Die noch nicht offen ssichtbare Identität der Christen

Offb 7, 2–4.9–14;

1 Joh 3, 1–3;

Mt 5, 1–12a

Zu Allerheiligen feiert die Kirche sich selbst – dankbar im Angesicht Gottes, der ihr die Existenz verliehen hat. Sie feiert vor allem ihre verborgene Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit macht zugleich auch ihre Zukunft aus. Alle drei Texte beschreiben zumindest auch die visionär erschaubare Seite der Kirche. Die Texte sind daher eine gute Antwort auf die Frage, was aus der Kirche werden solle. Denn das kann nur von dem abhängen, was sie ist, und zwar schon in der Gegenwart.

Offb 7 spricht in V. 2–8 von der Versiegelung der Auserwählten auf der Erde. Das Siegel (wohl die Taufe oder die Firmung) schützt vor Abfall, Verführung und Schaden. Mit den 144 000 wird die Kirche als das „irdische Israel im Status der endzeitlichen Begnadung“ gedeutet. Das versteht der Seher Johannes freilich nicht als Enterbung des Volkes Israel, sondern als das umfassende neue Gottesvolk aus Juden und Heiden. So ist der Seher Johannes nicht bereit oder nicht in der Lage, Kirche anders als mit jüdisch-alttestamentlichen Bildern zu beschreiben. Er geht daher davon aus, dass es nur ein Volk Israel gibt, und er kann auch die Heidenchristen nur als darin aufgehoben denken. – In 7, 9–17 wechselt die Szene, und zwar von der Erde in den Himmel. Der Seher Johannes schildert hier den Lobpreis der Auserwählten vor dem Thron Gottes. Denn hier sind sie jetzt „der Drangsal entkommen“. So schildert der Seher die Kirche unter zwei Aspekten und in zwei verschiedenen Stadien. Als Kirche auf Erden ist sie verfolgt, versucht und angefochten. Sie trägt noch das Antlitz Israels.

Als Kirche im Himmel dagegen ist sie „international“ und nicht mehr mit den alttestamentlichen Kategorien zu fassen. Denn vor dem Thron Gottes gilt nur das gemeinsame Lob. Die Darstellung in zwei Szenarien ist der Offenbarun des Johannes auch sonst geläufig. Auf Erden kämpft die Kirche noch; im Himmel jubelt sie. Was im Himmel geschieht, ist dabei der Schlüssel für die wahre Bedeutung dessen, was sich auf Erden abspielt. – Für das Thema Allerheiligen sagt dieser Text: Man hat diese Szene schon früh im Sinne der „streitenden“ und der „triumphierenden“ Kirche gedeutet, und das war grundsätzlich zutreffend. Im Sinne von Offb 7 gilt der Ausdruck „Heilige“ für alle Christen, die im Himmel schon vollendet sind. (Über Christen im Fegefeuer oder in der Hölle sagt der Text nichts, er kann daher in diesen Fragen auch keine Auskunft geben). Der Text in Offb 7 soll vor allem die auf Erden streitende Kirche ermuntern und ermahnen. Sie bedarf wahrhaftig des Trostes. Dass die Kirche auf Erden noch mit jüdischen Kategorien erfasst wird, zeigt, wie nahe sich Synagoge und Kirche hier noch sind.

1 Joh 3, 2 zeichnet ein ganz ähnliches Bild wie Offb 7. Die Kirche erscheint in zwei gegensätzlichen Epochen ganz unterschiedlich. Im Augenblick lebt die Kirche im Status der Verborgenheit. Was zukünftig aus ihr wird, kann man ihr nicht von außen ansehen. Die Christen sind jetzt schon Kinder Gottes, aber das kann man nicht einfach „sehen“. Wie sie Gottes Kinder sind und ob sie ihm damit ähnlich sind, das wird man erst dann sehen können, wenn Gott selbst sich offen den Menschen zeigt. Kinder sind ja nach biblischer Auffassung stets diejenigen, die den Eltern einmalig nahestehen und ihnen daher ähnlich sind. Hier sind das Kindsein und das Ähnlichsein nicht nur Eigenschaften im Verhältnis zu Gott, sondern dieses schließt auch die Aufgabe ein, dass Christen werden, was sie sind. Denn Gott ist heilig, und der ganze Sinn des Christentums besteht darin, dass die Christen auch heilig werden (wie Lev 19, 2: Heilig müsst ihr sein, weil ich, der Herr euer Gott, heilig bin!“; ähnlich Lk 6, 36: Seid barmherzig, wie ich barmherzig bin!“). Damit ist die gesamte Zukunft der Christen umrissen, was hier in 2, 3 „Hoffnung“ genannt wird. Doch hier wie auch sonst im Neuen Testament bedeutet das Wort „Hoffnung“ eher das ersehnte und jetzt noch unsichtbare Hoffnungsgut. So bedeutet Heiligkeit zu Gott gehören, und wer heilig ist, verherrlicht Gott auch mit seinem ganzen Leib (1 Kor 6, 20b). – An Allerheiligen bedeutet das: Heiligkeit ist Identität und Berufung, ist Auszeichnung und Aufforderung zu werden, was man ist.

Auch in Mt 5, 1–12 geht es um ein interessantes Verhältnis zwischen Gegenwart und Zukunft. Denn jede Seligpreisung beginnt mit einer Aussage über die Gegenwart: „Selig sind...“, oder „Selig seid ihr“. Dann wird ein Tun oder Ergehen genannt. Es folgt eine Verheißung im Futur, wie zum Beispiel „denn sie werden das Land besitzen“. Aber „selig“ sind diese Menschen schon jetzt, denn sie sind Glückskinder, die man nur beglückwünschen kann. Dabei geht es aber nicht um die launische Fortuna (Glücksgöttin) oder um „Glück im Lotto“. Vielmehr sagt Jesus, dass diese Menschen auf dem besten Weg ist, den man sich denken kann.

Es gibt so etwas wie einen durchgängigen Charakter aller Seligpreisungen, was das Tun oder Ergehen der Menschen betrifft. Denn die selig genannt werden, verzichten auf Gewalt, sie lassen sich vielmehr eher verfolgen, sie sind integer und nicht korrupt („reinen Herzens“) und barmherzig. Mitmenschlichkeit zählt mehr als Machtgebrauch. – Zu Allerheiligen bedeutet das: An den hier geschilderten Menschentypen werden die Bedingungen für „Glück“ entfaltet. Damit aber bleibt das Christentum innerhalb einer Richtung, die man in der Philosophie „Eudaimonismus“ nennt. Dessen Ziel ist die Seligkeit der Täter. Also nicht die abstrakte Erfüllung einer allgemeinen Pflicht (kategorischer Imperativ). Ziel ist auch nicht das Aufblicken zu einer hohen Norm, an der man dann immer wieder scheitert. Sondern Ziel ist, dass es jedem einzelnen Jünger Jesu und allen miteinander im Ganzen und auf Dauer gutgeht. Dazu müssen sich die Jünger nicht ständig ändern. Auch Jesus beruft die Jünger nicht mit der Auflage, sie müssten sich erst einmal ändern, sondern wie Lk 5, 1–11 zeigt, indem er ihnen eine anspruchsvolle Aufgabe zuweist, sodass sie gar nicht mehr immerzu an sich denken müssen („Menschenfischer“).

Hoffnung ist für die Kinder Gottes keine vage Vermutung

Die säkularisierten Menschen haben Uhren, Christen haben (die) Zeit. In den drei Texten wird das Verhältnis von Sein und Zeit besprochen. Daraus wird insgesamt ein Wort über die Zukunftsangst. Bei rein weltlichen Menschen besteht nur ein loser Zusammenhang zwischen dem, was sie sind und dem, was sie vielleicht sein werden; das nennt man dann Zufall oder Schicksal. Diese Bindung von Zukunft an das Sein ist bei Christen anders, nicht vor allem zufällig, sondern wie festgezurrt. Denn sie sind selig jetzt und dann, sie sind jetzt schon das verborgen, was sie in Zukunft nur offenkundig sein werden. Ihre Hoffnung ist nicht bloße Ahnung oder Vermutung, sondern ein Anker, der in das Morgen hineinreicht. Hebr 6, 19 entwirft ein Bild für dieses Verhältnis zur Zukunft: „Wie einen sicheren und festen Anker für unsere Herzen haben wir diesen Halt dort festgemacht, wo nicht sehen, sondern Hoffen zählt: auf der anderen Seite des himmlischen Vorhangs.“ Eigentlich ein widersinniges Bild, denn üblicherweise wirft man den Anker auf bleibenden, festen Grund unter den Füßen, der natürlich schon da ist. Nach Hebr 6, 19 wie auch nach unseren drei Texten sieht es so aus, als mache man seinen Anker an den Wolken fest, am Wolkenkuckucksheim von übermorgen.

Doch Christen haben kein vages Verhältnis zur Zukunft, sondern einen festen Stand. Sie dürfen ihrer Zukunft gewiss sein, denn Jesus ist auferstanden. Das ist eine singuläre Auszeichnung. Durch ihr Bekenntnis kennen die Christen schon recht genau, was ihnen bevorsteht. Der Anker der Hoffnung ruht nämlich nicht in Wolken, sondern im unzerstörbaren Leben Gottes, das den Tod überwunden hat. Denn üblicherweise heißt es: das einzig Sichere ist der Tod. Für Christen aber heißt es: Neben der Gewissheit des Todes gibt es die siegreiche Gewissheit der Auferstehung Jesu Christi. Beides passt ja auch wunderbar zusammen, wie eben Karfreitag und Ostern. So aber ist die allen Menschen gemeinsame Angst vor dem Tod gebannt, die traurigste Gewissheit über das große schwarze Loch am Ende verdrängt durch die eine freudige Botschaft.

Für Allerheiligen bedeutet das: Wenn die zentrale Angst am Ende entfällt oder gebannt wird, kann sich alle Kraft eines jeden Menschen konzentrieren auf das Bewahren und Umsetzen der von Gott geschenkten Heiligkeit mit der Hilfe Gottes. Ungehindert kann sich der Mensch auf das Jetzt konzentrieren, in dem alles daran liegt, heilig und barmherzig zu sein, wie Gott heilig und barmherzig ist. Nicht zuletzt wird so auch der Übergang zu „Allerseelen“ wie von selbst erkennbar. Die Berufung zur Heiligkeit bedeutet daher eine große, umfassende Befreiung des Menschen von jener Angst, die alle Philosophen als die entscheidende wahrgenommen haben. Allerheiligen ist daher nicht irgendwie nebenbei, sondern ganz zentral und vor allem ein großes Fest der Befreiung, zu der alle Menschen berufen sind. Diese Befreiung macht froh und erlaubt dem Menschen, im ganz ursprünglichen Sinne aus ganzem Herzen Gott zu gehören und also heilig zu sein.

Klaus Berger