Die Verkörperung der gottgesandten Plagen

Die vier apokalyptischen Reiter – „Tagespost“-Serie zur Geheimen Offenbarung (Teil XIV) Von Bischof Friedhelm Hofmann

Dem für die Menschen freiwillig gestorbenen und auferstandenen apokalyptischen Lamm – das für den am Kreuz verstorbenen und auferstandenen Herrn steht – bleibt es vorbehalten, die sieben Siegel des göttlichen Lebensbuches aufzubrechen und damit die Pläne Gottes zu entschlüsseln.

Der Seher Johannes entfaltet in den folgenden Kapiteln eine ungeheure Dynamik, die im Siebener-Rhythmus der Siegel, der Posaunen und der Zornesschalen das Endgericht vorbereitet. Die vier apokalyptischen Reiter, die hintereinander beim Aufbrechen der ersten vier Siegel über das Land hinwegfegen, haben schon in der ersten Vision Sacharjas (200 v. Chr.) einen Anknüpfungspunkt. Dort wird auf die Frage des Sehers, was diese Pferde bedeuten gesagt: Der Herr hat diese Pferde gesandt, damit sie die Erde durchziehen. In der achten Vision Sacharjas ist von vier Wagen mit jeweils zwei roten, zwei schwarzen, zwei weißen und zwei gescheckten Pferden die Rede. Auch hier wird dem Seher eine Erklärung gegeben: Das sind die vier Winde des Himmels, die vor dem Herrn der ganzen Erde standen und nun losstürmen.

Bei dem Seher Johannes verkörpern die vier Reiter die vier Plagen, mit denen Gott den Glaubensabfall bestraft: Wilde Tiere, Krieg, Hunger und Pest. Jedoch gebe ich für den Reiter auf dem weißen Pferd, der zunächst an die siegreichen Parter – einem Schrecken der römischen Welt – denken lässt, im christlichen Kontext der Interpretation den Vorzug, die in ihm das siegreiche Wort Gottes sieht. Auf dem feuerroten sitzt der Reiter, der Krieg zulässt, sodass die Menschen sich selbst abschlachten. Der Reiter mit der Waage auf dem schwarzen Pferd steht für die Hungersnot und der Reiter auf dem „fahlen“ Pferd (das deutet auf die Verwesung im Gefolge der Pest hin) für den Tod.

Wohl kaum hat eine Arbeit in der Kunstgeschichte eine so weite Verbreitung und Akzeptanz gefunden wie der Holzschnitt „Die vier apokalyptischen Reiter“ von Albrecht Dürer. Dieses schwarz/weiße Blatt, das zusammen mit den anderen dreizehn großformatigen Holzschnitten 1511 veröffentlicht wurde, greift die Erregung der damaligen Zeit auf. Dürer versucht erst gar nicht, in der bildnerischen Bewältigung den apokalyptischen Stoff zu erklären. „Er lässt vielmehr das kühne dichterische Bild durchaus als solches gelten, ohne nach seinem theologischen Gehalt zu fragen, und überträgt es wortgetreu ins sichtbare Bild zurück. So unerbittlich denkt er dabei den Bildgedanken zu Ende, dass seine Holzschnitte sich selbst erklären und den Text, der ja ohnehin nur noch auf der Rückseite des Blattes abgedruckt wird, im Grunde entbehrlich machen.“ (Werner Körte)

Dürers besondere Leistung bestand nach Werner Körtes Einführung in Dürers Apokalypse (Reclam, 1964) darin, die Fülle der Gesichte nicht nur als Abbild des Gesehenen, sondern als echte himmlische Erscheinung glaubhaft zu machen ... Er fand dafür die neue Bildform des „Himmel-und-Erde-Bildes“, die den himmlischen und irdischen Bereich auch grundsätzlich voneinander trennt.

Dürers Apokalypse stellt zweifellos einen Höhepunkt in der Apokalypse-Ikonografie dar. Er gewann nicht nur begeisterte Aufnahme bei zahlreichen Zeitgenossen, sondern übte auch nachhaltigen Einfluss auf die nachfolgenden Künstler bis in unsere Zeit aus.

Ein bemerkenswertes Beispiel ist der Apokalypsezyklus Melodia Apocalittica von Thomas Lange. Ihn inspirierte nicht nur die bahnbrechende Leistung Albrecht Dürers, sondern vor allem das Entstehen dieser gewaltigen Leistung in einer Zeit des Umbruchs, die sensibel von Dürer ins Bild gesetzt wurde. Auch Thomas Lange versteht unsere Zeit als eine Umbruchszeit, in der der Zerfall von Nationalismus, Kommunismus und Materialismus auf eine Ablösung wartet. So ist seine Gesamtarbeit zur Offenbarung des Johannes nicht nur ein Zitieren der Dürerschen Apokalypse, sondern über die Aktualisierung hinaus ein Versuch, den Betrachter neben den Seher Johannes zu stellen und ihn Teil der dort geschilderten Vorgänge werden zu lassen. Während bei Dürer die vier Reiter über erschreckte, geschundene, am Boden liegende Menschen hinwegjagen, lässt Lange im Laufe des Entstehungsprozesses seines Bildes die blutrote Todesmeute in den Hintergrund treten und schon die Öffnung des sechsten Siegels anklingen: „Da entstand ein gewaltiges Beben. Die Sonne wurde schwarz wie ein Trauergewand, und der ganze Mond wurde wie Blut.“

Das Erschrecken über diese Vorgänge wird nicht verschwiegen, wenngleich das Tröstliche der Offenbarung von ihm noch stärker bildlich aufgegriffen wird. „Die Apokalypse ist nicht das Ende, nicht der Tod, nicht der Schrecken des Nichts und auch nicht die Erschöpfung des Jüngsten Gerichts: Sie ist der harmonische Rhythmus des Blues, die Vollkommenheit des Kosmos und der spirituellen Reinheit. Hier entsteht das Wunder: Der Mikrokosmos wird Makrokosmos, das Ende ist eine Ankündigung der Unsterblichkeit.“