„Die Subsidiarität stärken“

Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch ist seit einem Jahr Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz – Eine Bilanz der ersten zwölf Monate seiner Amtszeit

Herr Erzbischof, vor einem Jahr haben Sie Ihr Amt als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz angetreten. Hätten Sie sich damals schon vorstellen können, so stark als Krisenmanager gefordert zu sein wie jetzt im Zusammenhang mit dem Streit um die Piusbruderschaft?

Ich staune, wie schnell diese zwölf Monate vergangen sind. Und ich hätte nie gedacht, dass es gleich im ersten Jahr zu solchen Turbulenzen kommt. Allerdings kann ich mir die Zeit, in die ich hineingestellt bin, nicht aussuchen und auch nicht die Themen bestimmen, die von außen auf mich zukommen. Insofern gilt es, sich den Herausforderungen zu stellen und dort, wo ich gefragt bin, Rede und Antwort zu stehen. Dabei ist mir wichtig: Ich schaue nach vorne. Wir wollen die Zukunft gestalten.

Ein Jahr Vorsitzender der Bischofskonferenz: Bedeutete das nur zusätzliche Arbeit, viele Reisen und Mühsal oder hat es auch positive Aspekte?

Der Vorsitzende ist sehr stark gefordert, vieles ist auf ihn konzentriert. Aber es gab und gibt immer wieder sehr viele schöne und gute Begegnungen mit Menschen aus den verschiedensten Bereichen unserer Gesellschaft. Im Gespräch mit vielen Politikern spüre ich zum Beispiel, dass es eine gemeinsame Sorge für die Zukunft unserer Gesellschaft, für den Erhalt von Werten gibt. Man fragt nach der Kirche, und das macht mir Mut.

Welche Situationen haben Sie besonders berührt?

Eine besonders emotionale Erinnerung ist für mich die Begegnung mit Rabbiner Henry Brandt beim Osnabrücker Katholikentag, als wir uns bei einer christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier als Zeichen der Verpflichtung für einen gemeinsamen Weg in die Zukunft umarmt haben. Sehr beeindruckend war auch, nach meiner Wahl den Papst in Rom zu treffen und dort zu spüren, wie interessiert er an den Vorgängen in der deutschen Kirche ist.

Was hat sich für Sie im Umgang mit den Menschen auf der Straße verändert?

Als Vorsitzender ist man verstärkt in den Medien präsent. Ich freue mich immer, wenn die Leute einfach auf mich zukommen und mich ansprechen. Diese Form der Kommunikation ist wichtig. Bekanntheit ist das eine, aber Verbundenheit zu den Menschen ist viel wichtiger.

Kommt zwischen den Auftritten in Berlin, Brüssel oder Rom Ihr Heimatbistum nicht zwangsläufig zu kurz?

Ich bin sehr froh, dass dieses neue Amt auch im Erzbistum als positiv empfunden wird. Mir ist es ein Anliegen, im Erzbistum sehr präsent zu sein, denn die Gläubigen in unserer Diözese dürfen nicht denken, dass der Vorsitzende abgehoben in Bonn und Berlin sei, aber das Bistum vernachlässige. Ich möchte genau wissen, was bei uns vor Ort geschieht.

Angesichts sehr unterschiedlicher Charaktere der Bischöfe in Deutschland, wie stark ist in der Bischofskonferenz Ihre Funktion als Moderator und Brückenbauer gefragt?

Die Mitglieder der Bischofskonferenz sind Menschen aus Fleisch und Blut. Es ist gut, dass wir uns von Charakter und Temperament her unterscheiden. Trotz Unterschiedlichkeit – und Vielfalt kann ja sehr bereichernd sein – haben wir ein gemeinsames Ziel: dieser Kirche zu dienen. Ich stelle bei unseren Treffen im Ständigen Rat und in der Vollversammlung immer wieder fest: Wir haben eine sehr gute, sachliche Diskussion, wir hören einander zu. Und ich spüre auch, dass alle froh sind, wenn ich als Vorsitzender versuche, die Dinge zusammenzuführen und das Gemeinsame zu formulieren. Bei mehr als 70 Bischöfen bin ich immer wieder dankbar, dass wir ein so hohes Maß an Übereinstimmung erreichen.

Welchen Hauptaufgaben wird sich die Bischofskonferenz und die katholische Kirche in den nächsten Jahren stellen müssen?

Innerkirchlich müssen wir daran arbeiten, dass die Kirche zu einer echten Heimat der Menschen wird. Wir wollen eine offene Kirche sein, in der sich die Menschen willkommen fühlen. Und wir sollten uns gemeinsam auf das besinnen, wovon wir eigentlich leben: auf die Fragen des Glaubens und auf die Frage, wie wir als Kirche in der Gesellschaft auftreten, etwa indem wir uns für die Benachteiligten einsetzen.

Wie geht das aber, wenn die Zahl der Katholiken weiter sinkt?

Wir wollen eine lebendige Kirche sein. Deshalb kommt es darauf an, dass wir offensiv unseren Glauben ansprechen und in die Gesellschaft bringen. Es geht darum, unseren Glauben an die Menschen heranzutragen, die nicht getauft sind, oder an die Eltern, die ihre Kinder nicht mehr taufen lassen. Darin sehe ich eine gewaltige und zugleich lohnende Aufgabe.

Wie kann das funktionieren, wenn es zum Beispiel immer weniger Priester gibt?

Veränderungen im Verständnis der hauptberuflich in der Pastoral Tätigen und die Neuausrichtung des priesterlichen Dienstes in veränderten Gemeindestrukturen, darum muss es künftig gehen. Ich habe mich immer wieder gefragt, was Gott vorhat, wenn wir heute weniger Priester haben, als wir eigentlich wollen. Wir müssen lernen, dass Seelsorge nicht nur vom Priester allein getragen wird, sondern dass die verschiedenen Berufsgruppen wie Gemeinde- und Pastoralreferenten oder Diakone in der Seelsorge zusammenarbeiten. Es ist eine Bereicherung, wenn Laien die Kirche mitgestalten. Für die sich verändernden Strukturen ist wichtig: Wir betreiben nicht nur Umbau aus Mangel, sondern Veränderung aus Einsicht.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche? Etwa wenn es darum geht, in politischen Fragen gemeinsame Positionen zu finden. Am Beispiel der Stammzellenforschung traten ja Differenzen zu Tage.

Selbstverständlich habe ich rasch nach meiner Wahl zum Vorsitzenden mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, Kontakt aufgenommen. Wir haben anstehende Fragen gemeinsam besprochen. Dass wir, etwa in der Stammzellfrage, keine gemeinsame Position gefunden haben, bedauere ich sehr, denn darunter hat das gemeinsame Zeugnis gelitten. Aber bei anderen Sachfragen, etwa bei den Debatten um die Patientenverfügung, haben wir eine gemeinsame Erklärung herausgegeben. Bischof Huber und ich haben uns abgesprochen, dass wir im Falle von unterschiedlichen Positionen zuerst einmal zum Telefonhörer greifen, bevor es nach außen geht. Das funktioniert auch sehr gut.

Wie eigenständig und einflussreich sind die Bischofskonferenzen in der von Rom gelenkten Weltkirche?

Ich persönlich glaube, dass wir uns in der katholischen Kirche noch stärker auf das Prinzip der Subsidiarität besinnen müssen. Das, was vor Ort geregelt werden kann und im Rahmen des Katholischen möglich ist, das sollte auch vor Ort geschehen, selbstverständlich mit Information nach Rom. Denn auf diesem Wege wächst an der Basis nicht nur die Verantwortung, sondern auch die Solidarität und das gemeinsame Verständnis von Kirche. Da gilt es noch einiges zu entdecken und einiges in die Praxis umzusetzen.

Wird sich die Bischofskonferenz bei ihrer Frühjahrsversammlung Anfang März mit den Folgen der Krise um die Pius-Bruderschaft beschäftigen, etwa mit gehäuften Kirchenaustritten?

Ja, wir wollen schauen, was die Debatte bei uns ausgelöst hat und wie wir den offenen Fragen begegnen können. Von vermehrten Kirchenaustritten kann aus rein empirischer Sicht keine Rede sein.

Gibt es unterschiedliche Vorschläge, wie man mit den Traditionalisten umgehen sollte?

Nein, ich sehe in der Deutschen Bischofskonferenz zum Thema Pius-Bruderschaft keine Differenzen. Wenn die Bruderschaft einen Platz in der Kirche haben will, dann steht außer Frage, dass sie die Autorität und das Lehramt des Papstes voll anerkennen muss. Und dazu gehören alle Konzilien. Hinter das Zweite Vatikanische Konzil führt kein Weg zurück. Das wollen wir allen Menschen klarmachen, denn das ist mit Blick auf die Zukunft für mich eine entscheidende Frage.