Die Synode soll dem Druck von außen widerstehen

Ungewöhnliche Intervention des Papstes – Kardinal Marx unzufrieden mit Auftakt der Bischofsversammlung. Von Guido Horst

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn moderiert die Diskussion der deutschen Sprachgruppe. Foto: KNA
Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn moderiert die Diskussion der deutschen Sprachgruppe. Foto: KNA

Rom (DT) Wenn heute Abend die Arbeit der dreizehn Sprachzirkel zu Teil eins des „Instrumentum laboris“ endet, hat die römische Synode den ersten der drei Intervalle hinter sich gebracht, in die sich die Bischofsversammlung gliedert. Nicht ganz ohne Schwierigkeiten. Überraschenderweise hat sich Papst Franziskus nach der ersten Ansprache in der Synodenaula am Montagmorgen am Tag darauf gleich nochmals zu Wort gemeldet, um dreierlei klarzustellen: Die laufende Versammlung stehe in Kontinuität zu der Familiensynode des vergangenen Jahres und es gebe bisher drei verbindliche Dokumente des synodalen Prozesses zu Ehe und Familie: seine Ansprachen zur Eröffnung und zum Abschluss des Bischofstreffens vom Oktober 2014 sowie dessen Abschlussbericht, die „Relatio Synodi“.

Einige Synodenväter müssen wohl gedacht haben, dass die laufende Bischofsversammlung wieder von vorne anfange. Dann aber machte Franziskus noch zwei inhaltliche Bemerkungen: Die vergangene Synode habe die katholische Ehelehre nicht angerührt oder gar „angegriffen“. Und von dem Druck von außen, der alles auf die Frage nach der Kommunionzulassung der Wiederverheirateten reduziere, dürfe man sich nicht konditionieren lassen, die Außensicht auf die Versammlung solle deren Horizont nicht reduzieren.

Dennoch waren die deutschen Teilnehmer der Synode, allen voran Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof Heiner Koch von Berlin und Bischof Franz-Josef Bode von Osnabrück nicht gerade erbaut, als der Generalrelator, Kardinal Peter Erdö, beim Eröffnungsreferat am Montag, das nochmals das „Instrumentum laboris“ zusammenfasste, klare Worte zu den beiden Reizthemen der Versammlung gefunden hatte: Zur Unauflöslichkeit der Ehe hatte der Kardinal bekräftigt, die Wiederheirat nach dem Scheitern einer kirchlich geschlossenen Verbindung verstoße gegen die Botschaft Jesu Christi und schließe die Betroffenen vom Empfang der Kommunion aus. Allerdings bedürfe es noch einer vertieften Reflexion darüber, wie man wiederverheiratete Geschiedene seelsorgerisch und barmherzig begleiten und zugleich die katholische Lehre konsequent bezeugen könne.

Pariser Erzbischof warnt vor überzogenen Erwartungen

Als konkretes Beispiel einer noch ausstehenden Vertiefung nannte Erdö die Frage, wie ein Weg der Umkehr und Buße für Personen aussehen könne, die nach einer ersten Ehe in einer neuen Verbindung leben. Zu Personen mit homosexuellen Neigungen stellte der Kardinal zudem klar, dass diese mit Achtung und Feingefühl aufgenommen werden müssen, die Kirche aber in jedem Fall lehre, dass es keinerlei Fundament dafür gebe, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie auch nur in einem weiteren Sinn Analogien herzustellen.

Da hatte es im Laufe des synodalen Prozesses auch schon andere Stimmen gegeben. Am Montagabend gefragt, ob nach dem Eröffnungsreferat von Kardinal Erdö der Eindruck täusche, dass man wieder da stehe, wo man schon vor zwei Jahren gestanden habe – also vor dem Konsistorium vom Februar 2014 mit dem Schlüsselreferat von Kardinal Kasper –, antwortete Marx gegenüber dieser Zeitung mit einem schlichten „Nein“. Italienischen Medien zufolge soll sich der Münchener Kardinal noch am Montagabend in der Synodenaula beschwert haben, dass das Eröffnungsreferat von Kardinal Erdö zu wenig die Diskussionen der vergangenen zwölf Monate berücksichtigt habe.

Die Unterschiedlichkeit der Meinungen ging am Montagmittag vor den dicht gedrängt sitzenden Medienvertretern im Pressesaal des Vatikans aber auch quer durch das Podium, das über die Eröffnung der Synode berichtete. Der Pariser Kardinal André Vingt-Trois, einer der delegierten Präsidenten der Synode, warnte vor überzogenen Erwartungen: Wer von der Versammlung eine radikale Änderung der Lehre erwarte, der werde enttäuscht. Wenn die Synodenväter einen Weg für die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion fänden, dann werde dies keine generelle Lösung sein, so Vingt-Trois. Erzbischof Bruno Forte, der Sondersekretär der Synode, sagte dagegen, man habe sich jetzt in Rom allerdings auch nicht versammelt, um nichts zu ändern. Es handele sich jedoch, so Forte, um eine Synode der Seelsorge, nicht um eine Synode der Lehre.

Bevor sich die Teilnehmer am Dienstagnachmittag in die dreizehn Sprachzirkel zurückzogen, standen 72 Wortmeldungen von Synodalen im Plenum an. Wie vom „Instrumentum laboris“ vorgesehen, ist der erste Teil der Beratungen einer Bestandsaufnahme gewidmet: Den Herausforderungen der (christlichen) Familie in aller Welt. Diese maximal dreiminütigen Wortbeiträge werden nicht öffentlich gemacht, die insgesamt 39 Zwischenberichte der Sprachgruppen aber schon. Die Aussprache in der Synodenaula muss den weiten Rahmen der unterschiedlichen Notlagen in den einzelnen Ortskirchen abgesteckt haben, wie es nachher bei den knappen Zusammenfassungen im vatikanischen Pressesaal hieß. Da ging es um die Flüchtlingsströme in der Welt, die viele Familien auseinanderreißen. Aus Afrika wurde über das Phänomen der Polygamie berichtet. Andere Synodenväter sprachen das Verhältnis zwischen den Generationen und die zunehmende Gewalt in der Gesellschaft und in den Familien an, vor allem gegenüber Frauen und Kindern.

Sprache der Verkündigung soll verständlicher werden

Ein Thema muss mehreren Redner besonders am Herzen gelegen haben, es wurde bei den unterschiedlichen Briefings außerhalb der Synodenaula immer wieder erwähnt: Die Sprache der kirchlichen Verkündigung. So wies Claudio Maria Celli, Synodenmitglied und Präsident des Päpstlichen Medienrats, vor Journalisten im Zusammenhang mit der Ehelehre auf das Wort „Unauflöslichkeit“ hin: In den unterschiedlichen Sprachen – Italienisch: „indissolubilita“, Englisch: „indissolubility“, Französisch: „indissolubilité“ – sei der Ausdruck ein Zungenbrecher und für viele Menschen nicht mehr zu verstehen – auch wenn sie willens seien, eine Beziehung in Treue zu leben. Mehrere Synodenväter wiesen darauf hin, dass die Pastoral Ausdrucksweisen finden müsse, die den Menschen der heutigen Zeit eingänglicher seien. Aber auch die Ausbildung der Priester, die an der vordersten Front der Familienpastoral stünden, war ein Anliegen einiger Synodenredner.

Besondere Aufmerksamkeit – das ist der Vorgeschichte, dem Schlüsselreferat von Kardinal Kasper und den Einlassungen der Kardinäle Reinhard Marx und Christoph Schönborn geschuldet – zieht auch bei italienischen und ausländischen Medien die deutsche Sprachgruppe auf sich. Hier sitzen dem Vernehmen nach neben Beratern und Delegierten hochrangige Kardinäle: Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der Glaubenskongregation, Kurt Koch vom Ökumene-Rat, Walter Kasper, Reinhard Marx aus München, Christoph Schönborn aus Wien und der Litauer Audrys Backis. Am morgigen Freitag wird der erste Zwischenbericht der deutschen Sprachgruppe dem Papst und der nächsten Runde der Vollversammlung in der Aula präsentiert. Er wird mit Spannung erwartet. Noch kreist die Synode um die ersten beiden Teile des „Instrumentum laboris“: Sehen und Urteilen. Doch der konfliktträchtige dritte Teil, „Handeln“, und damit auch die Frage der Wiederverheirateten und homosexuell Veranlagten, naht.