Die Sonntagslesung: Gut ist Gott allein

Zu den Lesungen des achten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A). Von Martin Grichting

Jesaja 49, 14–15; 1 Korinther 4, 1–5; Matthäus 6, 24–34

Wir können nicht zwei Herren dienen, sagt Jesus Christus im heutigen Evangelium (Matthäus 6, 24). Und er veranschaulicht es an Gott und am Mammon. Was haben Gott und Mammon, Gott und Geld also, gemeinsam? Sie haben gemeinsam, dass sie beide von den Menschen angebetet werden können. Nur kann man, wie Jesus im heutigen Evangelium sagt, nicht beides zugleich anbeten: Man kann nicht Gott wirklich lieben und zugleich auch den Mammon, das Geld, zum Götzen erheben, den man verehrt, den man über alles liebt (Mt 6, 24). Gott dem Mammon gegenüberzustellen, ist etwas gewagt, könnte man denken. Wenn wir aber die Menschen in den Gesellschaften der westlichen Welt anschauen, dann trifft diese Gegenüberstellung doch den Sachverhalt. Mammon ist eine Art Gott bei uns. Oder besser: Mammon ist ein Gottesersatz. Viele beten ihn an, als wäre er der Heilsbringer. So war es zur Zeit Jesu. So ist es heute.

Nur: Geld ist keine Person, mit der man reden kann. Keiner betet deshalb einfach das Geld an. Was meint also Jesus, wenn er davon spricht, dass manche Menschen Mammon verehren und ihm wie einem Herren dienen? Das Geld anbeten, vergöttern, vergötzen, heißt letztlich, sich selbst genügen wollen, von niemandem abhängig sein wollen, autonom sein wollen, sich seine Wünsche erfüllen können, uneingeschränkt genießen können, alles für sich haben können, nur auf seine eigene Kraft vertrauen. Die Anbetung Mammons ist die Anbetung des nur sich selbst und seinen Bedürfnissen verpflichteten Menschen.

Was heißt dann Gott dienen? Es bedeutet, das Heil nicht vom eigenen Tun zu erwarten. Und es bedeutet dann auch, für den Mitmenschen offen zu sein, ihn wahrzunehmen, nicht als Mittel oder gar Hindernis für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, sondern als Bruder und Schwester des Herrn. Gott als dem Herrn zu dienen, heißt zu wissen, dass wir Gottes und der anderen Menschen bedürfen und dass sie unser bedürfen, damit das Leben gelingt, schon rein diesseitig und erst recht in ewiger Perspektive.

Eine Geschichte drückt das, was hier gemeint ist, sehr treffend aus: Ein reicher Mann kam zu einem Weisen. Der Weise führte in ans Fenster. „Schau hinaus und sag mir, was du siehst.“ Der Reiche antwortete: „Ich sehe Menschen“. Da führte ihn der Weise vor einen Spiegel. „Was siehst du nun?“, fragte der Weise. „Ich sehe mich selbst“, sagte der reiche Mann. Da sprach der Weise: „Siehst du: Das Fenster ist aus Glas, und der Spiegel ist aus Glas. Aber das Glas des Spiegels ist mit ein wenig Silber belegt. Kaum kommt also ein wenig Silber dazu, so hörst du auf, die Menschen zu sehen, du siehst nur noch dich selbst.“

Ja, das Silber führt nicht nur beim Glas dazu, dass es zum Spiegel wird, in dem man sich dann selbst sieht, anstatt die anderen Menschen. Oft genug ist es auch beim Geld so, das ja zumindest früher aus Silber war. Wenn es ums Geld geht, hört der Spaß auf, dann scheint sich jeder selbst der Nächste zu sein.

Wenn wir bedenken, wofür der Mammon, das Geld steht, nämlich nur noch sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse schauen zu wollen, auf sich selbst zu bauen, dann sehen wir, dass die Alternative, vor die uns Jesus stellt, im Grunde nicht Gott oder Mammon, Gott oder Geld, heißt. Geld als solches ist ja nichts Schlechtes. Wir müssen schließlich alle leben, uns ernähren, und kleiden, Verantwortung für uns und andere tragen. Und Geld kann und soll bekanntlich auch für Gutes eingesetzt werden. Die Alternative, vor die uns Jesus stellt, ist deshalb vielmehr: Gott oder ich, Gott oder mein Ego? Also: Wem will ich letztlich gehören? Will ich mein eigener Herr sein, autonom und unabhängig? Will ich mich selbst und meine Bedürfnisse zum Maß aller Dinge machen? Oder anerkenne ich Gott als das Maß aller Dinge, der mir Richtung und Wegweisung für mein Leben und mein Handeln ist? Vor dieser Frage stehen wir dann alle, unabhängig davon, ob wir reich an Geld sind oder nicht.

Wenn man den Abschnitt aus dem Evangelium etwas weiterliest, scheint Jesus die Alternative – Gott oder Mammon – dann jedoch wieder zu relativieren. Denn er sagt: Sucht zuerst Gott und sein Reich, dann wird euch das andere, die irdischen Mittel, dazugegeben werden (Matthäus 6, 33). Damit will Jesus sagen: Wer zuerst Gott sucht, der ist deshalb nicht dazu verurteilt, ein Bettler zu werden, der zerlumpt herumlaufen muss. Wer mit Gott lebt, der ist auch kein armer Tropf, der die schönen Seiten des Lebens nicht genießen kann, weil Gott sie ihm vorenthält. Nein, wer Gott dient und ihn zuerst sucht, der erhält auch die schönen Seiten des irdischen Lebens, soweit das auf dieser Welt möglich ist, von Gott geschenkt.

Dieser Gedanke ist wohl unnachahmlich schön ausgedrückt worden von Papst Benedikt XVI. In der Predigt anlässlich seiner Amtsübernahme hat er, an die jungen Menschen adressiert, im Jahr 2005 gesagt: „Haben wir nicht alle irgendwie Angst, wenn wir Christus ganz hereinlassen, uns ihm ganz öffnen, könnte uns etwas genommen werden von unserem Leben? Müssen wir dann nicht auf so vieles verzichten, was das Leben erst so richtig schön macht? Würden wir nicht eingeengt und unfrei? (...). Nein. Wer Christus einlässt, dem geht nichts, nichts – gar nichts verloren von dem, was das Leben frei, schön und groß macht. Nein, erst in dieser Freundschaft öffnen sich die Türen des Lebens. Erst in dieser Freundschaft gehen überhaupt die großen Möglichkeiten des Menschseins auf. Erst in dieser Freundschaft erfahren wir, was schön und was befreiend ist. So möchte ich heute mit großem Nachdruck und großer Überzeugung aus der Erfahrung eines eigenen langen Lebens Euch, liebe junge Menschen, sagen: Habt keine Angst vor Christus! Er nimmt nichts, und er gibt alles. Wer sich ihm gibt, der erhält alles hundertfach zurück. Ja, [öffnet Christus die Türen] (...) – dann findet Ihr das wirkliche Leben.“

Diese Worte erst sind die richtige Interpretation dessen, was uns Jesus Christus im heutigen Evangelium sagt. Es geht für uns Christen nicht einfach um einen Verzicht, den Jesus fordert. Sondern es geht Jesus um die richtige Wahl, die richtige Wertordnung. Und wenn wir hier richtig wählen, wenn wir zuerst Gott und sein Reich suchen, nach seiner Lehre und seinen Geboten leben, dann bekommt das Leben eine Fülle, einen Sinn, eine Richtung. Und erst das lässt uns das Leben mit all seinen schönen Seiten dann auch wirklich genießen. Denn wir neigen dann nicht dazu, die Welt, das Geld, die Wahlmöglichkeiten, zu vergötzen, von ihnen etwas zu erwarten, was sie uns gar nicht zu geben vermögen: nämlich Dauer, Beständigkeit, Erfüllung und Sicherheit. Wer solches von den irdischen Dingen, versinnbildlicht im Mammon, erwartet, wird enttäuscht werden. Wer die irdischen Dinge jedoch als Geschenk Gottes annehmen kann und dabei zugleich weiß, dass Gott selbst das wahre und eigentliche Geschenk ist, der geht mit der richtigen Haltung durch diese Welt. Er macht nämlich dann die Welt mit ihren schönen Dingen nicht zum Götzen, der immer enttäuschen muss. Er betet nicht die Geschöpfe an, sondern er dient Gott. Und das allein überdauert diese Welt. Das allein verheißt Dauer, Beständigkeit, Erfüllung. Nutzen wir den Mammon also, um Gutes zu tun. Aber halten wir ihn nicht für das Gute. Gut ist Gott allein.