Vatikanstadt

Diplomaten mit Strahlkraft

Franziskus ist nicht der erste Papst, der Reliquien zur Verbesserung der Ökumene einsetzt. Schon Paul VI. übergab der Orthodoxie ein kostbares Geschenk.

Papst Franziskus und Patriarch Bartholomaios I.
Papst Franziskus und Patriarch Bartholomaios I.: Geschenke gehören zum diplomatischen Dienst. Foto: Paul Haring / KNA

Reliquien, „Zurückgelassenes, Überbleibsel“ von Heiligen und Heiligem, gehören zum Schatz der Kirche. Für den hl. Thomas von Aquin (1225–1274) sind sie ein Vergrößerungsglas, das die Strahlen göttlicher Gnade auf einzigartige Weise bündelt. Sie dienen der Verehrung, Erbauung und enger Bindung an den christlichen Glauben. Und sie wurden und werden als Mittel kirchlicher Diplomatie eingesetzt.

Im Spätmittelalter kommen in den päpstlichen Liturgien des Weihnachtsfestes besondere Bräuche auf. In S. Maria Maggiore wird die „sacra culla“, die Krippe des Jesuskindes, aufbewahrt, die schon früh aus Bethlehem den Weg in die römische Marienbasilika gefunden haben soll. Während des dortigen Gottesdienstes entnahm der Papst der hochverehrten Reliquie winzige Holzsplitter. Diese ließ er in die „fasce benedette“ einnähen. Die „fasce benedette“ waren „geweihte Windeln“, die das Oberhaupt der katholischen Kirche bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Erstgeborenen katholischer Herrscherhäuser übersenden ließ. Sie sollten diese unter den Schutz Gottes stellen und für die Verteidigung und Verbreitung des katholischen Glaubens einnehmen. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts setzte der Papst wieder Reliquien als Mittel kirchlicher Diplomatie ein, diesmal jedoch mit Blick auf die Ökumene.

Die von Michelangelo entworfene Kuppel von St. Peter, die sich über den Baldachin Berninis wölbt, stützen vier Pfeiler. Die Pfeiler beherbergen fünf Meter hohe Statuen: die der hl. Veronika, die Christus auf der Via Dolorosa das Schweißtuch reichte, des hl. Longinus, der mit seiner Lanze die Seite Jesu öffnete und den christlichen Glauben annahm, der Mutter Kaiser Konstantins, der hl. Helena, die das Kreuz aus Jerusalem nach Rom brachte, und des hl. Andreas, den Bruder des Petrus, der im griechischen Patras den Tod erlitt. In den Pfeilern fanden die entsprechenden Passionsreliquien und das Haupt des Andreas ihre Aufbewahrung.

Das Haupt des Apostels war 1462 von Thomas Palaeologus in die Ewige Stadt gebracht worden. Der jüngste Sohn des byzantinischen Kaisers hatte es vor dem Ansturm der Türken gerettet und war mit ihm nach Italien geflohen. Die Ankunft des Apostelhauptes in Rom wurde zu einem unvergleichlichen Triumphzug. „So kommst Du endlich, o allerheiligstes duftendes Apostelhaupt, durch die Türkenwut von Deinem Sitz vertrieben. Zu Deinem Bruder, dem Fürsten der Apostel, nimmst Du als Verbannter Deine Zuflucht“, hieß der Papst die Reliquie mit einem von ihm verfassten lateinischen Gedicht willkommen. Und er fügte an: „Wenn Gott will, sollst Du voller Ehren in das Dir angestammte Land zurückgebracht werden.“ Als die Reliquie tags darauf in St. Peter nahe dem Grab des Apostelfürsten in einem feierlichen Gottesdienst niedergelegt wurde, hielt Kardinal Bessarion, ein geborener Grieche, die Predigt. In ihr ließ er den hl. Andreas zum Papst sagen: „Du, der Du mich in diesen Tagen mit großer Ehre aufgenommen hast, möchtest mich eines Tages mit noch größeren Ehren in mein Land zurückführen, wie Du es gestern freien Willens und bewegt versprachst.“

Heimkehr nach einem halben Jahrtausend

Fünfhundert Jahre später sollte der fromme Wunsch in Erfüllung gehen. 1964 wurde das Andreashaupt auf Geheiß Pauls VI. nach Griechenland zurückgebracht. In einem Breve, das der Papst mitsandte, hieß es: „Papst Paul VI., Diener der Diener Gottes, ist glücklich, der Kirche von Patras das Haupt des hl. Andreas zurückzugeben. Die göttliche Vorsehung wollte dies in Erfüllung gehen lassen zu unserer Zeit, in der Menschen guten Willens sich anstrengen, um nach der Bitternis, welche die Trennung verursachte, eine Hoffnung auf Frieden und Eintracht unter den christlichen Gemeinschaften aufstrahlen zu lassen.“

Einen bedeutsamen Akt der Ökumene setzte der gegenwärtige Heilige Vater aus Anlass des diesjährigen Hochfestes der Apostelfürsten Petrus und Paulus mit einem außerordentlichen Reliquiengeschenk.

Die zu den gottesdienstlichen Feierlichkeiten angereiste Delegation des ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel zeigte sich überrascht davon, dass Papst Franziskus der getrennten Kirche des Ostens nun Knochenfragmente des hl. Petrus überließ, und empfand das Geschenk als einen „Riesenschritt zur Einheit“. Unter Katholiken kam zunächst Unverständnis und Verwirrung über die päpstliche Geste auf – so mancher hatte nicht gewusst, dass es sich um neun Knochenfragmente handelte, die unter Paul VI. dem Grab entnommen worden waren und in der Privatkapelle des Papstes im Apostolischen Palastes aufbewahrt wurden.

Unmut entstand vielleicht auch durch die Papst Franziskus eigene Argumentation, Wortwahl und Spontanität des Handelns. Die Reliquiengabe hatte er gegenüber dem Leiter der Delegation des Patriarchats mit den Worten angekündigt: „Ich habe ein Geschenk für die Kirche von Konstantinopel. Letzte Nacht ist mir der Gedanke im Gebet gekommen.“ Der Papst führte den Leiter zum Apostolischen Palast: „Papst Paul VI. hat diese Kapelle eingerichtet. Er brachte einige Petrus-Reliquien hierher. Ich lebe nicht hier, ich benütze die Kapelle nicht. Im Gebet habe ich mir letzte Nacht gedacht: Diese heiligen Reliquien wären besser in Konstantinopel aufgehoben, im Phanar... Das ist nicht ein Geschenk von mir, sondern ein Geschenk von Gott.“ Das Reliquiar wurde unverzüglich zum Sitz des Ökumenischen Patriarchats in Istanbul gebracht. Dort verehrte der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., die Petrus-Reliquien bei einem Gottesdienst in der Zwölfapostel-Kirche. Der Patriarch erklärte mit bewegter Stimme, der Papst habe eine „großartige, brüderliche und historische Geste“ gesetzt, „indem er uns Reliquien des Heiligen Petrus, des Gründers der Kirche von Rom, gegeben hat“.

Die Geste des Papstes zeigt, dass Reliquien nicht bloße Überbleibsel vergangener Zeiten sind, sondern noch immer durch ihre Strahlkraft überzeugen und bemerkenswerte und effiziente Diplomaten des Glaubens sein können.