Die Vielfalt hat erheblich zugenommen

Im Wortlaut die Erklärung zum Abschluss des Studientages „Das Zusammenwirken von Frauen und Männern im Dienst und Leben der Kirche“

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. Foto: dpa
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. Foto: dpa

„Gott schuf also den Menschen als sein Abbild. Als Mann und Frau schuf er sie.“ (Gen 1,27) Ein erfülltes Menschsein kann es ohne dieses Zueinander von Mann und Frau nicht geben. Die Geschlechterdifferenz ist vom Schöpfer zur gegenseitigen Bereicherung gewollt. Auf der Grundlage dieses Menschenbildes haben wir uns daher während der Frühjahrs-Vollversammlung im Rahmen eines Studientages erneut mit Fragen des Zusammenwirkens von Frauen und Männern im Dienst und Leben der Kirche befasst. Schwerpunkte bildeten dabei die Perspektiven von Frauen im kirchlichen Ehrenamt, ihre Rolle als hauptberufliche Mitarbeiterinnen in Seelsorge, Erziehung, Caritas und Kirchenverwaltung sowie als Theologinnen im Hochschulbereich.

Im Anschluss an den Studientag verpflichten wir uns, Frauen noch stärker bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortung zu fördern, die allen Christen für das kirchliche Leben aufgetragen ist. Die Vielfalt an verantwortlichem Engagement von Frauen in der Kirche hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Die Arbeit in der Kirche wird bereichert durch Theologieprofessorinnen, Leiterinnen von Hauptabteilungen, Caritas- und Finanzdirektorinnen, Ordinariatsrätinnen, kirchliche Richterinnen, Schulrektorinnen, aber auch durch Geistliche Leiterinnen in katholischen Verbänden und durch Pfarrgemeinderatsvorsitzende. Nicht zuletzt üben Ordensfrauen seit vielen Jahrhunderten geistliche Leitung in der Kirche aus.

Wir Bischöfe wissen aber auch um Enttäuschungen bei kirchlich engagierten Frauen und drücken unser Bedauern aus, dass der Rahmen der Möglichkeiten, verantwortliche Aufgaben der Kirche mit Frauen zu besetzen, für viele Frauen nicht genügend genutzt wird. Viele, gerade auch jüngere Frauen vermissen daher weibliche Vorbilder in kirchlichen Führungspositionen, an denen sie sich orientieren können.

Das kirchliche Leben wird in hohem Maße von Frauen und ihrem zumeist ehrenamtlichen Engagement getragen. Es sind gerade Frauen, die in Verkündigung und Katechese, aber auch im diakonischen Handeln und bei der Übernahme liturgischer Dienste das Leben der Kirche mittragen. Sie geben der Kirche für viele Menschen in unserer Gesellschaft ein weibliches Gesicht. Wir wollen, dass dieser hohe Anteil von Frauen an der Sendung der Kirche sich auch in der öffentlichen Darstellung von Kirche widerspiegelt. Im Bereich der kirchlichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sollen Frauen mehr als bisher wahrnehmbar und sichtbar werden.

Frauen sind heute genauso wie viele Männer gut ausgebildet und leisten eine hochqualifizierte Arbeit in vielen – auch in den kirchlichen – Berufen. Wir Bischöfe setzen uns dafür ein, in Kirche und Gesellschaft Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine echte Wahlfreiheit für Frauen und Männer gewährleisten, die Rollen und Aufgaben in Ehe, Familie, Beruf und Ehrenamt gerecht aufzuteilen.

Ausdrücklich lehnen wir jegliche Diffamierung von Frauen ab, die Beruf und Familie vereinbaren wollen oder die als Mütter zu Hause bleiben, um sich ganz der Familie zu widmen. Ihre Dienste für die Erziehung und Ausbildung der Kinder sind von unschätzbarem Wert. Auch der Wiedereinstieg von Müttern in den Beruf soll erleichtert werden, wo dies gewünscht wird. Ebenso gilt unsere hohe Wertschätzung den Frauen, die kinderlos oder alleinerziehend sind oder sich als unverheiratete Frauen in der Kirche engagieren. Unser Wunsch ist es, dass sich noch mehr Frauen als bisher verantwortlich mit ihren Charismen und Kompetenzen in die Kirche und ihre Sendung einbringen können.

Wir erleben, dass die Kirche in unserer Zeit ein neues Gesicht bekommt. Manche Aufgaben, die nicht wesentlich an das Sakrament der Weihe gebunden sind, werden vermehrt von Laien wahrgenommen. Wir wollen daher theologisch weiter klären, was Führung in der Kirche bedeutet. Was ist theologisch zwingend an die Weihe gebunden? Welche Leitungsaufgaben können Frauen und Männer aufgrund von Beauftragung durch den Bischof wahrnehmen? Wir wollen prüfen, welche neuen Dienste und Ämter außerhalb des Weiheamtes entwickelt werden können.

Die Erfahrung zeigt, dass gemischte Teams aus Frauen und Männern kreativer und zielorientierter arbeiten. Wir erwarten daher positive Folgen für Leben und Dienst der Kirche, wenn vermehrt Führungspositionen und Leitungsaufgaben von Frauen wahrgenommen werden. Die Kirche kann es sich nicht leisten, auf die Kompetenzen und Charismen von Frauen zu verzichten. Wir wollen daher auch in den Gremien der Bischofskonferenz darauf achten, einen entsprechend hohen Anteil von Frauen als Beraterinnen zu berufen. Zugleich fordern wir alle Zusammenschlüsse von Laien auf, konkrete Vorschläge zu entwickeln, wie sich der hohe Anteil von Frauen am ehrenamtlichen Engagement auch auf deren Leitungsebenen widerspiegeln kann. Der derzeitige Anteil von Frauen an den Leitungsaufgaben in den Ordinariaten und Generalvikariaten von bis zu 19 Prozent weist in eine gute Richtung, ist aber noch nicht hinreichend. Wir werden daher verstärkt nach Möglichkeiten suchen, den Anteil von Frauen in Leitungspositionen weiter zu erhöhen. Die Entwicklungen in diesem Bereich werden wir in fünf Jahren erneut prüfen.

Wir begrüßen den hohen Anteil von jungen Frauen unter den Theologiestudierenden. Es ist im Interesse der Kirche, wenn auch entsprechend qualifizierte Frauen eine wissenschaftliche Laufbahn in der Theologie anstreben. Frauen sollen sowohl in der Ausbildung von Lehrer/innen, Gemeindereferent/innen und Pastoralreferent/innen wie in der Priesterausbildung tätig sein. Gerade diesen Frauen kommt eine wichtige Vorbildfunktion in der Kirche zu, wenn sie dazu beitragen, das Verhältnis von Priestern und Laien im Sinn einer gegenseitigen Anerkennung der unterschiedlichen Berufungen, Charismen und Dienste in der Kirche weiterzuentwickeln.

Wir sind dankbar, dass eine große Zahl von Frauen in der Pastoral tätig ist. Für das Wirken der Kirche in der heutigen Gesellschaft ist eine geschlechtersensible Pastoral von hoher Bedeutung. Sie kann nur gelingen, wenn Frauen und Männer ihre je spezifischen Gaben und Sichtweisen in Verkündigung, Gottesdienst und Caritas einbringen.

Gemeinsam mit Papst Benedikt wollen wir daher „stets den Heiligen Geist bitten, dass er in der Kirche heilige und mutige Frauen wie die hl. Hildegard von Bingen erwecke, die in der Wertschätzung und mit dem Einsatz der von Gott empfangenen Gaben ihren eigenen wertvollen Beitrag leisten zum geistlichen Wachstum unserer Gemeinden und der Kirche in unserer Zeit“ (Papst Benedikt XVI., Audienz 8. September 2009).