„Die Worte Jesu darf man nicht so einfach ignorieren“

Ein Gespräch mit dem polnischen Erzbischof Henryk Hoser über den Lebensschutz, die Familiensynode und Johannes Paul II. Von Stefan Meetschen

Erfahrungen als Mediziner und Missionar in Afrika bringt Erzbischof Hoser für die Familiendebatte mit. Foto: Meetschen
Erfahrungen als Mediziner und Missionar in Afrika bringt Erzbischof Hoser für die Familiendebatte mit. Foto: Meetschen

Seit 2008 ist Erzbischof Henryk Hoser Erzbischof der Diözese Warschau-Praga. Der 72-jährige Mediziner und Leiter der Bioethik-Kommission der Polnischen Bischofskonferenz verfügt über langjährige Missions-Erfahrungen in Afrika. Im Herbst 2015 nimmt Hoser neben Erzbischof Stanislaw Gadecki und Bischof Jan Watroba als polnischer Delegierter an der Generalversammlung der Bischofssynode zur Familie in Rom teil.

Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit im August hat Präsident Bronislaw Komorowski das erste In-Vitro-Gesetz Ihres Landes unterzeichnet. Warum hat die Kirche Polens dagegen so heftig protestiert? Immerhin reguliert das Gesetz diese Methode nun endlich…

Der Standpunkt der polnischen Bischöfe dazu ist der, dass wir eine bestimmte Form dieses Gesetzes fordern, und zwar nicht als konfessionelles Recht, sondern hergeleitet von der menschlichen Natur. Wir glauben nämlich immer noch an die Existenz des Naturrechts. Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen im Jahr 1948 wurde auf Grundlage des Naturrechts verfasst. Aufgrund der mit dem Zweiten Weltkrieg verknüpften Erfahrungen, als das Naturrecht niedergetreten worden war und mit ihm das fundamentale Recht auf Leben. Unseren Widerspruch gegen das jetzige In-vitro-Gesetz haben wir begründet mit dem, was der Mensch ist und welche Rechte er besitzt. Dies wurde von den säkularen Medien nicht vermittelt. Wir wurden stattdessen beschuldigt, einen Konfessionsstaat einführen zu wollen. Bereits Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben betont, dass die allgemeine Erklärung der Menschenrechte ein wichtiger Bezugspunkt ist. Heutzutage werden die Menschenrechte, die man in dieser Erklärung findet, allerdings neu gestaltet. Wir bewegen uns in eine sehr gefährliche Richtung, in welcher es keine allgemeinen Menschenrechte mehr gibt, sondern nur solche, die von einzelnen Kulturen, einzelnen gesellschaftlichen Gruppen oder Interessengruppen gemacht sind. Das führt zu einem extremen Subjektivismus. Wir verlieren den Bezug zu dem, was objektiv für alle Menschen in der Welt gilt.

Sie sind von der ersten Ausbildung her Arzt. Sind Ihnen bei der In-vitro-Diskussion auch Manipulationen auf medizinischer Ebene begegnet?

Eine große Lüge ist sicherlich die Aussage, dass man nicht wisse, wann das menschliche Leben beginne. Wäre dies so, so wäre es eine echte Sensation, denn derartige Zweifel treten in der Welt der Pflanzen und der Tiere nicht auf. Wir wissen genau, dass das Leben von bestimmten Einzelwesen mit der Bildung des Genoms im Moment der Befruchtung beginnt. Das Gleiche gilt für den Menschen. Das ist ein Mensch in der Miniatur, der aber alle kodierten Eigenschaften besitzt. Es ist nur Zeit nötig, dass sie sich offenbaren. Heutzutage hören wir aber, dass dies eine umstrittene Frage sei. Damit öffnet man aber nur eine Tür zur Abtreibung bei allen Etappen des pränatalen Lebens. Bisher ging es um Abtreibungen in der fötalen Phase, also nach der Implantation (Einpflanzung). Mit der In-vitro-Technologie wird die Abtreibung auf die Zeit vor der Implantation ausgeweitet, auf die ersten Tage des menschlichen Lebens. Dazu kommen als nächstes Problem die Entnahme der Zeugungszellen von fremden Menschen und die heterologische Befruchtung, also mit einer Zelle von den Eltern und einer Fremden oder mit zwei Fremden. In diesem Fall gibt es keine genetische Übereinstimmung zwischen den Eltern und dem Kind.

„Literatur über Störungen bei Kindern, die auf dem In-vitro-Wege gezeugt wurden, wird zensiert“

Der dritte Aspekt bezieht sich auf die absolute Erfüllung der Träume und Wünsche der Menschen ohne Berücksichtigung der Kosten und Mittel. Die inhaltliche Diskussion auf diesem Gebiet erwies sich als unmöglich. Alle Argumente der Bischöfe wurden mit sentimentalen Aussagen abgewehrt: Welches Glück es ist, jemand ein Kind zu geben und so weiter. Damit wird der Mensch aber als eine Sache betrachtet, als biologisches Material. Er dient zur Befriedigung eigener Gelüste in absoluter Weise. Während man sich doch eigentlich fragen sollte, wo in diesem allem das Gute des Kindes liegt. Sowohl das biologische Gute als auch das psychische Gute. Es gibt eine ganze Reihe medizinischer Literatur über Störungen bei Kindern, die auf dem In-vitro-Wege gezeugt wurden, die aber in breiter Skala zensiert wird. Unsere bioethische Kommission hat eine Liste von Dokumenten aus Fachzeitschriften veröffentlicht über die möglichen biologischen Folgen der In-vitro-Befruchtung. Wir haben es hier insgesamt mit einem Prozess zu tun, den man als „Transhumanisierung“ oder „Transgression“ bezeichnen kann. Also um die Überschreitung von Grenzen ohne Berücksichtigung der Kosten, die man dafür wird bezahlen müssen.

Der neue polnische Präsident heißt Andrzej Duda. Im Wahlkampf hat er sich auffällig auf die Lehre von Johannes Paul II. berufen. Glauben Sie, dass die Gesetzgebung gegen das Leben durch ihn eingeschränkt werden kann?

Sowohl das In-vitro-Gesetz wie auch andere Gesetze, die in letzter Zeit in Polen eingeführt wurden, kann man mit dem Ausdruck „Zapateroisierung“ zusammenfassen. Der frühere spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero hat in Spanien Gesetze eingeführt, die bis heute gültig sind. Die Experten sprechen in diesem Fall von einem „Sperrklingen-Mechanismus“, das bedeutet, dass die Änderungen, welche die Gesetze verursacht haben, nur schwer rückgängig zu machen sind. Die heutige konservative Regierung Spaniens hat bislang jedenfalls nur kleine Korrekturen bewirkt, große Änderungen hat sie nicht erreicht. Ob in Polen die Möglichkeit besteht, Korrekturen bei den verabschiedeten Gesetzen einzuführen, wird vom politischen Willen des Parlaments abhängen, das im Oktober gewählt wird.

Der Rechtsrat der polnischen Bischofskonferenz hat Politiker wie Komorowski dazu aufgerufen, der Kommunion fernzubleiben, solange sie sich nicht öffentlich von dem umstrittenen In-vitro-Gesetz distanzieren. Warum macht die Kirche das?

Die Erklärung des Rechtsrates erfolgte nach vielen Anfragen von Gläubigen, die nach einer klaren Aussage zur Disziplin der Sakramente verlangten. Deshalb wurde eine Mitteilung auf Grundlage der Dokumente der Weltkirche, des Kodex des Kanonischen Rechts und des Katechismus der Katholischen Kirche verfasst.

Trotzdem – ist die polnische Kirche mit derartigen Verboten nicht etwas zu streng?

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil kritisierten französische Bischöfe den damaligen polnischen Primas, Kardinal Stefan Wyszynski, dafür, dass er das Konzil zu langsam und zu zögerlich umsetze. Der Schweizer Theologe Hans Küng sprach gern vom „polnischen“ Papst und meinte damit eine gewisse theologische Rückständigkeit.

Tickt die polnische Kirche anders als die Kirche in anderen Gegenden der Welt?

Wir haben es hier mit einer Kollision beim Verständnis des Sakraments der Eucharistie zu tun. Im Westen begann man nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das Sakrament der Eucharistie fast nur als Zeichen der Brüderlichkeit zu betrachten. Also, dieses Sakrament wurde auf horizontale Weise aufgefasst, während die heilige Kommunion doch die Communio mit Jesus Christus ist, sie ist Teilnahme an seinem Leib und Blut. Deswegen müssen wir genau das erfüllen, was Jesus unterrichtet hat, und was er seine Kirche zu unterrichten beauftragt hat. Darum sagt die Kirche, dass die eucharistische Kommunion auch die Gemeinschaft des Glaubens und der Bräuche mit einschließt. Wenn diese fehlen, entfernen sich die Menschen selbst von der Kommunion und verlieren das Recht, sie zu empfangen. Ferner ist die Kommunion auch mit dem Sakrament der Buße verbunden, also mit der Vergebung der Sünden, um die Menschen für den würdigen Empfang der Kommunion in der vertikalen Dimension vorzubereiten. Deshalb warnt der Apostel Paulus davor, den Leib und das Blut des Herrn nicht unwürdig zu empfangen. Die Reduzierung der Kommunion auf ein Zeichen der Brüderlichkeit resultiert letztendlich aus einer Verneinung der Sünde, um sich nicht zu beschuldigen. Wenn es aber keine Sünde gibt, hängt alles allein von der persönlichen Erkenntnis ab. Man braucht dann auch kein Sakrament der Buße mehr. In diesem Punkt muss man unterstreichen, dass Polen keine postkonziliare Krise erfahren hat. In Polen gibt es eine Kontinuität der kirchlichen Lehre und Praxis auf der Linie von Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Für die polnische Kirche ist das Erleben des Glaubens linear, während man im Westen versucht, die Lehre dieser drei Päpste in Klammern zu setzen. Einige Jahrzehnte der Anfechtung der Lehre der Kirche konnten kein gutes Ende nehmen.

Sie selbst waren lange Zeit in Belgien, aber auch in Afrika tätig. Welche Unterschiede sehen Sie, wenn Sie die Kirche in Westeuropa mit der in Afrika vergleichen?

Ich denke, dass Europa zur apostolischen Kirche, zu den Wurzeln zurückgehen muss. In Afrika geschieht dies. Europa muss die Mystagogie neu entdecken, also die Einführung in das Mysterium der Taufe, das Mysterium der Eucharistie. Wir haben in unserer Religion völlig den mystischen Bereich verloren. Der Verlust der mystischen und der kultischen Dimension bedeutet den Tod der Religion, jeder Religion.

Sie haben auch dieses Jahr wieder das Warschauer Nationalstadion mit dem afrikanischen Priester und Heilungsprediger John Bashobora gefüllt. Warum haben solche charismatische Events aus Ihrer Sicht einen starken Zulauf?

Prediger wie Bashobora öffnen das Bewusstsein dafür, dass Jesus lebendig und unter uns ist. „Er lebt“ – das bedeutet, man kann wirklich Kraft aus der Auferstehung Jesu schöpfen, aus dem Evangelium. Viele aktuelle Dokumente der Kirche beziehen sich in unveränderlicher Weise auf das Evangelium: „Evangelium nuntiandi“, „Evangelium vitae“, „Evangelii gaudium“ – darin drückt sich ein stetiges Zurückkommen auf die fundamentale Realität des Lebens Jesu aus, die man in ihrer Authentizität lesen muss, ohne sie für unsrige jetzigen Nöte zu instrumentalisieren.

Kann Europa sonst noch etwas von Afrika lernen?

Die afrikanische Gesellschaft ist aus der Familie entstanden. In Afrika gibt es die Ausdehnung der Familienkultur auf die Verwandten, auf den Clan, dann auf den Stamm. Die Stämme bilden die Gesellschaft und den Staat. Also nimmt alles seinen Anfang bei der Familie. Man kann hierbei eine Beziehung zur „Charta der Familienrechte“ finden, welche während des Pontifikats von Johannes Pauls II. veröffentlicht wurde. Dort ist ausgedrückt, dass die Familie die älteste Institution der Gesellschaft ist. Älter als der Staat und älter sogar als die Kirche. Deshalb ist sie die Basis-Institution.

In diesem Jahr stehen aufgrund von Jubiläen die deutsch-polnischen Beziehungen im Mittelpunkt des Interesses. Sie waren mit vielen Bischöfen und Priestern im Frühjahr in Dachau, um dort der vielen polnischen Märtyrer zu gedenken. Im Herbst jährt sich der deutsch-polnische Briefwechsel zum 50. Mal. Wie würden Sie das Verhältnis von deutschen und polnischen Katholiken derzeit beschreiben?

Diese Kontakte existierten auf vielen Ebenen. Viele polnischen Priester arbeiten in Deutschland, in deutschen Pfarreien. In dieser Hinsicht gibt es einen pastoralen Kontakt. Auf der Ebene der Bischofskonferenz gibt es eine Kontaktgruppe sowohl auf deutscher wie auf polnischer Seite, die laufende Kontakte herstellt. Jetzt bereiten wir uns auf das Jubiläum des Briefwechsels vor, der vor 50 Jahren nach den Grässlichkeiten des Zweiten Weltkriegs ein mutiger und prophetischer Schritt war.

Man kann – mit Blick auf die Familiensynode – den Eindruck haben, dass die Standpunkte der deutschen und die Standpunkte der polnischen Delegation etwas auseinanderliegen. Täuscht dieser Eindruck? Liegt es daran, dass die Lebenswirklichkeit beider Länder eine andere ist?

Ich denke, dass es einen soziologischen, pastoralen Unterschied gibt. Dieser führt dazu, dass das Interessenzentrum anders ist. Die deutsche Kirche konzentriert sich auf schwierige, irreguläre Fälle, welche übrigens ausführlich von Johannes Paul II. in „Familiaris consortio“ am Ende des letzten Kapitels besprochen wurden. Es ist also die Rückkehr zu diesen Situationen, die dadurch dominierend werden, während die Aufgabe der Familien-Synode darin liegt, an die ganze positive kirchliche Lehre von Ehe und Familie zu erinnern – ohne dabei das Erbe verschwinden zu lassen, das gerade Johannes Paul II. in seiner Theologie von Ehe und Familie auf Grundlage des Evangeliums entwickelt hat: Das 19. Kapitel des Matthäus-Evangeliums zeigt die Absicht Gottes, warum er die Ehe und Familie von Anfang an erschaffen hat, ebenso das fünfte Kapitel des Paulusbriefes an die Epheser.

„Die Theologie von Johannes Paul II. ist immer noch nicht

genug bekannt“

Diese Fragmente waren der Ausgangspunkt der ganzen Theologie von Johannes Paul II., die wir nicht vergessen dürfen. Wir sollten sie tiefer erforschen, denn sie ist immer noch nicht genug bekannt. George Weigel sagt, dass sie eine „tickende Bombe“ sei, denn sie beinhaltet eine sehr positive Lehre zur Ehe, die man studieren muss. Leider bezieht sich das „Instrumentum laboris“ nur bei zweitrangigen Dingen auf die Lehre von Johannes Paul II. und Paul VI., aber nicht bei wesentlichen Sachen. Der Zwischenbericht zitiert nirgendwo die Aussage von Jesus aus dem 19. Kapitel von Matthäus, dass derjenige, der seine Frau verlässt und eine andere wählt, Ehebruch begeht. Dieser Satz kommt in den Evangeliums-Quellen des Arbeitsdokuments nicht vor. Doch die Worte Jesu darf man nicht so einfach ignorieren.

Was erwarten Sie von der Familiensynode?

Ich erwarte vor allem, dass bei der Synode der Heilige Geist präsent sein wird. Er wird uns zu einer bestätigten Vision führen. Die Anfechtung der Lehre der Kirche zu Ehe und Familie erscheint mir nach 2 000 Jahren ihrer Existenz denn doch ein wenig riskant zu sein. Man muss zu dem, was wesentlich ist, zurückkehren. Zu den Evangeliums-Wurzeln, zu den biblischen Wurzeln, wie Gott den Mann und die Frau als Strukturen der Liebe und Fruchtbarkeit geschaffen hat, dann werden wir das ganze Ethos der Familie für die Zukunft finden. Wenn wir nicht diese attraktive Perspektive, die Gott uns geschenkt hat, zeigen, wird die Ehe zu einer Tandem-Fahrt, die man nur durchhält, solange man Kraft hat und das Fahrrad nicht kaputt ist.