Die Sonntagslesung: Liebe macht sehend

Zu den Lesungen des Ostersonntags 2016 (Lesejahr C). Von Martin Grichting

Apg 10, 34a.37–43; Kol 3, 1–4; Joh 20, 1–9

Bereits in der Osternacht wird der erste Bericht von der Auferstehung Jesu Christi vorgetragen (Lk 24, 1–12). Am Ostersonntag folgt der Auferstehungsbericht aus dem Johannesevangelium (20, 1–9). Am Ostermontag wird dann das Evangelium von den beiden Jüngern verkündet, die nach Emmaus gehen (Lk 24, 13–35). Am Weißen Sonntag schließlich hören wir jeweils vom ungläubigen Thomas (Joh 20, 19–31). Besonders ergreifend ist sodann der Bericht, gemäß welchem Jesus nach der Auferstehung seinen Jüngern am See von Tiberias begegnet und sie ihn zuerst nicht erkennen (Joh 21, 1–19).

In all diesen Berichten von der Auferstehung Jesu ist eines erstaunlich: Es war denen, die den auferstandenen Jesus damals gesehen haben, zuerst überhaupt nicht klar, dass es Jesus war, der da vor ihnen stand. Auch Maria von Mágdala ging es am Ostersonntag so: Sie dachte, er sei der Gärtner (Joh 20, 15). Die beiden Jünger, die nach Emmaus hinausgingen, erkannten Jesus erst nach ein paar Stunden, als er ihnen das Brot brach. Und bei den Jüngern Jesu, die im See von Tiberias fischen gingen, war es nur einer, der den auferstandenen Jesus erkannte: Johannes, der Jünger, den Jesus liebte. Er erkannte den Herrn und sagte zu Petrus: „Es ist der Herr“ (Joh 21, 7). Und im Oster-Evangelium ist es wiederum dieser Jünger, Johannes, von dem es heisst: „Er sah und glaubte“ (Joh 20, 8). Petrus, der andere Jünger, kann Johannes nicht folgen. Und er versteht nicht.

Diese Berichte sagen uns etwas im Grunde Erstaunliches: Es genügte damals keineswegs, Augen im Kopf zu haben und Jesus mit menschlichen Augen zu sehen, um zu erkennen, dass er von den Toten auferstanden war. Es genügte vor 2000 Jahren nicht, einfach ein Zeitgenosse Jesu gewesen zu sein, um an den Auferstandenen glauben zu können. Ja wir können sagen: Es genügte nicht einmal, Apostel zu sein, eine besondere Stellung in der Kirche zu haben: Petrus ist schwer von Begriff; der Apostel Thomas glaubt schlicht nicht. Das ist tröstlich. Denn wir könnten vielleicht denken: Wenn ich doch damals gelebt hätte! Dann hätte ich leichter an die Auferstehung Christi glauben können, dann hätte ich es ja selbst mit eigenen Augen gesehen. So aber muss ich auf das Zeugnis der Kirche hin glauben. Wie viel einfacher wäre es doch gewesen, wenn ich damals gelebt hätte, ein Apostel gewesen wäre. Aber eben: Wenn wir die Berichte über die Auferstehung genau lesen, dann merken wir: So zu denken wäre zu kurz gedacht. Die Tatsache, dass die Apostel und andere Menschen von damals Zeitgenossen Jesu waren, hat sie nicht automatisch dazu geführt, dass sie den Auferstandenen erkannt haben.

Es ging schon damals um etwas qualitativ anderes. Um den auferstandenen Herrn sehen zu können, brauchte es ein liebendes Herz, eine innige Verbundenheit mit dem Herrn. Es ist nämlich kein Zufall, wenn es zwei Mal im Evangelium heißt, dass der Jünger, den Jesus liebte, Johannes, zuerst zum Glauben an den Auferstandenen kam (Joh 20, 2; 21, 7). Johannes war dem Herrn mit der größten Liebe verbunden. Er stand ihm geistlich näher als Petrus, den Jesus zum Führer der Kirche ausersehen hatte.

Und so kann man sagen: Man muss nicht Zeitgenosse Jesu gewesen sein, um ihn als den Auferstandenen zu erkennen. Noch muss man als Apostel ein Amt innehaben in der Kirche. An den Auferstandenen glauben, ihn erkennen und ihm begegnen, das folgt anderen Kategorien. Nur wer das liebende Herz des Johannes hat, wer den Umgang mit dem Herrn sucht, kann an den Auferstandenen glauben und ihn erkennen. Und das ist unabhängig von der Zeit. Es galt damals zur Zeit Jesu. Das sagen uns die Berichte von der Auferstehung Christi. Es galt in den Jahrhunderten nach Jesus. Das sagt uns die Kirchengeschichte. Und es gilt auch heute. Das sagt uns unsere eigene Glaubenserfahrung. Und auch heute ist es so, dass nicht das Amt in der Kirche garantiert, dass einer den auferstandenen Herrn erkennt. Sondern es ist die liebende Beziehung zum Herrn, die einen Menschen ihn sehen lässt.

Das relativiert in gesunder Weise das Amt in der Kirche. Es ist auf der einen Seite notwendig. Christus hat die Apostel bestellt. Sie sollen den Glauben verkünden, amtlich lehren, damit er nicht verfälscht wird. Aber was ihr eigenes Leben und Glauben angeht, so haben die, welche ein Amt innehaben in der Kirche, den anderen Gläubigen nichts voraus. Sie müssen sich genauso bemühen, mit Christus Umgang zu haben, ihn immer besser kennen zu lernen durch das tägliche Ringen und Beten. Gerade das Beispiel von Petrus und Johannes, die gemeinsam zum Grab laufen, macht das deutlich. Petrus ist der wichtigste amtliche Zeuge. Und Johannes lässt ihm deshalb den Vortritt. Aber es ist Johannes, der wirklich erkennt und den Herrn sieht (Joh 20, 8).

Und wie gewinnt man ein solch liebendes Herz wie das Herz des Johannes, das den Herrn zu sehen vermag, wo andere nur den Gärtner sehen? Nun, man kann nicht einfach einen Kurs besuchen, so wie man einen Kochkurs besucht und dann kochen kann. Sondern man erwirbt dieses liebende Herz, indem man geduldig den Weg des Glaubens mit der Kirche geht. Glauben ist – um es Englisch zu sagen – „learning by doing“. Man lernt etwas, indem man es tut. Die Logik des Glaubens können wir nicht einfach nur theoretisch studieren. Sondern sie wird uns immer einsichtiger, je mehr wir sie leben, je mehr wir uns in der Sphäre und der Welt Jesu bewegen. Das ist das Eigentümlich am Glauben. Er ist nicht einfach eine Theorie, die man lernen kann, der man dann intellektuell zustimmen kann. Eine Theorie betrifft nur den Kopf. Der christliche Glaube aber will den ganzen Menschen. Wir müssen den Glauben leben, um seine innere Logik und Richtigkeit zu erfassen. Einer Theorie oder einer Ideologie kann man anhangen. Den Glauben aber muss man leben. Nur dann sieht man den Auferstandenen. Wer nicht in der Sphäre des Glaubens lebt, wer nicht die Augen des Glaubens durch ein Leben aus dem Glauben geschärft hat, der sieht nur den Gärtner, damals wie heute.

Freilich ist es immer Jesus Christus, der zuerst einen Schritt auf uns zugeht. Er hat damals Maria von Mágdala die Augen geöffnet. Er hat sich den Jüngern von Emmaus zu erkennen gegeben. Er hat dem Apostel Thomas in Liebe eine Lektion erteilt. Und auch heute geschieht das. Jesus öffnet uns die Augen. Er lässt uns erkennen, dass er da ist. Wenn wir auf unser bisheriges Leben zurückschauen, dann können wir sicher da und dort erkennen, wo seine Hand im Spiel war. Das können bestimmte Ereignisse gewesen sein, die Begegnung mit einem bestimmten Menschen, ein Wort, das uns getroffen hat. Oder auch ein Blick in unser Gewissen kann uns erkennen lassen, dass Christus da ist.

Wir müssen also zwar auch im Jahr 2016 auf das Zeugnis derer hin glauben, die damals gelebt haben. Aber sie hatten uns eigentlich nichts voraus. Denn im letzten war es ihre Liebe zu Christus, die sie ihn hat sehen lassen. Und es war der Wille Christi, sich ihnen zu zeigen. Auch heute ist es das noch so. Unsere Verbundenheit mit Christus im Gebet, in den Sakramenten, im Wort Gottes, im Halten der Gebote und im Tun des Guten lässt uns Christus, den Auferstandenen, erkennen. Und es ist auch heute Christus, der uns einen Schritt entgegenkommt, wie damals den Jüngern und Maria von Mágdala.