Dieser Papst ist ein Glücksfall für die Orthodoxie

Der Präsident der 1964 von Kardinal Franz König gegründeten Stiftung „Pro Oriente“, Johann Marte, hofft auf einen Papstbesuch in Serbien, rechnet aber mit inner-orthodoxen Widerständen gegen den Ökumene-Kurs des neuen Patriarchen Irinej Von Stephan Baier

Der neue serbisch-orthodoxe Patriarch Irinej hat bei seiner ersten Auslandsreise, noch vor der Inthronisation am 3. Oktober, die Verweigerung des ökumenischen Dialogs als Sünde bezeichnet und die Ökumene theologisch aus der Trinität begründet. Sind das nicht ganz neue Töne, die man so von der serbischen Orthodoxie noch nie gehört hat?

Das sind sicherlich ganz neue Töne. Das sage nicht nur ich, sondern ich habe mit vielen Experten gesprochen, die das besser beurteilen können. Da ist sicher eine neue Zeit eingeleitet. Das berechtigt zu neuen Hoffnungen. Patriarch Irinej sagte, dass eine Kirche, die die Ökumene ablehnt, sich nicht als Kirche bezeichnen könne. Ich möchte nicht von einem Meilenstein sprechen, denn auch sein Vorgänger, Patriarch Pavle, war „Pro Oriente“ sehr gewogen und bezeichnete Kardinal König als Visionär der Ökumene. Nur konnte er sich nicht durchsetzen gegen Kräfte im Heiligen Synod, die nicht so freundlich waren. Es scheint mir, dass der neue Patriarch trotz seines hohen Alters genau weiß, was er will und auch die Kraft hat, seinen Äußerungen Taten folgen zu lassen. Auch seine Einladung des Papstes zu den Kaiser-Konstantin-Feierlichkeiten 2013 in Nis deutet darauf hin. Er setzt Zeichen. Die Frage ist nur: Wird er die Kraft haben und die entsprechende Unterstützung bekommen aus seiner Kirche, diesen sehr offenen und ökumenischen Kurs durchzusetzen?

Könnte die Einladung des Papstes nach Serbien, zur 1 700-Jahr-Feier des Mailänder Edikts von Kaiser Konstantin, über das Land hinaus eine Bedeutung gewinnen für das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und der Orthodoxie?

Sicher. Nicht nur der Anlass weist weit über Serbien hinaus. Konstantin könnte man als Persönlichkeit sehen, die Ost und West vereint hat: In Nis geboren, hat er in Trier, Rom und Konstantinopel gelebt. Das kann auch auf die Gegenwart wirken. Patriarch Irinej sagte, er wolle dieses Jubiläum keineswegs zu einer Angelegenheit der Vergangenheit machen, sondern auch im Hinblick auf die Gegenwart betrachtet sehen. Das weist über Serbien hinaus.

Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Orthodoxie überall dort besonders ökumenisch gesinnt ist, wo sie Minderheit und von schwachem politischen Einfluss ist, aber überall dort distanter zur Ökumene agiert, wo sie Mehrheit und mit der Politik eng verwoben ist. Könnte sich die serbische Orthodoxie aus der engen Umklammerung des Staates lösen und dadurch offener werden?

Diesem Eindruck, dass überall dort, wo die Orthodoxie schwach ist, sie eher geneigt ist, dem kann ich zustimmen. In der Sowjetunion hatten wir sehr gute Beziehungen zur Russisch-Orthodoxen Kirche, denn man hat sich gegenseitig mehr gebraucht und hatte einen gemeinsamen Feind. Die orthodoxen Kirchen haben die neue Religionsfreiheit seit dem Fall des Kommunismus dazu genutzt, ihre eigene Identität wiederzufinden und auszubauen, auch ihre Beziehung zu den neuen Staaten zu definieren. Das ist auch gerechtfertigt, hat aber die ökumenischen Beziehungen nicht leichter gemacht, sondern zeitweise sogar sehr schwierig. Im Augenblick deuten alle Zeichen darauf hin, dass jetzt Serbien zwar nicht die Vergangenheit abgearbeitet hat, aber trotzdem einen anderen Weg einschlägt und nicht mehr die großen Ängste der Vergangenheit hat.

Könnte das mit dem Wandel der Politik in Serbien zusammenhängen? Staatspräsident Tadic und Außenminister Jeremic sind – sogar in der belasteten Kosovo-Frage – pragmatischer und wendiger geworden. Auch Patriarch Irinej hat zumindest keine Rückkehr des Kosovo unter die serbische Staatlichkeit gefordert. Ist er hier im Fahrwasser der politischen Entwicklung? Passt sich die Orthodoxie dem Trend der Politik an?

Ich glaube, sie passt sich tatsächlich dem politischen Trend an, soweit es nicht aus Eigenem kommt. Alle orthodoxen Kirchen haben eine gewisse Nahbeziehung zu ihren Regierungen, und so ist es nur natürlich, dass sich die serbische Orthodoxie diesem neuen Trend der Annäherung der politischen Führung Serbiens an die Europäische Union anschließt.

In der serbischen Politik führt dies zu großen Auseinandersetzungen. Wird es in der serbischen Orthodoxie auch so sein?

Natürlich sind nicht alle Bischöfe auf der Linie des Patriarchen. Man weiß, dass die Verbannung von Bischof Amfilohje nicht allgemeine Zustimmung gefunden hat, dass 60 Mönche sich dem Verbannten spontan angeschlossen haben. Es gibt also schon Gegenwind, aber es wird ihm wohl niemand in den Arm fallen, wenn er in diesem Fall die staatliche Politik gutheißt. Ich glaube nicht, dass deshalb ein Widerstand kommt. Er wird aber kommen im Hinblick auf die Ökumene. Da ist die Situation in Serbien ähnlich wie in Griechenland: Man versteht in der Orthodoxie unter Ökumene zum Teil nicht das, was die katholische Kirche darunter versteht. Da gibt es noch größere Widerstände.

Durch den Zerfall Jugoslawiens wurde – parallel zum Zerfall der Sowjetunion – auch die Orthodoxie gespalten. Es gibt heute eine autokephale mazedonische Orthodoxie und eine montenegrinische. Gibt es Anzeichen für eine inner-orthodoxe Aussöhnung zwischen Belgrad und diesen orthodoxen Kirchen?

Meines Erachtens zeichnet sich hier keine Versöhnung ab. Ich sehe hierfür kein Indiz. Im Gegenteil. Dieser Konflikt schwelt nach wie vor, und ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich in naher Zukunft beruhigen wird.

Die Abspaltung der estnischen oder ukrainischen „Autokephalen“ vom Moskauer Patriarchat, der mazedonischen und montenegrinischen vom serbischen Patriarchat ereigneten sich im Strom der politischen Entwicklungen. Könnte das die Orthodoxie insgesamt lehren, stärker auf Distanz zu gehen zur politischen Macht?

Es gibt keine Anzeichen dafür. Ganz im Gegenteil: Wir sind in einer Phase der je nach Land verschieden starken Annäherung zwischen den jetzt selbstbewusst gewordenen Volkskirchen und dem Staat. Das ist natürlich eine große Gefahr für die Orthodoxie, aber sie wird noch nicht gesehen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche in ihrer Sozialdoktrin einen Passus hat, der das Widerstandsrecht rechtfertigt für den Fall von Situationen, in denen Christen den staatlichen Institutionen den Gehorsam verweigern müssen. Ich sehe aber noch nicht, dass sich die Universalität des Christentums in der Orthodoxie breitmacht. Allerdings mit einer Einschränkung: Die orthodoxen Thesen vom „kanonischen Territorium“ und „einer Kirche in einem Staat“ wird heute aufgeweicht durch eine immer größer werdende Diaspora. Abgesehen davon denkt man nicht an die gesamte Christenheit, wenn man orthodoxer Gläubiger ist. Im Hinblick auf den Säkularismus und einen radikalen Islam wäre ein Näherkommen der christlichen Konfessionen sehr notwendig.

Der Papst besuchte den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios in Istanbul. Nun liegt eine Einladung des serbischen Patriarchen vor. Lässt das auch hoffen, dass es in diesem Pontifikat zu einem Papstbesuch in Russland kommen könnte?

Ich glaube nicht. Manche merken schon, dass es höchste Zeit ist, dass man mit Rom in gute Verbindung kommt. Es ist schwer vorstellbar, dass im nächsten Pontifikat ein Papst an der Spitze steht, der die Orthodoxie so gut versteht und mit ihr im lebendigen Gespräch steht, der auch von der Orthodoxie so anerkannt wird. Das ist heute ein Glücksfall. Die Orthodoxie sollte diesen Glücksfall jetzt erkennen, und die Chancen wahrnehmen. Ich glaube nicht, dass es zu einem Besuch in Moskau kommt, weil die russische Orthodoxie keine Notwendigkeit dafür sieht und auch das Volk, wie man in Moskau sagt, nicht nach ihm dürstet. Ich meine, dass die Chance zu einem Treffen (des Papstes mit Patriarch Kyrill, Anm.) außerhalb Russlands weitaus größer ist als in Moskau.

Früher galt Österreich als prädestiniert für ein Treffen zwischen Papst Johannes Paul II. und Patriarch Alexij. Wäre es heute ein Ort für eine solche Begegnung?

Warum nicht? Allerdings denkt man in Moskau auch politisch: Wo bringt es mehr? Serbien wird von Moskau als befreundetes Land gesehen. Also, die Chancen, dass es 2013 zu einem Treffen in Nis kommt (bei den Konstantin-Feierlichkeiten, Anm.) sind für mich persönlich jetzt schon gestiegen.