„Die Zahl der Katholiken wächst stetig“

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Im „Reich der Mitte“ herrscht derzeit eine religiöse Aufbruchstimmung. Viele Chinesen interessieren sich für religiöse Sinnangebote. Die Lage der Kirche hat sich nach der Kulturrevolution gebessert. Die Staatsführung garantiert – zumindest auf dem Papier – die freie Religionsausübung. Spannungen zwischen katholischer Kirche und den Autoritäten überschatten aber die Beziehungen. Anlässlich des Weltgebetstags für die Kirche in China sprach Clemens Mann für die „Tagespost“ mit Pater Wilhelm Müller SVD über die Evangelisationsarbeit der chinesischen Christen sowie den aktuellen Spannungen zwischen Vatikan und der chinesischen Staatsführung. Der Steyler Missionar lehrt in Rom an der Päpstlichen Universität Urbaniana. Dort begleitet er asiatische Seminaristen. Pater Müller war lange Zeit in China tätig.

Schätzungsweise 12 bis 14 Millionen Katholiken sollen derzeit in der VR China leben. Im Vergleich zu den Protestanten steigt die Zahl der Katholiken nur wenig. Warum kann die katholische Kirche von der religiösen Aufbruchstimmung, die in China herrscht, nicht im gleichen Maß profitieren?

Wir sollen uns freuen, wenn der Name Jesu bekannt gemacht wird. Das sollte nicht Anlass zu einem Konkurrenzdenken sein. Den Zahlen – man schätzt, dass es etwa 70 bis 100 Millionen protestantische Christen in China gibt – sollte man nüchtern begegnen. Unter welchen die Bedingungen wird jemand als protestantischer Christ bezeichnet? Die Zahl der Katholiken wächst stetig, wenn auch nicht sensationell stark. Das Wachstum wäre aber sicher größer, wenn wir unsere Standards herabsetzen würden. Aber wir müssen weiter auf einem guten Glaubenswissen bestehen, auf dem Willen zu einem Leben nach den katholischen Grundsätzen, auf der Bereitschaft zur Teilnahme am Gebet der katholischen Kirche, besonders an der heiligen Messe am Sonntag. Unser Glaubensbekenntnis umfasst nicht nur das Bekenntnis zur Heiligsten Dreifaltigkeit und zu Jesus Christus, sondern auch den Glauben an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Bei der Entwicklung der chinesischen Gesellschaft auf allen Ebenen brauchen die Christen diese Grundlagen mehr denn je.

Sie haben sich gegen ein Konkurrenzdenken ausgesprochen. Trotzdem: Was machen Freikirchen und Protestanten bei der Evangelisation besser?

Ich bin überzeugt, dass die Bibel, die großzügig den Interessierten in die Hand gegeben wird, ein entscheidender Faktor ist. Vor kurzem haben die Protestanten in der Druckerei der „Amity Foundation“ in Nanjing die 50-millionste Bibel gedruckt. Die Bibel ist ein Bestseller! Ein weiterer beflügelnder Faktor der Evangelisation der Protestanten sind ihre lebendigeren Gottesdienste. In Beijing nehmen oft junge Katholiken lieber an den Gottesdiensten der Protestanten teil, als an der weniger lebendigen Feier der heiligen Messe.

Welchen Stellenwert hat die Weitergabe des Glaubens für die Katholiken in China?

Der missionarische Auftrag der Laien ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil immer mehr ins Bewusstsein der Katholiken eingedrungen. Die Verbreitung des Glaubens ist heute nicht mehr länger die alleinige Aufgabe der Priester, sondern hat einen festen Ort im Bewusstsein der Gläubigen. Manche Katholiken gehen regelmäßig am Wochenende zur Glaubensverkündigung aufs Land. Die Diözese Bejiing hat ein Jahr der Glaubensverbreitung ausgerufen.

Das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und kommunistischer Staatsführung gilt als angespannt. Benedikt XVI. hat vor kurzem erneut die Missstände angeprangert. Wirken sich diese Spannungen indirekt auch auf das Wachstum der Kirche aus?

Ja, diese Spannungen sind kontraproduktiv. Der Staat beobachtet und kontrolliert alles. Die Katholiken vermeiden daher Aktivitäten, die der staatlichen Autorität nicht gefallen. Die Einmischung des Staates in die Belange der Kirche ist demoralisierend und beleidigend. Vor einigen Tagen hat der Staat eine Bischofswahl in Guangdong angeordnet. Bei der Wahl des einzigen Kandidaten waren mehr „Helfer in Zivil“ anwesend als Wähler. Kein Sportverein in Deutschland würde sich so etwas gefallen lassen. Der Kirche werden der Regierung genehme Bischofskandidaten aufgedrängt. Manche Gläubige halten sich darum von allem fern. Eine Reihe von verwaisten Diözesen wartet auf neue Oberhirten. Es ist zu befürchten, dass sie in der erwähnten Weise gewählt und eingesetzt werden.

Neben den anerkannten Religionsgemeinschaften befinden sich in China auch Sekten auf dem Vormarsch. Welche Gefahren gehen von ihnen aus?

Die Sekten – eine weit verbreite Sekte nennt sich „Donner aus dem Osten“ – betreiben eine aggressive Evangelisierung. Sie wenden sich mit Vorliebe an einfache Gläubige der sogenannten Untergrundkirche und versucht, sie zu bekehren. Einmal in der Sekte, ist es ungeheuer schwer, sich wieder zu befreien. Von Seiten der Kirche wird vor ihnen gewarnt. Ein Dialog mit ihnen ist nicht denkbar.

Der Heilige Vater hat kürzlich einen Chinesen zum Sekretär der Missionskongregation bestimmt. Wie beurteilen Sie diese Personalentscheidung?

Die Ernennung von Monsignore Savio Han Dahui ist ein Zeichen, dass die Kirche in China für Benedikt XVI. Priorität hat. Monsignore Han ist mit den Situationen der Kirche in China bestens vertraut. Zur Lösung der anstehenden Fragen braucht es Personen, die vertraut sind mit ihrer Lage. Oft hat man dem Heiligen Stuhl vorgeworfen, keine chinesischen Experten zu haben. Mit Monsignore Han und dem neuen Präfekten der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, Erzbischof Fernando Filoni, der zehn Jahre in Hongkong tätig war, wird diesem Mangel begegnet.

Sie begleiten in Rom junge Seminaristen aus asiatischen Ländern. In Europa herrscht Priestermangel. Verhält es sich in China ebenso?

Natürlich gibt es auch in China einen Priestermangel. Aus den Großstädten wie Beijing und Shanghai kommen nur wenige Berufungen zum Priestertum. Und auch in den traditionell priesterreichen Provinzen nehmen die geistlichen Berufungen ab. Die tragische Ein-Kind-Politik macht es den Familien ungeheuer schwer, auf den einzigen Sohn zu verzichten, falls er sich zum Priestertum berufen fühlt.

Wie wichtig ist den Christen Chinas die Verbindung zum Heiligen Vater?

Die Verbindung der Christen zum Heiligen Vater ist für die Gläubigen eine unabdingbare Voraussetzung für ihr Katholischsein. Nicht vom Vatikan anerkannte Bischöfe haben kaum eine Chance, von den Gläubigen angenommen zu werden. Sie stellen ein Hindernis für die Einheit der Katholiken dar. Die Verbindung ist so stark, dass der Staat nicht aus Sympathie mit dem Vatikan darauf besteht, dass die chinesischen Bischöfe die nachträgliche Approbation des Papstes erhalten. Dies stellt eine absolute Umkehr der bisherigen Religionspolitik des Staates dar.