Die Sonntagslesung: Ein neues Jahr für den Herrn

Zu den Lesungen des Oktavtags von Weihnachten (Lesejahr A). Von Martin Grichting

Num 6, 22–27; Gal 4, 4–7; Lk 2, 16–21

Der 1. Januar hat in der Liturgie der Kirche verschiedene Sinngebungen. Liturgisch betrachtet ist dieser Tag der 8. Tag nach Weihnachten. Maria und Joseph, zwei Menschen aus dem Volk Israel, haben gemäß den Gesetzen und Gebräuchen ihres Volkes gelebt. Und so wurde Jesus am achten Tag nach seiner Geburt beschnitten. An diesem achten Tag erhielt Jesus auch seinen Namen, wie es im heutigen Evangelium heißt (Lukas 2, 21). Diese beiden äußeren Zeichen wollten damals besagen: Ein Mensch gehört nun wirklich zum Volk Israel. Er ist rechtsgültig in die Gemeinschaft des Volkes aufgenommen. Er untersteht der Verheißung, die Gott dem Volk Israel gegeben hat, aber er ist jetzt auch dem Gesetz des Mose unterworfen.

So betrachtet ist der achte Tag nach Weihnachten eine Bekräftigung dessen, was an Weihnachten selbst geschehen ist: Gott wird einer von uns. Er ist der Immanuel. Jesus Christus, Gott von Ewigkeit, wird Mensch und beginnt als Mensch seinen Weg unter den Menschen. Und heute wird er sozusagen in die menschliche Gemeinschaft eingebürgert. Er nimmt das Los der Menschen an, um dieses Los mit uns zu teilen. Und so teilen wir es dann umgekehrt auch mit ihm. Und so ist schon unser irdisches Leben, wenn es im Geist Christi durchlebt wird, Gemeinschaft mit Gott. Die zweite Lesung verdeutlicht dies. Denn Paulus betont im Galaterbrief, dass wir durch die Menschwerdung des Gottessohnes selber zu Söhnen Gottes werden. Nicht mehr Sklaven sind wir, sondern Söhne, berufen, das Erbe der unvergänglichen Gemeinschaft mit Gott zu erlangen (Gal 4, 4–7).

Weltlich betrachtet ist heute zugleich Neujahr. Die Kirche weiß aufgrund ihrer 2 000-jährigen Geschichte, dass der Übergang von einem bürgerlichen Jahr zum nächsten etwas Willkürliches hat und die Dinge nicht wirklich schlagartig ändert. Zudem hat die Kirche ihr neues Jahr ja schon am ersten Adventssonntag begonnen. Dennoch will sie der bürgerlichen Gesellschaft ihre Reverenz erweisen. So ist liturgisch gesehen das bürgerliche Neujahr die zweite Sinngebung des heutigen Tages. Darauf weist die erste Lesung aus dem alttestamentlichen Buch Numeri hin. Sie enthält den Segen, den Aaron über die Israeliten sprechen soll. Dieser Segen soll am Anfang des bürgerlichen Jahres wieder neu auf uns gelegt werden, damit dieses Jahr ein Jahr des Segens werde: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil“ (Num 6, 24-26).

In der Kirche gab und gibt es die Gewohnheit, bei Urkunden und wichtigen Dokumenten vor die Jahreszahl ein grosses A und ein großes D zu schreiben. „AD“ bedeutet Anno Domini, im Jahr des Herrn. Und das heißt: Jedes Jahr ist ein Jahr des Herrn. Es steht unter dem Blick Gottes auf diese Welt. Das relativiert die Bedeutung des Übergangs von einem Jahr zum anderen. Das neue Jahr steht unter dem Segen Gottes, so wie es das alte Jahr getan hat. In diesem Vertrauen sollen wir das neue Jahr in Angriff nehmen, auch wenn uns äußere Umstände schrecken und die Unsicherheit der zukünftigen Entwicklung Angst machen kann. Nehmen wir das neue Jahr an als eine neue Gelegenheit, Söhne und Töchter Gottes zu sein. Auch wenn wir die Zukunft nur wenig beeinflussen können in diesem neuen Jahr, so können wir in diesem Jahr doch unsere ewige Zukunft beeinflussen: Je mehr wir die Gemeinschaft mit Gott festigen durch unser Glauben und unser Leben aus dem Glauben, umso mehr wird es sich vollenden können in Gottes Ewigkeit.

Die Kirche erweist der bürgerlichen Gesellschaft, den Staaten und Völkern auf der ganzen Erde, am 1. Januar noch in einer anderen Form Reverenz. Denn sie begeht diesen Tag auch als „Weltfriedenstag“. Auch für den 1. Januar 2017 hat der Papst eine Botschaft verfasst. Es ist das fünfzigste Mal, dass ein Papst eine solche Botschaft an die Welt richtet. Papst Franziskus erinnert darin an seinen Vorgänger, Paul VI., der in der ersten Botschaft im Jahr 1968 schrieb: „Es hat sich endlich ganz klar herausgestellt, dass der Friede der einzig wahre Weg menschlichen Fortschritts ist (nicht die Spannungen ehrgeiziger Nationalismen, nicht die gewaltsamen Eroberungen, nicht die Unterdrückungen, die eine falsche zivile Ordnung herbeiführen)“. Wenn man an die Entwicklungen der letzten 50 Jahre denkt, allein daran, was letztes Jahr auf der Welt geschehen ist, dann versteht man, dass diese Worte ihre Gültigkeit behalten haben.

Zu Gewaltfreiheit ruft denn auch Franziskus auf in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag: „Möge unsere Art, in zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen und internationalen Beziehungen miteinander umzugehen, von Liebe und Gewaltfreiheit geleitet sein. Wenn die Opfer von Gewalt der Versuchung der Rache zu widerstehen wissen, können sie die glaubhaftesten Leitfiguren in gewaltfreien Aufbauprozessen des Friedens sein. Möge die Gewaltfreiheit von der Ebene des lokalen Alltags bis zur Ebene der Weltordnung der kennzeichnende Stil unserer Entscheidungen, unserer Beziehungen, unseres Handelns und der Politik in allen ihren Formen sein.“

Der Papst erinnert daran, dass Jesus Christus bis zum Kreuz stets den Weg der Gewaltfreiheit gegangen ist. Und er folgert für uns daraus: „Wahre Jünger Jesu zu sein bedeutet heute, auch seinem Vorschlag der Gewaltfreiheit nachzukommen“. Und Papst Benedikt XVI. zitierend erklärt er, dass „Gewaltlosigkeit für die Christen nicht ein rein taktisches Verhalten darstellt, sondern eine Wesensart der Person und die Haltung dessen, der so sehr von der Liebe Gottes und deren Macht überzeugt ist, dass er keine Angst davor hat, dem Bösen nur mit den Waffen der Liebe und der Wahrheit entgegenzutreten“.

Wenn uns auch oft die Möglichkeit fehlt, konkret etwas für die Vermeidung oder Beendigung von Kriegen zu tun, so sind wir dennoch auch aufgerufen, in unserem Nahbereich für den Frieden zu wirken. Daran erinnert der Papst, wenn er in seiner Botschaft betont, dass die häusliche Atmosphäre eine Wurzel für eine gewaltfreie Politik ist. Denn die Wurzel, der die Gewalt entspringe, sei das menschliche Herz. Und so gelte es, „den Weg der Gewaltfreiheit an erster Stelle innerhalb der Familie zu gehen“.

Zuletzt erinnert Papst Franziskus an die selige Jungfrau Maria, die ja als die Königin des Friedens angerufen wird. Damit kommen wir zur letzten Sinngebung des 1. Januar. Denn wiederum ganz liturgisch beziehungsweise theologisch betrachtet, ist dieser Tag ein Marienfest: Der achte Tag nach Weihnachten ist eigentlich und nicht zuletzt ein Muttergottesfest. Maria hat das Jesuskind geboren. Deshalb ist heute ihr Fest. Maria ist es gewesen, die alles in ihrem Herzen bewahrte, wie es im heutigen Evangelium von ihr heißt (Lukas 2, 19). Und das bedeutet: Sie ist den Weg Jesu durch diese Welt von Anfang an innerlich mitgegangen. Sie ist die erste Begleiterin Jesu; und Jesus ist damit Mariens erster Begleiter. Maria ist Jesu Mutter und Weggefährtin, aber damit auch die Mutter aller, die mit Jesus gehen. Darum hat das Zweite Vatikanische Konzil vor gut 50 Jahren Maria die „Mutter der Kirche“ genannt. In ihrer Weggemeinschaft, in der Gemeinschaft der Heiligen, wollen wir dieses neue Jahr aus der Zuversicht des Glaubens in Angriff nehmen als ein neues Jahr des Herrn.