„Die unmittelbare Einheit zwischen Lehre und Praxis neu suchen“

Kurt Kardinal Koch, Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, über die „Ökumene der Märtyrer“, die Lebenswirklichkeit als Quelle theologischer Wahrheitsfindung und die Reform des Petrusamtes. Von Regina Einig

Kardinal Kurt Koch: „Was in Paris geschehen ist, passiert im Nahen Osten jeden Tag. Wo sind da die europäischen Politiker?“ Foto: dpa
Kardinal Kurt Koch: „Was in Paris geschehen ist, passiert im Nahen Osten jeden Tag. Wo sind da die europäischen Politike... Foto: dpa
Herr Kardinal, seit fünf Jahren amtieren Sie als Präsident des Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Könnten Sie ein Zeichen nennen, das Ihnen in der Ökumene Hoffnung gibt?

Die Ökumene ist überhaupt ein hoffnungsvolles Unternehmen – nicht leicht, aber schön. Da wir überhaupt keine andere Wahl haben, als den Willen des Herrn zu erfüllen und die Einheit zu finden, ist für mich eigentlich alles mit Hoffnung besät.

„Wir haben heute

Christenverfolgungen in einem Ausmaß, wie wir sie selbst in den ersten Jahrhunderten nicht

gekannt haben“

Wie sehen Sie die Ökumene vor dem Hintergrund der Christenverfolgung? Rücken die Kirchen und Konfessionen unter dem Druck der Lage zusammen?

Es sollte nicht nur ein äußerer Druck sein, der die Christen zusammenrücken lässt, sondern es muss eine innere Haltung sein. Wir haben heute Christenverfolgungen in einem Ausmaß, wie wir sie selbst in den ersten Jahrhunderten nicht gekannt haben. Der heilige Johannes Paul II. hatte den schönen Begriff der „Ökumene der Märtyrer“ geprägt und gesagt, während wir auf Erden noch in einer unvollkommenen Gemeinschaft zueinander leben, leben die Märtyrer bereits die Einheit im Himmel. Nach dem altkirchlichen Satz, dass das Blut der Märtyrer der Same neuer Christen ist, dürfen wir hoffen, dass das Blut der Märtyrer heute der Same der Einheit der Kirche sein wird. Das ist für mich der innerste Kern des ökumenischen Bemühens.

Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Türen aufgehen, je intensiver uns das Phänomen Christenverfolgung beschäftigt?

Wir nehmen diese Dimension der „Ökumene der Märtyrer“ oder, wie Papst Franziskus sagt, der „Ökumene des Blutes“ viel zu wenig wahr. Die Solidarität, das Mittragen der verfolgten Menschen mit unserem Gebet, mit unserer Hilfe, wird noch viel zu wenig realisiert. Ich war erstaunt und auch erfreut zu sehen, wie viele Regierungsleute aus Europa nach Paris gegangen sind nach dem Attentat auf Charlie Hebdo. Aber andererseits muss ich sagen: Was in Paris geschehen ist, passiert im Nahen Osten jeden Tag. Wo sind da die europäischen Politiker?

Trauen Sie dem Heiligen Vater eine Vermittlerrolle zu, sei es im Nahen Osten oder auch im Ukraine-Konflikt?

Die Vermittlung des Heiligen Stuhls ist in erster Linie immer auf der religiösen Ebene. Da ist es uns schon ein Anliegen, dass die blutigen Auseinandersetzungen, die Konflikte in der Ukraine, sich nicht in der Ökumene widerspiegeln, sondern dass die Kirchen zu einem Faktor der Einheit und Versöhnung werden. Hier wird Papst Franziskus eine gute Rolle spielen können.

Halten Sie ein Treffen mit dem Moskauer Patriarchen derzeit für realistisch oder ist das noch ferne Zukunftsmusik?

Von Rom her gesehen ist es ganz realistisch. Papst Franziskus hat im Flugzeug auf dem Rückflug von Konstantinopel klar gesagt: Ich bin bereit, ich möchte ihn treffen – er soll mir nur sagen, wann und wo, und dann komme ich. Aber wir haben keine dementsprechenden Signale aus Moskau.

In Deutschland fassen einzelne Bischöfe einen Paradigmenwechsel ins Auge, demzufolge nicht nur Schrift und Tradition, sondern auch die „Lebenswirklichkeit“ als Quelle der theologischen Wahrheitsfindung ins Auge gefasst wird. Können Sie sich das vorstellen? Wie bewerten Sie das?

Da muss man sehr genau unterscheiden: Auf der einen Seite hat die Tradition stets betont, dass wir in den Zeichen der Zeit auch den Willen Gottes erkennen können. Auch das Konzil hat bestätigt, dass man in geschichtlichen Entwicklungen den Willen Gottes herausspüren kann. Auf der anderen Seite müssen wir natürlich ebenso klar sehen, dass es gerade in Deutschland verhängnisvolle Entwicklungen gegeben hat. Denken wir an die „Deutschen Christen“ während der nationalsozialistischen Zeit, die neben der Schrift auch die Nation und die Rasse zu Offenbarungsquellen erhoben haben, wogegen die Barmer Theologische Erklärung (1934) Protest erhoben hat. Da müssen wir sehr genau unterscheiden und sensibel auf die Zeichen der Zeit hören – und auf den Geist, der sich uns in diesen Zeichen offenbart: Was sind Zeichen des Evangeliums? Was nicht?

Welche Bedeutung hat die Lebenswirklichkeit der Menschen für die Kirche?

Die Art und Weise, wie die Menschen den Glauben leben, wahrzunehmen, ist natürlich hilfreich und wichtig, um zu erkennen, vor welchen Herausforderungen die Pastoral der Kirche steht. Aber sie kann nicht eine dritte Wirklichkeit der Offenbarung neben Schrift und Lehramt sein.

Mit Blick auf die Synode ist auch die Frage des Verhältnisses zwischen Rom und den Ortskirchen und deren Kompetenzen wieder ein Thema. Wie kann die Kirche eine gesunde Balance finden?

Man muss die Frage im größeren Zusammenhang des katholischen Kirchenverständnisses sehen. Die katholische Kirche ist eigentlich eine Ellipse mit zwei Brennpunkten: eine ist die Vielfalt der Ortskirchen und eine die Einheit der Universalkirche. Zwischen beiden besteht ein Gleichgewicht, das immer wieder neu gleichsam ausbalanciert werden muss. Dabei gibt es zwei extreme Tendenzen: Eine besteht in einem Zentralismus, der alles von den Ortskirchen in die Zentrale zieht. Die andere ist ein Föderalismus, in dem jede Ortskirche ihren eigenen Weg geht. In diesem Spannungsverhältnis einen Mittelweg zu finden ist eine große Herausforderung. Aber man wird nie die Vielfalt in den Ortskirchen dort finden können, wo die Einheit der Kirche auf dem Spiel steht – und das ist zum Beispiel beim Amt der Fall. Das Amt kann in den verschiedenen Ortskirchen nicht so unterschiedlich gestaltet werden, dass es nicht mehr austauschbar ist. Wir haben teilweise heute schon beim Diakonat Probleme, weil zum Beispiel in Deutschland der Ständige Diakonat eine andere Entwicklung genommen hat als in der Schweiz. Es ist schwierig, einen deutschen Ständigen Diakon zu übernehmen, weil er eine andere Gestalt hat. Da denke ich, geht etwas an Einheit verloren.

„Man kann Lehre und Praxis nicht so auseinanderdividieren, dass man an der Lehre festhält und die Praxis völlig anders wendet“
Können die Ortskirchen auf Dauer einfach getrennte Wege in Lehre und Praxis gehen?

Man kann Lehre und Praxis nicht so auseinanderdividieren, dass man an der Lehre festhält und die Praxis völlig anders wendet. Das geht nicht, denn es gibt keine Lehre ohne Konsequenzen in der Praxis. Und es gibt keine Praxis, die sich nicht an der Lehre orientiert. Da muss man die unmittelbare Einheit zwischen Lehre und Praxis wieder neu suchen.

Es gibt Theologen, die dem Heiligen Vater zutrauen, das Papstamt in seiner Struktur zu verändern. Halten Sie das im Sinne der Ökumene für wünschenswert? Rechnen Sie mit einer Anglikanisierung des Petrusdienstes?

Papst Franziskus hat nicht von einer Strukturveränderung des Papsttums gesprochen. Im Gegenteil: Im Schlusswort nach der Bischofssynode hat er ganz klar die Kompetenzen des Papstes hervorgehoben. Papst Franziskus ist auf der Linie von Papst Johannes Paul II. und von Papst Benedikt XVI., die gesagt haben: Wir müssen eine neue Praxis des Petrusamtes bei gleichbleibender Substanz suchen – eine Praxis, die auch in der Ökumene mehr Konsens findet. In dieser Richtung arbeitet Papst Franziskus. Eine Anglikanisierung kann ich mir überhaupt nicht wünschen, denn ich kenne ein bisschen das Leiden eines Erzbischofs von Canterbury – eines Primas, der nur ein Ehrenprimat ist, der zwar große Verantwortung trägt, aber nur wenig Kompetenzen hat. Ein reiner Ehrenprimat funktioniert nur bei schönem Wetter. Wir brauchen den Primat aber gerade dann, wenn schlechtes Wetter herrscht. In dem Sinne brauchen wir eine neue Überlegung, wie das Petrusamt ausgeübt werden kann im Rahmen der Kollegialität der Bischöfe. Es braucht aber eine letzte Stimme mit einer klaren Kompetenz. Je länger ich in der Ökumene tätig bin, desto tiefer bin ich davon überzeugt, dass das Papstamt ein ganz großes Geschenk des Herrn an seine Kirche ist. Ohne Papsttum wäre mit uns das gleiche geschehen wie mit der orthodoxen Kirche: Wir wären in eine Summe von Nationalkirchen auseinandergebrochen.

Kardinal Kasper erinnerte kürzlich an Papst Franziskus, der in Evangelii gaudium eine „Bekehrung des Papstamtes“ fordert. Wie verstehen Sie dieses Papstwort?

So wie oben angesprochen. Wenn ich von meiner Konversion rede, heißt das ja auch nicht, dass mein Wesen ein völlig anderes werden muss, sondern, dass ich mein Verhalten überprüfen und ändern muss. Konversion heißt nicht, dass ich aufhöre, Kurt Koch zu sein, sondern dass ich ein besserer Kurt Koch werden muss. In dem Sinne heißt Konversion des Papsttums nicht, dass wir eine andere Struktur oder Gestalt des Papsttums brauchen, sondern dass wir eine andere Praxis finden müssen, die den Dienst des Petrus auch in der Ökumene noch deutlicher sichtbar macht.