Diener der Kirche

Die Ratzinger-Analyse der Missbrauchskrise hat giftige Reaktionen hervorgerufen, aber keine ernstzunehmende Alternative. Von George Weigel

Papst Benedikt XVI.
Benedikts treffende Diagnose der Missbrauchskrise verdient eine seriöse Diskussion. Foto: KNA

Der Essay von Joseph Ratzinger über die Entstehung der Krise sexuellen Missbrauchs innerhalb der Kirche, eine Woche vor seinem 92. Geburtstag veröffentlicht, zeugt eindringlich von dessen beispielloser Fähigkeit, progressive Katholiken in Aufregung zu versetzen. Die Ursprünge des vom emeritierten Papst verfassten Textes bleiben unklar. Verfasste er den Text zunächst, um die Bischöfe zu unterstützen, die im Februar in Rom zusammentrafen, um über die Missbrauchskrise zu diskutieren? Unabhängig von deren Hintergrund ist die Diagnose Ratzingers eine tiefere Betrachtung wert.

Nach Ansicht Benedikts XVI. war die Missbrauchskrise innerhalb der katholischen Kirche hauptsächlich ein kirchliches Beiprodukt der „sexuellen Revolution“: ein Tsunami der kulturellen Zerstörung, der die Kirche in einem Moment traf, als lehramtliche und moralische Verwirrung herrschten und wenig Disziplin im Klerus, als die Ausbildung in den Priesterseminaren mangelhaft war und eine Aufsicht von Seiten der Bischöfe kaum existierte. In der Kombination führte all dies zu vielen der Skandale, die uns heute so schmerzhaft vertraut sind.

Benedikts Analyse liefert natürlich keine Erklärung für die gesamte Missbrauchskrise. Sie erklärt nicht das Verhalten von Psychopathen wie Marcial Maciel und Theodore McCarrick. Sie erklärt nicht das missbräuchliche Verhalten von Bischöfen und Nonnen in Irland vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil oder in der Provinz Quebec. Sie erklärt nicht die Herausforderungen, denen sich die Kirche heute in Afrika aufgrund klerikalen Konkubinats – und Schlimmerem – stellen muss. Doch Ratzingers Epidemiologie befasst sich treffend mit dem sprunghaften Anstieg von Missbrauchsfällen innerhalb der Kirche, der ab den späten 1960ern zu verzeichnen war und in den 1980ern seinen Höhepunkt fand – bevor die von Papst Johannes Paul II. angestoßenen Reformen des Priesteramtes und der Seminare Wirkung zeigten.

Es trifft sich, dass ich seit der Veröffentlichung meines Buchs „The Courage To Be Catholic: Crisis, Reform, and the Future of the Church“ im Jahr 2002 genauso argumentiere. Im Buch vertrete ich die These, dass der klerikale Selbstbetrug und Schwindel, der mit der verbreiteten Ablehnung der 1968 veröffentlichten Enzyklika „Humanae vitae“ von Papst Paul VI. einherging, ein Umfeld schaffte, in dem sich missbräuchliches Verhalten ausbreiten konnte. Männer, die sich selbst einredeten, nicht glauben oder lehren zu müssen, was die Kirche als wahr erachtete – insbesondere zur Ethik der menschlichen Liebe – , waren besonders anfällig für die Flutwelle der sexuellen Revolution. Und in kurzer Zeit führte eine falsche Denkweise zu falschem Verhalten und Missbrauch. Dass die Priesterseminare in dieser Zeit eine intellektuelle und lehramtliche Kernschmelze durchmachten, verstärkte die Krise. Genauso wie das Versagen Roms, angesichts der offensichtlichen Uneinigkeit für Disziplin innerhalb der Kirche zu sorgen. Kurzum handelte es sich also um einen regelrechten Sturm, in dem die dunklen Kräfte schweren Schaden anrichten konnten, die schon immer versucht hatten, die Kirche zu zerstören und sie von ihrer Mission abzuhalten, das Evangelium zu verkünden.

Wie zu erwarten war, erntete ich für diese Analyse eine Tracht Prügel von den Kommentatoren des katholischen Mainstream, die 2002 noch immer alles abzustreiten schienen. Den unmittelbaren, sehr unterschiedlichen und manchmal auch brutalen Reaktionen auf das Schreiben Ratzingers aus denselben Kreisen nach zu urteilen, bestreiten weiterhin zu viele linke Katholiken den Zusammenhang zwischen einem Abweichen von Lehramt und Moral und den verwerflichen Taten innerhalb der Kirche. So bezeichneten manche den Papa emeritus als senil, andere als unbesonnen. Einige Kritiker warfen ihm vor, seinem Nachfolger gegenüber illoyal zu sein. Einer jener vor Wut schäumenden Experten – von denen viele progressive Ultramontane sind, für die die Unfehlbarkeit von Papst Franziskus beinahe keine Grenzen kennt –, ging sogar so weit, Benedikt vorzuwerfen, ein Schismatiker zu sein.

Doch hat sich auch nur einer dieser Kritiker tatsächlich mit den Argumenten Ratzingers befasst? Nein. Bietet auch nur einer dieser Kritiker eine andere, plausiblere Erklärung für den massiven Anstieg der Missbrauchsfälle, der auf die Durchschlagskraft der sexuellen Revolution folgte, auf die Kontroverse um „Humanae vitae“, auf eine Verwässerung der kirchlichen Lehre in den Priesterseminaren, und in deren Zuge immer mehr Moraltheologen zum Vorschein kamen, die die Vorstellung dekonstruierten, dass gewisse Handlungen immer und überall falsch sind? Nein. Wie auch schon 2002 fielen die Reaktionen giftig aus. Aber es wurde keine ernst zu nehmende Alternative geboten.

Wie ich bereits zuvor anmerkte, ist „Klerikalismus“ keine ernsthafte Erklärung für die Sünde und das Verbrechen des Missbrauchs innerhalb der Kirche. Klerikalismus erleichtert Missbrauch, dadurch dass die Täter sich diejenigen zum Opfer machen, die aufrichtige Wertschätzung für das Priesteramt beweisen. Aber Klerikalismus erklärt nicht sexuelle Übergriffe. Diese haben andere, tiefere Ursachen und sind tatsächlich ein weltweiter Missstand.

Der emeritierte Papst hat der Kirche einen Dienst erwiesen, indem er eine Analyse der Missbrauchskrise verfasste, die jeder ernst nehmen sollte, dem es am Herzen liegt, dass die Wunden wieder heilen, die dem Körper Christi zugefügt wurden, indem heilige Orden für böse, ausschweifende Zwecke missbraucht wurden. Diejenigen, die Ratzingers Diagnose nicht mit der ihr gebührenden Ernsthaftigkeit diskutieren können oder wollen, diskreditieren sich selbst, da sie den Eindruck vermitteln, die Missbrauchskrise nicht lösen zu wollen.

Übersetzung aus dem Englischen von Maximilian Lutz