Die Sonntagslesung: Wie sich Gottes Geist offenbart

Zu den Lesungen von Pfingsten (Lesejahr A). Von Manfred Hauke

Apostelgeschichte 2, 1–11; Johannes 20, 19–23 1 Korinther 12, 3b–7.12–13 Johannes 20, 19–23

Das Pfingstfest ist für viele unserer Mitbürger gleichsam ein Buch mit sieben Siegeln. Nach einer Meinungsumfrage aus dem Jahre 2009 (im Auftrag der Zeitschrift „Focus“) war über der Hälfte der deutschen Bevölkerung die religiöse Bedeutung von Pfingsten unbekannt. Diese Situation hat sich bis heute ganz sicherlich nicht verbessert.

Die Ignoranz gerade bezüglich des Pfingstfestes hängt wohl damit zusammen, dass die Lehre vom Heiligen Geist etwas sehr Anspruchsvolles darstellt. Schon mit dem Wort „Geist“ vermögen viele Menschen nichts anzufangen. Typisch scheint da eine Reaktion, die der englische Dichter Bruce Marshall in seiner ebenso humorvollen wie tiefgründigen Erzählung über „Das Wunder des Malachias“ beschreibt. Da ist die Rede von einem Lasterlokal, das öffentliches Ärgernis erregt. Die verantwortlichen politischen Autoritäten unternehmen nichts dagegen, und so schreitet ein Benediktinerpater namens Malachias zur Tat. Er betet, und das übel beleumundete Lokal bewegt sich von seiner Stelle, schwebt durch die Lüfte und lässt sich schließlich in der Ferne auf einem entlegenen Felsen nieder. Als der Besitzer des Lokals erfährt, dieses Wunder werde dem Heiligen Geist zugeschrieben, fragt er: „Der Heilige Geist? Wer ist das? Haben Sie ein Foto von ihm?“

„Jede noch so kleine

Lebenszelle ist ein

Wunderwerk der

göttlichen

Schöpferkunst“

Das Dasein des Heiligen Geistes ist nun nicht mit Fotos zu belegen, ebenso wenig wie die Existenz unserer eigenen Geistbegabung. Sehen können wir nur unseren Leib; dass wir mit einer geistigen Seele beschenkt sind, die im Unterschied zum Tier oder auch zu einem Computer über sich selbst reflektieren und aus freier Entscheidung etwas wollen kann – all das lässt sich erst durch Nachdenken erschließen, nicht aber durch Fotos.

Wie die Seele unser Inneres darstellt, so ist der Heilige Geist gewissermaßen das innere Geheimnis des dreifaltigen Gottes. „Wer von den Menschen“, so fragt einmal der heilige Paulus, „kennt den Menschen, wenn nicht der Geist des Menschen, der in ihm ist? So erkennt auch keiner Gott – nur der Geist Gottes.“ „Denn uns hat es Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet alles, auch die Tiefen Gottes“ (1 Kor 2,11.10).

Dieses innere Geheimnis Gottes ist uns nicht verborgen geblieben. Wir Menschen können die Existenz unseres Geistes offenbaren, indem wir etwas Geistgeprägtes wirken, zum Beispiel ein Haus bauen oder einen Brief schreiben. In ähnlicher Weise offenbart sich auch in mannigfaltiger Weise das Wirken des Heiligen Geistes nach außen. Schon auf den ersten Seiten der Bibel lesen wir in bildhafter Sprache die Worte: „Der Geist Gottes schwebte über den Wassern“, um das Werk der Schöpfung zu beginnen. Schon jede Blume und jeder Grashalm, jede noch so kleine Lebenszelle ist ein Wunderwerk der göttlichen Schöpferkunst. Wie ein Spaziergänger am Strand seine Fußspuren hinterlässt, so offenbart sich auch der Heilige Geist in den Werken der Natur. Gerade der Frühling ist ein Anlass, für diese Wirklichkeit staunend und dankbar die Augen des Geistes zu öffnen. Wie der Geist Gottes wirkt, offenbart sich entscheidend im Leben Jesu. Alles, was Christus mit seiner Frohen Botschaft verkündet und an Machttaten wirkt, ist innerlich getragen von der Lebensmacht des Heiligen Geistes. Im heutigen Evangelium begegnen wir Christus, dem Auferstandenen, der am Abend des Ostertages seine Apostel anhaucht mit den Worten: „Empfangt den Heiligen Geist!“ Das Anhauchen erinnert an die bildhafte Erzählung der Bibel, wonach Gott den Menschen aus Ackerboden formt und dann den Odem des Lebens in seine Nase bläst – eine Veranschaulichung für das Lebendig sein des Menschen und seine Begabung mit der unmittelbar von Gott stammenden geistigen Seele. Was aber beim Anhauchen der Apostel und später am Pfingstfest geschieht, ist mehr als bloße Schöpfung: Es ist die Begabung mit dem inneren Leben Gottes selbst, der uns gleichsam zu seinen Kindern macht. Es ist das neue Leben, das die naturhafte Schöpfung weit überragt.

Nach Gregor von Nazianz, einem der großen griechischen Kirchenväter, hat es bei der Erschaffung des ersten Menschen gleichsam eine doppelte Hauchung gegeben: die Mitteilung der Seele, die das geistige Menschsein begründet, und – damit verbunden – die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott im Heiligen Geist. Wenn Jesus die Apostel anhaucht, so meint der heilige Kirchenvater, dann erinnert er an die erste Mitteilung des Heiligen Geistes, an die ursprüngliche Freundschaft mit Gott im Paradies, die durch die erste Sünde für die gesamte Menschheit verloren ging.

Die Wiederherstellung des Paradieses beginnt freilich mit dem Sakrament der Taufe, durch die der Heilige Geist in uns Wohnung nimmt. Von der Taufe spricht die zweite Lesung: Die Gemeinschaft der Kirche ist wie ein vielgliedriger Leib, in dem jedes Glied seine besondere Aufgabe hat. Die Gaben der Gnade sind verschieden, aber in allen Gliedern der Kirche wirkt der eine Heilige Geist. Auch die Urkirche konnte vom Heiligen Geist keine Fotographie vorweisen. Nicht einmal ein Gemälde. Hinweisen konnte sie freilich auf das, was der Geist Gottes in ihr gewirkt hat. Das erste Zeichen ist das Brausen vom Himmel, das einem heftigen Sturm gleicht. Im Evangelium lesen wir noch, dass die Jünger Jesu zu Ostern die Türen verschlossen hatten aus lauter Angst vor den Juden. Nachdem der Sturmwind des Heiligen Geistes auf sie herabgekommen ist, legen sie alle Menschenfurcht ab und verkünden in fremden Sprachen die Machttaten Gottes.

„Die ,Früchte

des Geistes‘ sind

gleichsam die

Ausstrahlung des

göttlichen Lebens“

Ein weiteres Zeichen sind die Feuerzungen, die sich auf jeden der Jünger niederlassen. Dieses Feuer erleuchtet auch uns, es verbrennt gleichsam den Rost der Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit. Es bringt uns in Bewegung und erfüllt uns mit dem glühenden Strom der göttlichen Liebe.

In der Folge finden wir noch weitere Zeichen: sie reichen von Aufsehen erregenden Wundern bis hin zur innigen Verbundenheit der Gläubigen untereinander: „Sie waren ein Herz und eine Seele“, heißt es bald nach dem Pfingstbericht über die ersten Christen in Jerusalem (Apg 4, 32). Und der heilige Paulus zählt einmal die „Früchte des Heiligen Geistes“ auf. Dabei nennt er „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ (Gal 5, 22f).

Diese Gaben sind das Bild, das wir vom Heiligen Geist vorweisen können. Die „Früchte des Geistes“ sind gleichsam die Ausstrahlung des göttlichen Lebens, in dem Vater, Sohn und Heiliger Geist selbst in uns Wohnung nehmen. Bitten wir darum, dass wir immer mehr diese Wirkung, diese Ausstrahlung in uns aufnehmen können.