Die moralische Krise als soziale Frage

Warum der Moderne aus Sicht Johannes Pauls II. nur durch Neuevangelisierung zu helfen ist. Von Alfred Marek Wierzbicki

Gedenken an die Opfer totalitärer Regime: Papst Johannes Paul II. betete am 25. Juni in Kiew vor dem Denkmal für die ermordeten Juden von Babij Jar. Foto: KNA
Gedenken an die Opfer totalitärer Regime: Papst Johannes Paul II. betete am 25. Juni in Kiew vor dem Denkmal für die erm... Foto: KNA

Das Pontifikat Johannes Pauls II. umfasste eine Periode turbulenter, geradezu epochaler Veränderungen in der Welt. Es sah in der politischen Dimension den Verfall und Kollaps des Kommunismus, der von einem Aufweichen der Spannungen zwischen Ost und West begleitet wurde, wie auch dem Entstehen demokratischer Staaten aus den Ruinen der totalitären Systeme. Dazu waren die beiden letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts und der Beginn des neuen Millenniums gekennzeichnet von einem beschleunigten technologischen Fortschritt, welcher inzwischen zur sogenannten digitalen Revolution geführt hat. Auch auf dem Gebiet der Genetik wurden revolutionäre, mitunter gefährliche Fortschritte erzielt.

Johannes Paul II. war in dieser Zeit des Wandels der wichtigste, wenn nicht der einzige Bewahrer der menschlichen Geschichte. Er bot seiner Zeit nicht nur soziologische, politikwissenschaftliche und ökonomische Erläuterungen an, sondern weit entwickelte moralische und theologische Gedanken zur modernen Geschichte. Wenn er den umfassenden Respekt für die Würde der menschlichen Person und für die Menschenrechte einforderte, so richtete er diese Worte nicht nur an die Gläubigen der katholischen Kirche. Stattdessen unterstrich Johannes Paul II., dass das akute moralische Dilemma der gegenwärtigen Welt, „Solidarität oder Vorherrschaft?“ (vgl. Enzyklika Redemptor hominis, Abschnitt 15), in Wahrheit allumfassend sei und nur von der menschlichen Gemeinschaft gemeinsam gelöst werden könne. Mit zunehmender Dauer seines Pontifikats hob der Papst jedoch auch hervor, dass die verschiedenen globalen Krisen von einer großen moralischen Krise verursacht worden seien. Diese moralische Krise fasste Johannes Paul II. als die dringendste soziale Aufgabe unserer Zeit auf.

Diese Gleichsetzung der moralischen Krise mit der sozialen Frage geht bei Johannes Paul II. einher mit seiner Diagnose der Moderne, die er als ein Konglomerat von sich gegenseitig widersprechenden anthropologischen Paradigmen auffasste. Die fundamentale Frage, die der Papst an die nachaufklärerische Menschheit richtete, lautet: Kann man in Übereinstimmung mit den Ansprüchen der menschlichen Würde in einer Welt leben, die ganz darauf abgestimmt und danach geformt ist, als wenn es Gott nicht gäbe (etsi Deus non daretur)?

Der Papst nannte die Sünde beim Namen

Im 20. Jahrhundert hat die Verletzung der moralischen Ordnung häufig die Form eines strukturellen Übels angenommen. Die Idee, dass der Fortschritt, die soziale Revolution, die Nation oder das Wohlergehen aller das höchste Gut ersetzen könnten, hat sich jedoch als anthropologischer Trugschluss erwiesen und lediglich den Totalitarismus hervorgebracht. Johannes Paul II. hat das strukturelle Übel aus Sicht des Personalismus betrachtet. Es ging ihm um den Zusammenhang des sozialen Übels und der moralischen Wirksamkeit der jeweiligen menschlichen Person. „Wenn die Kirche von Situationen der Sünde spricht oder bestimmte Verhältnisse und gewisse kollektive Verhaltensweisen von mehr oder weniger breiten sozialen Gruppen oder sogar von ganzen Nationen und Blöcken von Staaten als soziale Sünden anklagt, dann weiß sie und betont es auch, dass solche Fälle von sozialer Sünde die Frucht, die Anhäufung und die Zusammenballung vieler personaler Sünden sind. [...] Die wirkliche Verantwortung liegt also bei den Personen. Eine Situation – ebenso wie eine Institution, eine Struktur, eine Gesellschaft – ist an sich kein Subjekt moralischer Akte; deshalb kann sie in sich selbst nicht moralisch gut oder schlecht sein.“ (Reconciliatio et poenitentia, 16)

Die globale Konsumgesellschaft erfährt von Johannes Paul II. eine scharfe Kritik. Doch diese Kritik basiert nicht auf dem Dualismus von Geist und Materie; stattdessen fußt die Kritik des Papstes auf einem Einblick in die tatsächlichen Erfahrungen von Konsumgesellschaften, in welchen die menschliche Person entweder auf den Status eines Produktionsmittels oder eines Gebrauchsobjektes reduziert wird. Die Grundlage dieser Kritik am modernen Konsum ist die mit großer Besorgnis aufgeworfene Frage: Lebt der Mensch einzig für Profit und Macht?

Die Berechtigung dieser Frage über das Ziel und die Essenz des menschlichen Lebens liefert die zunehmende menschliche Entfremdung in Konsumgesellschaften. Im Phänomen dieser Entfremdung erkennt Johannes Paul II. „eine Umkehrung von Mitteln und Zielen. Wenn der Mensch auf die Anerkennung des Wertes und der Größe der Person bei sich selbst und im anderen verzichtet, beraubt er sich in der Tat der Möglichkeit, sich seines Menschseins zu freuen und in jene Beziehung der Solidarität und Gemeinschaft mit den anderen Menschen einzutreten, für die ihn Gott geschaffen hat.“ (Centesimus annus, Abschnitt 41)

Die gegenwärtige moralische Krise manifestiert sich auf dramatische und konkrete Weise in der „Kultur des Todes“, in welcher moralisch böse Handlungen, die gegen die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens zielen, soziale Wertschätzung erfahren. In der Enzyklika Evangelium vitae spricht Johannes Paul II. von der „Verfinsterung“ des menschlichen Gewissens (vgl. Abschnitt 4) als Ursache der Atrophie des Empfindens für den Wert des menschlichen Lebens. Er unterstreicht, dass nicht nur die konkreten Verstöße gegen den Wert des menschlichen Lebens gefährlich und verstörend seien, sondern auch die rasche Ausbreitung einer Mentalität, der es an der Fähigkeit mangle, angemessen zwischen guten und bösen Handlungen zu unterscheiden.

Dabei hebt der Papst die besondere Bedeutung der Kultur hervor, stärker noch als die der Politik. Die Strukturen des Übels, des Bösen, welche das menschliche Leben in Form von gesetzmäßig geregelten Handlungen bedrohen, haben ihre tieferen Wurzeln im Verlust des moralischen Empfindens, der „Verfinsterung des Gewissens“. „Im Hintergrund steht eine tiefe Kulturkrise, die Skepsis selbst an den Fundamenten des Wissens und der Ethik hervorruft und es immer schwieriger macht, den Sinn des Menschen, seiner Rechte und seiner Pflichten klar zu erfassen.“ (Evangelium vitae, Abschnitt 11)

Wenn Johannes Paul II. von der „Kultur des Todes“ spricht, geht es ihm nicht darum, die ganze gegenwärtige Kultur als zerstörerisch darzustellen, er weist lediglich auf die tief in der sozialen Mentalität unserer Zeit verwurzelte Tendenz hin, den Wert des menschlichen Lebens zu verkleinern, auf eine Tendenz, die letztendlich in der Aufhebung der moralischen Ordnung resultiert zugunsten der pragmatischen Werte. Der moralische Nihilismus, die Leugnung des Unterschiedes von Gut und Böse erweist sich somit aus Sicht des Papstes als die fundamental wirkmächtige Struktur des jetzigen Übels, des Bösen.

Bei der Suche nach den Wurzeln der gegenwärtigen moralischen Krise verweist Johannes Paul II. auf die verschiedenen Formen des Atheismus und macht diesen als wichtigen Faktor für die Desintegration des moralischen Bewusstseins in der modernen Kultur aus. Das moderne, atheistische Konzept der Freiheit hat sich vom Gehorsam gegenüber der Wahrheit gelöst. Mit dem Ergebnis, dass die soziale Ethik, die Rechte anderer Personen und des Gemeinguts nur noch in einem konzeptionellen Vakuum zu existieren scheinen, von wo aus sie leicht zu beseitigen sind.

Doch Johannes Paul II. mustert mit prüfendem Blick nicht nur den Einfluss des Massen-Atheismus auf die „Verfinsterung“ der Moral; auf Grundlage einer soziologischen Analyse diagnostiziert er auch die Verletzungen und Wunden derer, die entweder zum Atheismus gezwungen wurden oder sich selbst für ein Leben ohne Gott entschieden haben. In kultureller Hinsicht führt die Zerstörung der Idee einer objektiven Wahrheit nämlich zum Verfall der Moral und zu einer Niedergeschlagenheit über den Sinn moralischer Fragen. Wenn der Mensch sich nicht länger als ein Wesen wahrnimmt, das im Kontext der Wahrheit existiert und handelt, so verliert der Mensch seine Sensibilität für das Gute. Die Säkularisierung schwächt nicht nur die Sensibilität für Gott, sondern auch die Sensibilität für den Mitmenschen. Die „Verfinsterung“ des menschlichen Gewissens, ausgelöst durch die Atrophie der Aufgeschlossenheit für das religiöse Geheimnis, muss man deshalb als eine Form von Gewaltanwendung gegen das menschliche Herz verstehen, als schockierende Bedingung für eine anthropologische Selbstzerstörung.

Angesichts dieser moralischen Krise hat Johannes Paul II. die Notwendigkeit einer Neuevangelisierung deutlich gemacht: „Sicher bleibt noch ein langer und mühsamer Weg zurückzulegen; zahlreiche, gewaltige Anstrengungen müssen unternommen werden, damit eine solche Erneuerung verwirklicht werden kann; Grund dafür sind auch die Vielfalt und Schwere der Ursachen, welche die heutigen ungerechten Zustände in der Welt erzeugen und nähren. Aber wie die Geschichte und die Erfahrung jedes Einzelnen lehren, kann man unschwer an der Wurzel dieser Situationen eigentlich „kulturelle“ Ursachen entdecken, das heißt Ursachen, die mit bestimmten Auffassungen vom Menschen, von der Gesellschaft und von der Welt zusammenhängen. Tatsächlich steht im Mittelpunkt der kulturellen Frage das sittliche Empfinden, das seinerseits auf dem religiösen Empfinden beruht und sich in ihm vollendet.“ (Enzyklika Veritatis splendor, Abschnitt 98) So wie die Säkularisierung das moralische Empfinden zerstört hat, soll die Neuevangelisierung zu einer Wiederbelebung dieses Empfindens führen.

Christentum ist mehr als eine Brandmauer

Dabei muss man jedoch unterstreichen, dass es dem Papst nicht darum geht, das Christentum auf eine Brandmauer gegen den Nihilismus zu reduzieren. Den Glauben zu finden bedeutet stets auch, den Wert des eigenen Menschseins zu erfahren. Im Evangelium zeigt sich eine humanistische Dimension, das „tiefe Staunen über den Wert und die Würde des Menschen“. (Enzyklika Redemptor hominis, Abschnitt 10) Die Begegnung mit der Liebe Christi des Erlösers zeigt jedem menschlichen Wesen, mit dem er sich in dessen besonderer Existenz verbindet, wie wichtig der eigene Beitrag für das menschliche Leben ist. In diesem Glanz der Liebe Christi für die Menschheit kann der Mensch den Glanz der Wahrheit seines eigenen Lebens erfassen. Johannes Paul II. hat die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils wiederholt bekräftigt: „Christus [...] macht dem Menschen den Menschen selbst voll kund“ (Pastoral Konstitution Gaudium et spes, Abschnitt 22) Christliche Moral ist eindeutig wahrheitsorientiert. Die menschliche Person, dies schuldet sie ihrer menschlichen Würde, wächst moralisch durch den Gehorsam zur Wahrheit. In der Wahrheit zu leben und zu wirken dient dem Gut der Person, ohne dieses kann er oder sie keine Erfüllung als rationales und freies Subjekt finden.

Die Neuevangelisierung wird vor allem durch das Medium des menschlichen Herzens erreicht, nur mit Hilfe dieses gewandelten Herzens können die Kultur und die sozialen Strukturen transformiert werden. Die Neuevangelisierung verlangt von uns neue Formen des Dialogs und der Annäherung. Johannes Paul II. war ein Meister dieser neuen Haltung.

Im Angesicht der Brüche des religiösen und moralischen Bewusstseins beim postmodernen Menschen besitzt das gemeinsame Zeugnis aller Gläubigen (mitsamt denen anderer Religionen) eine besondere Bedeutung. Es geht nicht darum, die Geschichte zurückzudrehen, sondern darum, dass die Menschen von heute den transzendenten Sinn der Geschichte erfassen, an der sie selbst mitwirken.

Der Autor ist Professor für Ethik und Direktor des Johannes Paul II. Institutes der Katholischen Universität Lublin.

Übersetzung aus dem Polnischen und redaktionelle Bearbeitung Stefan Meetschen