Die Sonntagslesung: Wachsamkeit und standfest im Glauben

Zu den Lesungen des 19. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C) Von Harm Klueting

Weish 18,6–9; Hebr 11,1–2.8–19; Lk 12,32–48

Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium besteht aus vier – in der Kurzfassung aus drei – Teilen. Am Anfang steht das Trost-wort: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde“, das auf die aus dem Matthäusevangelium bekannte Rede Jesu über falsche und richtige Sorge (Lk 12,22–31; Mt 6,25–34) folgt. Bekannt daraus ist vor allem das Wort über die Lilien: „Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt. Seht euch die Lilien an: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Darum fragt nicht, was ihr essen und was ihr trin-ken sollt. Euer Vater weiß, dass ihr das braucht“ (Lk 12,22.27.29.30b). Das Trost-wort ist an die Jünger gerichtet. Ihnen und allen, die seit zweitausend Jahren und heute um ein Leben im Glauben an Jesus Christus bemüht sind, gilt die Fortsetzung dieses Trostwortes: „Euer Vater hat beschlossen, euch das Reich (Gottes) zu geben.“

Daran schließt sich der zweite Teil an: „Verkauft eure Habe, und gebt den Erlös den Armen. Verschafft euch einen Schatz im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst“ – Sätze, die wir aus der Bergpredigt (Mt 6,19f.) kennen. Zwar gibt es das Jesuswort „Wenn du vollkom-men sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen“ (Mt 19,21) – einer der drei „evangelischen Räte“: frei-willige Armut, Keuschheit und Gehorsam, die allen Ordensgelübden zugrunde liegen –, doch will Jesus nicht, dass wir unsere Hände in den Schoß legen, nicht mehr arbeiten und aus freien Stücken wie ein Bettler leben. Im Mittelalter gab es Men-schen – der heilige Franziskus, die heilige Elisabeth von Thüringen und viele andere –, die so dachten und handelten. Aus der Armutsbewegung des dreizehnten Jahrhunderts gingen Bettel- oder Mendikantenorden wie die Franziskaner hervor. 1323 verwarf Papst Johannes XXII. mit der Konstitution „Cum inter nonnullos“ das radikale Armutsideal und die Lehre als ketzerisch, wonach Jesus und die Jünger überhaupt nichts Eigenes besessen hätten. Es ist also richtig, dass wir arbeiten und Geld verdienen und für die Zukunft für uns und für die uns Anvertrauten Vorsorge treffen. Falsch ist es, wenn wir unser Vertrauen in unseren Reichtum oder auch nur in unseren bescheidenen Wohlstand setzen. Dann geht es uns wie dem reichen Bauern, der für seine große Ernte neue Scheunen bauen will, und zu dem Gott sagt: „Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast?“ (Lk 12,20). Christen haben einen Schatz im Himmel. Dieser ist mehr wert als ein gut gefülltes Bankkonto, Hausbesitz oder die große Ernte jenes reichen Bauern.

Es folgt der dritte Teil: „Seid wie Men-schen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten“, die aber nicht wissen, wann er kommt. „Denn der Menschensohn“ – die-sen Titel gebraucht Jesus, wenn er von sich selbst spricht – „kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ Und: „Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt.“ Das erinnert an die Geschichte von den zehn Jungfrauen (Mt 25,1–13), die zu einer Hochzeitsfeier geladen sind. Als der Bräutigam lange auf sich warten lässt, schlafen sie alle ein. Und als dann um Mitternacht der Ruf erschallt: „Der Bräutigam kommt“ (Mt 25,6), wachen sie auf. Die fünf törichten unter ihnen aber haben, anders als die fünf klugen, kein Öl für ihre Hochzeitslampen und müssen erst Öl kaufen. Als sie von den Händlern zurückkehren, ist die Hochzeitsfeier schon in vollem Gange und die Tür verschlossen. Die fünf törichten Jungfrauen pochen an die Tür. Aber der Bräutigam öffnet ihnen nicht und sagt: „Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“ (Mt 25,12b–13). Es erinnert auch an die Nacht in Getsemani, wohin Jesus von den zwölf Jüngern nur Petrus, Johannes und Jakobus (Mt 26,37) mitnimmt und die er am Eingang des Gartens zurücklässt, um allein in dem Garten zu beten: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26,39). Dreimal betet er so; dreimal kehrt er zu den drei Jüngern zurück; dreimal findet er sie schlafend und sagt: „Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet“ (Mt 26,40b–41).

Was Wachsamkeit meint, erläutert Je-sus mit dem Gleichnis vom guten und vom schlechten Verwalter. Das ist der vierte Teil. Einen klugen Verwalter wird der Hausherr, wenn er unerwartet kommt, mit der getreuen Erledigung seiner Aufgaben beschäftigt finden. Ihn wird er „zum Verwalter seines ganzen Vermögens“ und nicht nur seines Hauses machen. Ein schlechter Verwalter wird die Hausangestellten schlecht behandeln, essen und sich betrinken. Wenn dann der Hausherr an einem Tag kommt, an dem er nicht damit rechnet, „und zu einer Stunde, die er nicht kennt“, wird er ihn streng bestrafen“. Vertraut nicht auf irdischen Reichtum, sondern sammelt euch Schätze im Himmel. Seid wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde. „Haltet auch ihr euch bereit.“

Von bereitem Warten ist auch die Rede im Buch der Weisheit, dem etwa fünfzig Jahre v. Chr. in der jüdischen Diaspora in Ägypten entstandenen Werk der Weis-heitsliteratur. Anknüpfend an das Gebet „Gott der Väter und Herr des Erbarmens. Gib mir die Weisheit“ (Weish 9,1.4) redet der Schreiber Gott an: „So erwartete dein Volk die Rettung der Gerechten und den Untergang der Feinde.“ Es geht um die Nacht vor dem Auszug der Israeliten aus Ägypten und um die zehnte Plage, die Gott über Ägypten kommen lässt, die Tötung aller Erstgeburt: „Mose sagte: So spricht Jahwe: Um Mitternacht will ich mitten durch Ägypten gehen. Dann wird jeder Erstgeborene in Ägypten sterben, vom Erstgeborenen des Pharao bis zum Erstgeborenen der Magd“ (Ex 11,4–5). Nur die Erstgeborenen der Israeliten sind ausgenommen, so dass das Buch der Weisheit sagen kann: „Die Nacht der Befreiung wurde unseren Vätern vorher angekündigt. Während du die Gegner straftest, hast du uns zu dir gerufen und verherrlicht.“

An den Auszug aus Ägypten knüpft der Hebräerbrief an: „Aufgrund des Glaubens verließ Mose Ägypten; er hielt standhaft aus, als sähe er den Unsichtbaren. Aufgrund des Glaubens vollzog er das Pascha und bestrich die Türpfosten mit Blut, damit der Vernichter ihre Erstgeborenen nicht anrührte“ (Hebr 11,27f.). Dieses Beispiel für standhaften Glauben ist aber nicht Teil des Lesungstextes, der wenige Sätze vorher abbricht. Wenn man „er hielt aus, als sähe er den Unsichtbaren“ übersetzt „er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn“, scheint sich eine Verbindung zu zeigen. Der Verfasser des Hebräerbriefes nennt ihn eine „Mahnrede“ (Hebr 13,22). Diese Mahnrede ist Ermahnung zum Festhalten am Glauben: „Erinnert euch an die früheren Tage, als ihr nach eurer Erleuchtung“ – nach eurer Bekehrung zum Christusglauben – „manchen harten Leidenskampf bestanden habt. Was ihr braucht ist Ausdauer“ (Hebr 10,32.36).

Diese Mahnung und der um 60 n. Chr. entstandene Brief wenden sich an eine judenchristliche Gemeinde außerhalb Palästinas. Aber es geht nicht nur um standhaftes Festhalten. Zwar lesen wir: „Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft, überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht.“ Doch liegt hier ein Übersetzungsfehler vor, der auf Luther zurückgeht und seine Spuren in der Einheitsübersetzung und in den katholischen liturgischen Lesetexten in deutscher Sprache hinterlassen hat. Im griechischen Urtext steht „hypostasis“, was weder mit „Feststehen“ noch mit „Zuversicht“ übersetzt werden kann, sondern nur mit „Verwirklichung“: „Glaube ist: Verwirklichung dessen, was man erhofft.“

Diesen Glaube, der das Unsichtbare Wirklichkeit werden lässt, erklärt der Hebräerbrief: „Aufgrund dieses Glaubens haben die Alten ein ruhmvolles Zeugnis erhalten.“ Die Alten sind die Urväter Abel, Henoch und Noach – dieser Abschnitt fehlt in unserem Lesungstext – und danach die Patriarchen Abraham, Isaak und Josef und schließlich die ganze „Wolke von Zeugen“ (Hebr 12,1) von Mose bis zu den Propheten. Auch diese Abschnitte fehlen von der Erwähnung Isaaks an in unserem Lesungstext, der so ganz auf Abraham konzentriert wird, was die Sonderstellung Abrahams in dieser Aufzählung vorbildlicher Glaubenszeugen noch steigert.

Es gibt einen Bruch in dem Abraham gewidmeten Abschnitt, wo es von seinen zahlreichen Nachkommen heißt: „Voll Glauben sind diese alle gestorben, ohne das Verheißene erlangt zu haben.“ Sie haben es nur „von fern geschaut und bekannt, dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind“. Das ist Absage an das sichtbare Irdische und Hoffnung auf das noch unsichtbare Überirdische und erinnert nicht nur an Hebr 13,14 – „Wir haben hier keine Stadt, sondern wir suchen die künftige“ –, sondern mit dem Glauben als Wirklichkeitwerden des Unsichtbaren auch an das Wort des Auferstandenen an Thomas: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20,29). Wir sollen festhalten am Glauben, auch wenn wir nicht sehen, denn der Glaube ist Verwirklichung dessen, was man nicht sieht.