Die „argentinische Lösung“ ist auch keine

Die Verwirrung um die Bedeutung und Reichweite des Kapitels 8 von Amoris laetitia bleibt bestehen. Ein Debattenbeitrag. Von Rainer Beckmann

Papst Franziskus mit Argentinien Flagge
Hat das pastorale Vorgehen der argentinischen Bischöfe lehramtlich belobigt: Papst Franziskus, hier mit seiner Heimatflagge 2013 in Rio de Janeiro. Foto: KNA
Papst Franziskus mit Argentinien Flagge
Hat das pastorale Vorgehen der argentinischen Bischöfe lehramtlich belobigt: Papst Franziskus, hier mit seiner Heimatfla... Foto: KNA

Ende 2017 hat Kardinal Kasper die Hoffnung geäußert, dass die Auseinandersetzung um das päpstliche Schreiben „Amoris laetitia“ (AL) beendet sei. Anlass war die Veröffentlichung eines Briefs von Papst Franziskus an die Bischöfe der Region Buenos Aires im Amtsblatt des Vatikans. In dem Erlass zur Veröffentlichung des Briefes wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass er zum „authentischen Lehramt“ des Papstes gehöre. Den authentischen Lehren des Papstes müssen die Gläubigen „religiösen Gehorsam des Willens und des Verstandes“ entgegenbringen (Lumen gentium, 25). Gilt das nun auch für den Brief des Papstes und die Richtlinien der argentinischen Bischöfe?

In dem päpstlichen Schreiben vom 5. September 2016 heißt es, der Text der argentinischen Richtlinien sei „sehr gut und erklärt genau die Bedeutung des Kapitels VIII von Amoris laetita. Es gibt keine anderen Interpretationen“. Dieses eindeutige Bekenntnis zur „argentinischen Lösung“ wirft die Frage auf, welchen Inhalt diese Richtlinien haben. Der spanische Originaltext liegt bislang nicht in einer offiziellen deutschen Übersetzung vor. Es ist daher nicht verwunderlich, dass im deutschen Sprachraum noch niemand diese Richtlinien näher analysiert hat. Aber genau das ist notwendig, wenn man verstehen will, welche Bedeutung die Anerkennung dieser Richtlinien durch den Papst hat.

Die Richtlinien der Bischöfe der Region Buenos Aires sprechen sich gegen einen „uneingeschränkten Zugang“ von wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten aus. Sie halten aber einen „Weg der Unterscheidung“ für gangbar, der unter Beachtung von „Mindestkriterien“ den „möglichen Zugang“ zu den Sakramenten von „einigen Geschiedenen in einer neuen Verbindung“ eröffnen soll. Diese Kriterien werden in zehn bezifferten Absätzen benannt. Sie orientieren sich sehr eng an Amoris laetitia. Der überwiegende Teil des Textes rekapituliert wörtlich oder sinngemäß die einschlägigen Ziffern des achten Kapitels von AL (Nr. 296 bis 303). Eigene oder neue Überlegungen werden von den argentinischen Bischöfen nicht angestellt. Es ist daher erstaunlich, dass manche meinen, die Debatte um die Bedeutung von AL sei nunmehr geklärt. Die in AL angelegte Uneindeutigkeit, die zu äußerst widersprüchlichen Interpretationen geführt hat, wird durch das Schreiben der argentinischen Bischöfe in keiner Weise behoben.

Darüber hinaus leidet der Gedankengang des Schreibens an einem schweren inneren Widerspruch. Die argentinischen Bischöfe schließen sich zunächst der Ansicht an, dass AL wiederverheirateten Geschiedenen „die Möglichkeit des Zugangs zu den Sakramenten der Versöhnung und der Eucharistie“ eröffne, wenn es „im konkreten Fall Begrenzungen gibt, die die Verantwortung und Schuld mildern“ (Absatz Ziff. 6). Sie betonen aber auch, dass man den Eindruck vermeiden müsse, eine die Schuld mildernde Situation „rechtfertige“ den Zugang zu den Sakramenten. Es dürfe nicht „eine Art Rechtfertigung oder Zurschaustellung der eigenen Situation“ geben, „als wäre sie Teil des christlichen Ideals“ (Absatz Ziff. 7).

Grundsätzlich können Milderungsgründe den Schuldvorwurf bezüglich eines zurückliegenden Verhaltens reduzieren. Die entscheidende Frage im Fall der wiederverheirateten Geschiedenen ist deshalb, ob man aus Milderungsgründen für Fehler der Vergangenheit auch einen Anspruch oder eine Rechtfertigung für eine Fortsetzung des gleichen Fehlverhaltens in der Zukunft ableiten kann. Die argentinischen Bischöfe wollen mildernde Umstände anerkennen, eine rechtfertigende Wirkung aber ausschließen. Dieser Spagat kann jedoch nicht gelingen, wenn wiederverheiratete Geschiedene die unrechtmäßige zweite Verbindung fortsetzen können, nachdem sie quasi eine Prüfung („Unterscheidung“) durch einen Priester „bestanden haben“. Durch das Prüfverfahren entsteht unvermeidlich der Eindruck, dass die „Zweitehe“ nun von der Kirche akzeptiert und „abgesegnet“ ist. Die mildernden Umstände führen so praktisch zur Rechtfertigung des künftigen Verhaltens, das gegen die Unauflöslichkeit der Ehe verstößt. Die Wirkung von Milderungsgründen muss aber auf vergangenes Verhalten beschränkt bleiben. Wenn beispielsweise ein Dieb zu seiner Entschuldigung vorbringt, dass er sich zur Tatzeit in einer schwierigen finanziellen Lage befunden hat und dass in seiner Erziehung einiges schief gelaufen ist et cetera, dann ist die Tat als weniger schwerwiegend zu werten als bei einem anderen Täter, der nicht aus Not handelte und in geordneten sozialen und familiären Verhältnissen aufgewachsen ist. Aber wenn der Dieb erklärt, er werde sich wegen der geschilderten Umstände auch in Zukunft am Eigentum anderer bereichern, kann man ihm unmöglich hierfür „grünes Licht“ geben. Mildernde Umstände sind für das Ausmaß des Verschuldens von Bedeutung, dürfen aber nicht als Erlaubnis eines strafbaren oder sündhaften Verhaltens missverstanden werden. Milderungsgründe sind eben keine Rechtfertigungsgründe. Eine Gleichsetzung von beidem funktioniert weder im weltlichen Recht noch als „neue kirchliche Lehre“. Hier wird eindeutig das Wort Jesu missachtet: „Geh, und sündige von jetzt an nicht mehr!“

Dass dies in der Auseinandersetzung um das Kapitel 8 von AL nicht jedem sofort klar wird, liegt unter anderem daran, dass die Befürworter der „neuen Barmherzigkeit“ in oberflächlicher Weise von einem „Zugang“ zu den Sakramenten sprechen (s. Absatz Ziff. 6, 7). Dabei war noch nie einem Sünder der „Zugang“ zum Beichtsakrament verschlossen. Jeder, auch der größte Sünder, kann zur Beichte gehen und die vergebende Güte Gottes erfahren. Allerdings darf „Zugang zur Beichte“ nicht mit „Absolution“ verwechselt werden. Es gibt nämlich eine wesentliche und unaufgebbare Bedingung für die Vergebung der Sünden: Reue und Umkehr. Diese Bedingung muss jeder Pönitent erfüllen, sonst kann er von seinen Sünden nicht befreit werden. Genau daran scheitern alle wiederverheirateten Geschiedenen, wenn sie die „Zweitehe“ nicht aufgeben wollen. Die argentinischen Bischöfe wollen eine Lossprechung im Beichtsakrament ermöglichen, die es mangels echter Reue und Umkehr nicht geben kann. Wer eine „Zweitehe“ uneingeschränkt fortsetzen will, obwohl die sakramentale Erstehe fortbesteht, zeigt keine Umkehrbereitschaft und kann deshalb auch keine Lossprechung erhalten. Was den argentinischen Bischöfen vorschwebt und was sie mit „Zugang“ zum Beichtsakrament verschleiern, ist eine „Lossprechung ohne Reue und Umkehr“. Damit wird der Ehebruch nicht nur „pastoral“ in einem milderen Licht gesehen, sondern als „zulässiges“ Verhalten, das man nicht bereuen muss, objektiv gerechtfertigt – was angeblich vermieden werden soll (Absatz Ziff. 7). Ein in dieser Weise widersprüchliches Schreiben kann keine Verbindlichkeit beanspruchen. Für die Gläubigen und Priester schafft das keine Klarheit und die Verwirrung bleibt.

Aber ist die „argentinische Lösung“ überhaupt die einzige, die das Gefallen des Papstes findet? Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz verabschiedete am 23. Januar 2017 ein „Wort der deutschen Bischöfe“ mit dem Titel „Einladung zu einer erneuerten Ehe- und Familienpastoral im Licht von Amoris laetitia“. Dort wird auf den in AL beschriebenen Weg der „Unterscheidung“ für wiederverheiratete Geschiedene Bezug genommen. Am Ende des Entscheidungsprozesses stehe „nicht in jedem Fall der Empfang der Sakramente von Buße und Eucharistie. Die individuelle Entscheidung, unter den jeweiligen Gegebenheiten nicht oder noch nicht in der Lage zu sein, die Sakramente zu empfangen, verdient Respekt und Achtung. Aber auch eine Entscheidung für den Sakramentenempfang gilt es zu respektieren.“

Im Klartext heißt das: Jeder wiederverheiratete Geschiedene kann die Sakramente empfangen, wenn er sich dafür entscheidet. Objektive Voraussetzungen oder Grenzen gibt es nicht. Diese Regelung entspricht einer generellen Freigabe des Sakramentenempfangs für wiederverheiratete Geschiedene und geht weit über die „argentinische Lösung“ hinaus.

Laut Kardinal Marx hat Papst Franziskus diese Auslegung von AL „positiv aufgenommen“ (DT 11.2.2017). Er hat von den deutschen Bischöfen keinerlei Korrektur gefordert, obwohl der Unterschied zur angeblich allein authentischen Interpretation aus Buenos Aires offensichtlich ist. Für Papst Franziskus gibt es scheinbar mehr als nur eine gültige Interpretation von AL. Solange der Papst die deutschen Bischöfe gewähren lässt, ist seine Ausübung des Lehramts in diesem Punkt in sich widersprüchlich.

Als Ergebnis bleibt festzuhalten: Der formal zu einem „lehramtlichen Schreiben“ erklärte Brief von Papst Franziskus vom 5. September 2016, der selbst keine inhaltlichen Aussagen enthält, verweist auf die Richtlinien der argentinischen Bischöfe. Diese wiederum sind nicht eindeutig und enthalten widersprüchliche Denkansätze. Deshalb bleibt auch das Lehramt von Papst Franziskus in diesem Punkt in sich widersprüchlich und unklar. Priester, die sich weiter an der klaren Lehre des heiligen Papstes Johannes Paul II. in Familiaris consortio Ziff. 84 orientieren, müssen daher keine Gewissensbisse haben.

Die deutschen Bischöfe dagegen sollten ihre Haltung gründlich überdenken. Sie reden oberflächlich zunächst einem Prozess der „Unterscheidung“ das Wort, der aber keine Konsequenzen hat, weil am Ende für die Betroffenen in Hinblick auf den Kommunionempfang „Wahlfreiheit“ besteht. Auch bei Fortsetzung der zweiten Verbindung wird die Entscheidung zum Kommunionempfang generell „akzeptiert“. Damit werden die Partner einer „Zweitehe“ genauso behandelt wie die Ehepartner einer sakramentalen (Erst-)Ehe. Diese Gleichbehandlung führt zwingend zu einer Beschädigung der Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe – die angeblich niemand will.

Ist die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe ernst gemeint, dann kann die „argentinische Lösung“ keinen Bestand haben, weil sie zu einer praktischen Rechtfertigung des Ehebruchs führt. Die „deutsche Lösung“ ist erst recht unhaltbar. Sie muss schnellstmöglich korrigiert werden.