„Du bist in unserer Mitte, Herr“

Mit Gästen aus aller Welt feiert das Erzbistum Paderborn das traditionelle Libori-Fest und stellt die Glaubensverkündigung in den Mittelpunkt. Von Anja Kordik

Lebendige Traditionen in Paderborn: Vor dem Allerheiligsten wird der Reliquienschrein in die überfüllte Domkirche getragen. Foto: Erzbistum Paderborn
Lebendige Traditionen in Paderborn: Vor dem Allerheiligsten wird der Reliquienschrein in die überfüllte Domkirche getrag... Foto: Erzbistum Paderborn

Paderborn (DT) „Ich habe gerade eine Gruppe aus Berlin gefahren“, erzählt ein afrikanischer Taxifahrer, der vor dem Hohen Dom zu Paderborn hält. „Es war eine junge Frau, die in Paderborn Theologie studiert hat und heute in Berlin lebt und arbeitet.“ Aber noch immer, erfuhr der Fahrer, fährt die Frau jedes Jahr im Juli zum Libori-Fest nach Paderborn. Und sie hat einige ihrer Berliner Freunde mitgenommen, damit diese „Libori-Luft“ schnuppern können. Nicht nur aus der näheren Region, aus ganz Deutschland kommen Menschen nach Paderborn. „Vorhin habe ich die Berliner gefahren, vorher schon Leute aus Hannover“, berichtet der Fahrer vor dem Hohen Dom.

Libori verbindet Menschen aus aller Welt: Am Sonntag, auf dem Höhepunkt der Feierlichkeiten, zelebrierte der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker ein Pontifikalamt mit zahlreichen internationalen Gästen aus Europa, Afrika, Südamerika und Ozeanien. So kam aus dem französischen Partnerbistum Le Mans Bischof Yves Le Saux. Aus Rom waren der aus Siegen stammende Bischof Josef Clemens, Sekretär des Päpstlichen Rates für die Laien, und der ehemalige Präsident des Päpstlichen Rates „Cor Unum“, Paul Josef Kardinal Cordes, angereist. Kardinal Cordes, obwohl noch immer in verschiedenen römischen Kongregationen tätig, ist seinem Heimatbistum über die Jahre eng verbunden geblieben und Libori ist für ihn immer Gelegenheit zum Besuch.

Die Prozession durch die Innenstadt fiel ins Wasser

Zu den Gästen im Hohen Dom gehörten der Münchener Erzbischof Reinhard Kardinal Marx und der Fuldaer Bischof Heinz-Josef Algermissen. Aus Afrika war der Erzbischof von Algier, Ghaleb Moussa Bader, angereist und aus Uganda der Weihbischof der Erzdiözese Mbarata, Hoima Lambert Bainomugisha. Außerdem waren der brasilianische Bischof Bernando Johannes Bahlmann und der – ebenfalls in Paderborn geborene – Bischof der argentinischen Diözese Quilmes Dieter Stöckler gekommen sowie aus Papua-Neuguinea, im kommenden Jahr Schwerpunktland im Monat der Weltmission, Erzbischof Karl Hesse aus der Erzdiözese Rabaul. Insgesamt versammelten sich 23 Bischöfe aus aller Welt im Paderborner Dom zum Pontifikalamt und dem traditionellen Umzug des Libori-Schreines. Wegen starken Regens konnte die Prozession in diesem Jahr nicht durch die Innenstadt ziehen. Und so wurde der goldverzierte Silberschrein mit den Reliquien des Heiligen durch die Domkirche getragen – begleitet von Orgelmusik, Weihrauch und Kerzenträgern. In diesem Moment war es, als seien alle in der dicht gefüllten Domkirche eins in dem Gefühl: Libori ist nicht nur eine aus dem Mittelalter überkommene Tradition, an der bis heute festgehalten wird – Libori lebt: in den Herzen der Menschen.

„Du bist in unserer Mitte, Herr“ – dieses dem Buch Jeremia entnommene Leitwort – stellte die Erzdiözese in den Mittelpunkt ihrer diesjährigen Feierlichkeiten. Zentrales Thema sind die Glaubensverkündigung in einer Zeit, in der die Substanz des Glaubens immer mehr zu schwinden scheint.

Das Wort des Jeremia in seiner vollständigen Fassung „Du bist in unserer Mitte, Herr und Dein Name ist über uns ausgerufen. Verlass uns nicht, Herr, unser Gott“ – dieses Wort stellte auch Erzbischof Becker in den Mittelpunkt seiner Predigt beim Pontifikalamt. „Die Mitte unseres Glaubens ist und bleibt Jesu Kreuz und Auferstehung. Im Geschehen von Karfreitag und Ostern findet Gottes Offenbarung ihre unbedingte und unüberbietbare Vollendung. Auch wenn sich das oft geschickt verdrängen lässt und auf unterschiedliche Weise wahrgenommen wird: Die Frage nach Leben, Hoffnung und Zukunft bewegt die Menschen unserer Tage. Sie steht im Mittelpunkt unseres Suchens und Strebens.“ Zunehmend, so der Erzbischof, würden die Grenzen des bisherigen Lebensverständnisses und der gewohnten Lebenspraxis offenkundig. „Wir müssen unsere Ohnmacht nicht nur gegenüber Naturgewalten, sondern auch gegenüber politischen und ökonomischen Kräften und Machthabern erkennen. Dünn gesät sind Zukunftsentwürfe, die den Einsatz lohnen.“ Gerade hier sei die Botschaft des christlichen Glaubens bedeutsamer denn je, denn: „Die Botschaft eines neuen österlichen Lebens durchwirkt in der Kraft des göttlichen Geistes bereits jetzt unser irdisches Leben.“

Wie aber lässt sich diese frohe Botschaft in der heutigen Gesellschaft Menschen noch nahebringen? Auf diese Frage ging Erzbischof Becker ergänzend in seiner Ansprache beim Empfang im Collegium Leoninum ein. Er nannte hier die Schulen als wichtiges Feld der Glaubensverkündigung in heutiger Zeit und zitierte dabei einen Satz aus einem Artikel über die Rolle von Religionslehrern: „Religion liegt in der Luft – aber wird sie auch greifbar, wird sie zum Gesprächsthema?“

Missionarischer Auftrag in der profanen Gesellschaft

Heutige Pädagogen, übrigens nicht nur an Schulen, auch in Kindergärten und Kindertagesstätten, würden einen „zutiefst missionarischen Auftrag in einer profanen Gesellschaft“ erfüllen: „Kindern und Jugendlichen aus der Perspektive des christlichen Gottesglaubens Lebensorientierung zu ermöglichen. Bei aller Unzulänglichkeit und Brüchigkeit gelingt es immer wieder, junge Menschen erahnen zu lassen, was ,Leben in Fülle‘ heißt. Und sie können uns daran erinnern und dazu motivieren, in den Bezügen, in denen wir leben – ob als Bischöfe, Priester, Mütter und Väter, ob im Beruf, in der Familie, in der Öffentlichkeit oder Freizeit – Zeichen zu setzen, Zeichen dafür, dass die Frage nach Gott längst nicht erledigt ist und wir als Christen mit einem Gott unterwegs sind, der einen Namen und ein Gesicht hat – und eine Geschichte. In diesem Sinne ist es – um einen Gedanken von Kardinal Lehmann aufzugreifen – höchste ... Zeit, an Gott zu denken.“ Und von ihm zu reden.

Das Nachdenken und Reden über Gott soll während der Libori-Woche besondere Bedeutung erfahren: Zu einer „Atempause“ an alle, die inmitten der Feierlichkeiten innehalten möchten, lädt die Diözesanstelle Berufungspastoral des Erzbistums in die Bartholomäuskapelle am Hohen Dom ein. Noch bis zum 30. Juli gestalten Priester, Ordensleute und Laien aus der ganzen Diözese jeweils täglich um 13 Uhr ein kurzes Mittagsgebet, um 17 Uhr (außer am Dienstag) eine etwa halbstündige Vesper mit Ansprache und um 21 Uhr eine Komplet. Das Motto der „Atempause“ lautet: „Jesus Christus. Grund genug“. Darüber hinaus findet am 29. Juli eine „Liturgische Nacht“ in der Paderborner Gaukirche statt – spirituelle Impulse, wie sie alljährlich von der Libori-Festwoche ausgehen.

Auch die Ordensgemeinschaften im Erzbistum bringen sich an zwei Orten mit ein: Der erste ist der Paderborner Marienplatz, wohin die Libori-Gäste täglich während der Festwoche nicht nur zu Gesang, Tanz, Musik, sondern auch zu Treffen und Gesprächen mit Ordensleuten aus der gesamten Diözese eingeladen sind. Der zweite Ort ist das Michaelskloster der Augustiner Chorfrauen mit dem geistlichen Angebot „Kloster am Weg – Beten und mehr“. Bis zum 30. Juli finden Besucher dort einen Ort der Begegnung und des Gebetes; Mönche und Schwestern aus dem gesamten Bistum stehen täglich von 14.30 bis 18 Uhr im Klosterhof zu Gesprächen zur Verfügung und laden in die Klosterkirche zu Gebetszeiten und geistlichen Impulsen ein. Hier zeigt sich, dass gerade Klöster heute wie eh und je wesentliche Zentren der Glaubensvermittlung und Glaubensvertiefung sind. Eine besondere Ausstellung zur Libori-Woche präsentiert das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken. Das Diaspora-Hilfswerk zeigt eine Schau zum größten Kirchbauprojekt in den ostdeutschen Bundesländern nach der Wende: die neue Propsteikirche in Leipzig. Nach der Zerstörung der alten Propsteikirche im Zweiten Weltkrieg und der späteren Sprengung der Ruinen ist Leipzig bis heute die einzige deutsche Großstadt ohne katholische Kirche im Stadtzentrum. Das soll sich bis 2013 ändern – ein sichtbares Zeichen dafür, dass der Glaube in der heutigen Gesellschaft weiterlebt.