Die vergessenen Opfer

Christenverfolgung in Zentralafrika: Die Enthauptung einer Ordensfrau zeigt die Not der Ortskirche. Von Simon Kajan

Bestattung von Schwester Inés
Schwester Inés wurde auf Wunsch ihrer Verwandten in ihrer Wahlheimat bestattet. Foto: ACN

Schwester Inés war seit Jahrzehnten Lehrerin für Mädchen aus ärmsten Verhältnissen. Sie ist auf brutalste Weise in der Zentralafrikanischen Republik getötet worden, an dem Ort, wo sie die Mädchen nähen gelehrt hat. Wir trauern um eine weitere Frau, die ihr Leben für Jesus im Dienst an den Ärmsten gegeben hat“. Mit diesen Worten wies Papst Franziskus bei der Generalaudienz in der vergangenen Woche auf eine schreckliche Tat hin, während weitab von der Wahrnehmung der Weltöffentlichkeit immer mehr Christen an Leib und Leben bedroht werden. Vor allem die Zentralafrikanische Republik entwickelt sich zu einem Brennpunkt der Christenverfolgung auf dem afrikanischen Kontinent.

Schwester Inés Nieves Sancho von der kleinen französischen Ordensgemeinschaft der Töchter Jesu von Massac wurde laut ,Osservatore Romano‘ am Montag im Ort Nola in der Nähe von Berberati, Sangha-Mbaéré, im Südwesten der Zentralafrikanischen Republik tot aufgefunden. Der Leichnam der 77-jährigen Ordensfrau wurde in der Werkstatt getötet, in der sie seit 23 Jahren benachteiligten Mädchen das Nähen beigebracht hat. Auf Bitten ihrer Verwandtschaft wurde sie bereits am Dienstag in Nola beigesetzt.

Nach einer ersten Rekonstruktion des Mordes wäre die alleinlebende Schwester am Sonntagabend von einer Gruppe Fremder überfallen worden, die sie zu dem Gebäude brachten, in dem sie Nähkurse gab. Dort wurde sie erstochen und enthauptet.

Berichten zufolge sollen die Mörder Teile des Leichnams für animistische Entsühnungsrituale verwendet haben. „In der Nähe der Grenze zu Kamerun soll es Kameruner geben, die bei Ritualmorden Organe entnehmen und diese bei Ritualen opfern, da sie Glück bei der Suche nach Diamanten bringen“ sollen, berichtet Bischof Juan José Aguirre Munos von Bangassou, dessen Bistum bereits in den vergangenen Monaten von schweren Verbrechen heimgesucht wurde.

International sorgte die Gräueltat für Aufsehen, da die Ordensschwester die französische und spanische Staatsbürgerschaft besaß, und innerhalb kurzer Zeit drei Menschen aus Spanien ihr Leben in Missionsgebieten verloren. Erst am 17. Mai wurde der 60-jährige Missionar Fernando Hernández SDB in Bobo Dioulasso, Burkina Faso, von einem ehemaligen Koch seiner Missionsstation ermordet.

Seitdem die islamistische Séléka-Miliz 2013 die zentralafrikanische Regierung stürzte, erschüttern Kämpfe das Land, bei denen es neben religiösen Gründen auch um die Kontrolle des Rohstoffhandels geht. Es gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Regierungstruppen, islamistische Rebellen (ehemals„Séléka“/„Unité pour la Paix en Centrafrique"(UPC)) und Kampfverbände („Anti-Balaka“) stehen sich gegenüber, wobei die „Anti-Balaka“ zwar ihre christliche Herkunft reklamieren, aber ebenso mit Brutalität unterschiedslos gegen muslimische Bewohner und islamistische Milizen vorgehen. Trotz der UN-Operation „Minusca“, die als „Blauhelm“-Einsatz den Bürgerkrieg befrieden soll, kommt es verstärkt zu schweren Auseinandersetzungen. Im letzten Jahr wurden allein fünf Priester getötet, daneben kam es zu unzähligen Morden und Übergriffen auf Christen. So wurde der Generalvikar Firmin Gbagoua aus der Diözese Bambari, der als Caritasdirektor die materielle Hilfe für Gläubige und Binnenflüchtlinge koordiniert, am 29. Juni erschossen. „Es wurde ein Raubüberfall simuliert, um den Generalvikar zu erschießen, wohl wissend, um wen es sich dabei handelte. Prälat Firmin Gbagoua war eine Schlüsselperson bei allen Vermittlungsprozessen und wollte den Frieden in Bambari erhalten und deshalb war er allen bekannt. Seine Mörder können also nicht behaupten, dass sie nicht wussten, wen sie getötet haben“, so Beobachter aus Kreisen der Ortskirche. Am 6. September wurden 14 christliche Flüchtlinge, die in einem überwiegend nicht-muslimischen Lager untergekommen waren, regelrecht massakriert, vor allem Frauen und Kinder. In der Diözese Bangassou kam es am 15. November zu einem Anschlag, bei dem 40 Menschen das Leben genommen wurde, darunter dem Generalvikar der Diözese Alinda, Prälat Blaise Mada und Pfarrer Celestine Ngoumbango Mingala. „Motiv des Massakers war die Ermordung eines nigerianischen Söldners der UPC einige Tage zuvor“, so Erzbischof Aguirre: „Die Männer von Ali Darassa (UPC, Anm.) haben das Flüchtlingslager angegriffen, geplündert, in Brand gesetzt und Frauen und Kinder getötet; sie brannten die Kathedrale nieder, wo sie die beiden Priester töteten. Unmittelbar danach plünderten junge Muslime die erzbischöfliche Residenz, das Priesterhaus und die Büros der Caritas. Ich habe Fotos gesehen. Von diesen Einrichtungen sind nur die gekalkten Wände übrig.“ Mittlerweile sprechen die Bischöfe des Landes in einer Erklärung von einer „sukzessiven Ermordung der Priester“.

DT/I.Media/Agencia, Fides/KNA/Vatican News