Versuch sehen, die negativen Seiten des Weltgeschehens auch zu sehen, damit nicht der Eindruck entsteht, es handle sich hier um einen blinden Optimismus. Das ist Fatima nicht, sondern es ist ein wirklichkeitsgesättigter Optimismus.

Trauen Sie der Höllenvision zu, Menschen unserer Zeit innerlich aufzurütteln?

Die Menschen unserer Zeit sind so viele Horrortrips gewohnt, dass man sie kaum noch mit einer Höllenvision erreichen kann. Aber das ist auch nicht das Ziel dieser Vision. Hier geht es um die Verkündigung. Maria gibt zu verstehen: Vergesst nicht die negativen Möglichkeiten der Ewigkeit. Es ist ein Signal gegen die Eschatologievergessenheit von Theologie und Pastoral in den letzten 50 Jahren. Diese Eschatologievergessenheit ist ein, wenn nicht der Grund für die gewaltige Kirchenkrise nach dem Zweiten Vaticanum, wie zuletzt der emeritierte Papst herausgestellt hat.

Teilen Sie die Auffassung des Mariologen René Laurentin, dass der Einfluss der Fatimabewegung Paul VI. während des Konzils dazu bewogen hat, Maria zur Mutter der Kirche zu ernennen?

Nein. René Laurentin war ein scharfer Gegner des Titels „Mutter der Kirche“ und hat sogar den Titel „Geistliche Mutter“ für Maria abgelehnt. In dieser Hinsicht spielte er auch eine sehr negative Rolle in der Konzilsvorbereitung. Hans Urs von Balthasar hat ihn 1971 als „ehemals bekannten Mariologen“, heute ein „Führer der Progressisten“ bezeichnet. Laurentins Verdienste liegen in seiner Lourdes-Dokumentation und in seiner Untersuchung über die (Nicht-)Anwendbarkeit der Bezeichnung „Priester“ für Maria. Ich glaube nicht, dass Paul VI. sich in diesem Fall sehr von der Fatimabewegung bestimmen ließ. Der Papst stand in der Tradition seiner Vorgänger: Seit Benedikt XIV. gab es den Titel der Mutterschaft Mariens für die Kirche. Sowohl die Gegnerschaft Laurentins wie auch die Entscheidung Pauls VI. sind aus der Zeit heraus zu verstehen. Paul VI. ging es darum, Kapitel acht der Konzilserklärung Lumen gentium zu ergänzen. Das stieß auf das Missfallen Laurentins sowie der meisten deutschen Bischöfe, die sitzen blieben, als die anderen Konzilsväter nach der Verkündigung des Titels stehend applaudierten.

Was erhoffen Sie vom Jubiläum 2017?

Einen Blick zurück: Versuchen wir, die letzten hundert Jahre mit den Augen Marias zu sehen. Wir dürfen nicht übersehen, dass sich neben dem furchtbaren Unheil in diesen hundert Jahren ja auch Heil ereignet hat: die Dogmatisierung der Aufnahme Mariens in den Himmel, die wunderbaren Wirkungen von Lourdes. Viele werden ohne Zweifel an das Konzil und den dadurch erhofften Frühling denken. Denken wir an die Serie großer Päpste im zwanzigsten Jahrhundert. Es gibt also auch Anlässe, dankbar zu sein. Dieses Jubiläum ist die Gelegenheit, einen Blick auf die Gottesmutter zu werfen und die Gottesmutter nicht ganz untergehen zu lassen im Trubel dieses Jubiläumsjahres.

Die Bitte Mariens in Fatima, den Rosenkranz zu beten, ist heute so aktuell wie im Kriegsjahr 1917. Foto: dpa