Die Sonntagslesung: Erfolgreicher Widerstand gegen Gott

Hier wagt es eine heidnische Frau, den Messias Israels, den Sohn Gottes zu kritisieren wegen missglückter Wahl einer Metapher. Denn im 15. Kapitel des Matthäusevangeliums hatte Jesus die bekannte Metapher wiederholt: Heiden sind Hunde. Denn Hunde streunen überall herum, achten – anders als die Katzen – nicht auf die eigene Sauberkeit und sind eigentlich Bilder für den Tod in seiner unersättlichen Fressgier. Deshalb gibt es in der Unterwelt den Kerberos, der wie der Tod alles verschlingt. Wir kennen das von den mittelalterlichen Grabsteinen her.

Wenn der dort Begrabene ein Christ oder ein König war, wird zu seinen Füßen ein Hund dargestellt. Denn als Christ hat er den Tod überwunden. Erst Paulus wird es wagen zu sagen, der Tod selbst werde verschlungen, er, der Allesverschlinger. Denn seit der Auferstehung Jesu ist „die Zeit des Hundes“ beendet.

Die heidnische Frau, die Jesus ob seiner Bildwahl kritisiert, ist ausgesprochen mutig. Und geschickt ist sie auch. Als Jesus ihr die Heiden mit Hunden vergleicht, nimmt sie dieses Bild bejahend auf und wendet es kritisch gegen Jesus: Ja, aber die Hunde unter dem Tisch können doch ganz gut von den Krümeln und Brotfetzen leben, die zu Boden fallen. Mehr soll Jesus nicht tun, als so einen Brocken von der Mahlzeit auf den Boden fallen lassen.

Die Frau beschreibt also einen völlig normalen, aus der Sicht der Hunde nützlichen Vorgang und will keine Ausnahmeregelung. Denn gerade so, sagt sie, kommen doch die Hunde auf ihre Kosten. Sie sagt, ja, gerade wenn und weil wir wie Hunde sind, gibt es ein ungeschriebenes Recht für uns, sich so zu ernähren. Es ist eine Art Mundraub, auf die sie anspielt. Sie regt sich nicht über das diskriminierende „Hunde“ auf, sondern geht davon aus und argumentiert munter weiter zu ihren Gunsten.

Worin besteht also hier der Glaube, den der Herr staunend anerkennt? Der Glaube hier ist ganz nüchtern betrachtet erfolgreicher Widerstand gegen Gott. Denn Jesus, der von Gott gesandte Heiland, will sie mit seinem Nein abspeisen und widersetzt sich der Bitte der Frau. Jesus leistet Widerstand gegenüber ihrer Bitte. Er hat dafür auch eine theologische Begründung: Der Messias ist nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Jesus versteht sich also als den ganz speziellen Hirten, und im 15. Kapitel des Lukasevangelium hatte er mit ähnlicher Begründung gerade seinen Umgang mit Unreinen und Steuerpächtern in Israel begründet und die drei Gleichnisse vom Verlorenen (verlorener Cent, verlorenes Schaf, verlorener Sohn) hinzugefügt. Das Stichwort „verloren“ steht hier im 15. Kapitel des Lukasevangeliums (15, 24), und es erinnert an das Gleichnis vom verlorenen Schaf.

In Lukas 15, 4 dient der Hinweis auf das Verlorene der Ausweitung der Aufgabe des Messias in Israel (auf die Religionslosen und Kollaborateure mit den Römern). In Matthäus 15 wird durch diese Formel und deren geschickten Gebrauch die Zuwendung zu den Heiden außerhalb Israels möglich. Damit geschieht weitaus mehr als das, was nach dem 15. Kapitel des Lukasevangeliums als zu rechtfertigen erscheint. Denn nun ist die Messianität Jesu nicht nur für Israel bestimmt.

Durch ihre Argumentation mit den Hunden, die unter dem Tisch auch zu Nahrung kommen, durchbricht die Frau die „Ideologie“ der Beschränkung des Messias auf Israel. Das ist für sie selbst und auch für Jesus und die matthäische Leserschaft so etwas wie die Durchbrechung von Gottes geheiligtem Programm der Auserwählung allein Israels. Es geht daher hier nicht nur darum, dass Jesus sich (gutmütig, wie er ist) von einer Frau austricksen lässt. Die Auserwählung allein Israels ist das geschriebene und ungeschriebene Grunddogma für jedes Geschehen im Horizont der Bibel Alten und Neuen Testaments. Die Frau mit der kranken Tochter leistet durch ihre Argumente Widerstand gegen Jesus und letztlich gegen Gott.

Und Jesus ist so frei, das hier Glauben zu nennen. Wir dagegen hatten es bisher hauptsächlich anders gehört, dass nämlich Glauben darin bestehe, alles, was kommt, demütig und geduldig anzunehmen und jeden Widerstand sein zu lassen. Hätte die Frau im 15. Kapitel des Matthäusevangeliums so passiv reagiert, dann wäre ihr Kind nicht geheilt worden und die Christenheit wäre um eine Erinnerung an eine mutige Frau ärmer. Allerdings ist der Widerstand gegen das, was Gott uns offensichtlich zugedacht hat, gewiss nicht in der Regel der einzige Weg, wie eine verfahrene Geschichte weitergehen kann.

Doch in der Regel sind wir zu brav, zu sehr zum Kopfnicken geneigt und zu schnell im Akzeptieren. Denn gerade dann, wenn es darum geht, dass die Botschaft des Christentums universal wird und alle Menschen erreicht, wo die Universalität des Heils und die Einheit der Menschheit das Ziel ist, dort sind wir kaum zu Widerstand bereit. Die Frau im Matthäusevangelium kämpft für die Universalität des Evangeliums und vollzieht damit genau die Intention Gottes, die wir besonders im abschließenden Missionsbefehl des Auferstandenen nach Mt 28 wiedererkennen.

Jesus nennt das Verhalten der Frau Glaube, gerade weil sie ihn als Davidssohn anerkennt. Denn sie ruft: „Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids!“

Räumliche und zeitliche Distanzen überwinden

Angesichts des auch damals schon verbreiteten Antijudaismus schluckt sie die Kröte, dass dieser Retter Jude ist. Sie kann sich daher nicht auf den „billigen“ „nationalen“ Weg der Zugehörigkeit zum gleichen Stamm einlassen. Und üblich ist es, über die „abergläubischen“ Juden zumindest zu lachen, wenn nicht gar sie zu verachten. Ausgerechnet dieser jüdische „Wunderdoktor“ also soll helfen.

Schließlich ist die zu heilende Tochter gar nicht mitgekommen, sie ist zu Haus geblieben, und die Frau erwartet zumindest so etwas wie eine Fernheilung über eine unbekannte Distanz hinweg. Gerade bei Heilungen von Heiden ist das öfter der Fall (Joh 4, 46–54). Jesus muss auf diese Weise nicht Heiden berühren oder ein heidnisches Haus betreten. Für die Leser des Matthäusevangelium wird die Überwindung der räumlichen Distanz zum Bild für die Überwindung jeder möglichen Distanz zu Jesus, auch der zeitlichen.

Dass schließlich die Tochter der Frau nicht nur heidnisch, sondern auch von Dämonen besessen ist, bedeutet eine geradezu unglaubliche Steigerung ihrer Unreinheit und „Unberührbarkeit“. Dass gerade bei Frauen die Unreinheit in ähnlicher Weise potenziert erscheint, gehört öfter zu den Ausgangserfahrungen am Beginn einer Wundergeschichte. Maria Magdalena hat sieben Dämonen (Mk 16, 9), die junge Frau in der Apostelgeschichte 16, 16–23 hat einen Wahrsagegeist. Die potenziell-latente weibliche Unreinheit wird daher durch die Besessenheit gesteigert. Der Sozialgeschichtler wird darin den Zusammenhang von inferiorer sozialer Stellung und Krankheit erkennen. Auch die Pseudo-Prophetin in der Geheimen Offenbarung, Jezabel genannt, hat wohl kaum Geringeres als den Teufel in sich. Jedenfalls ist sie wohl die ärgste Konkurrentin des Sehers Johannes.

Mit dem Sohn Davids wird an König Salomo, den historischen Sohn Davids erinnert, der mit dem Besitz von zahlreichen heidnischen Frauen auch den Besitz von Vollmacht über die Geister verband. Die jüdisch-hellenistische Schrift „Testament des Salomo“ (Hrsg. und Übers. P. Busch) schildert seine Herrschaft über diverse Dämonen, mit deren Hilfe er demnächst den neuen Tempel bauen wird. Und die bis dahin am Grunde des Roten Meeres geparkt werden. Das alles konnte ein damals lebender Jude aussoziieren, wenn Jesus angerufen wurde als Sohn Davids. Denn schon zur Zeit des Neuen Testaments war klar: Salomo war die jüdische Autorität in Sachen Beherrschung der bösen Geister. Und der Messias ben David konnte kaum geringere Vollmacht besitzen. Jesu Vollmacht über die bösen Geister war daher ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Indiz für seine Messianität.