Die Sonntagslesung: Die Götzen sind tot, Gott lebt

Zu den Lesungen des dritten Sonntags der Osterzeit (Lesejahr A). Von Klaus Berger

Apostelgeschichte 2, 14b.22b–33 1 Petrus 1, 17–21 Lukas 24, 13–35

Der erste Petrusbrief ist eigentlich eine Rede an Neugetaufte. Deshalb steht diese Lesung im Kirchenjahr an diesem Sonntag. Denn in der Osternacht wurden Christen getauft, und bis zum Weißen Sonntag trugen sie die weißen, hellen, sauberen neuen Kleider, die sie nach der Taufe angezogen hatten, die sogenannten Taufkleider. Drei Wochen später, werden sie nochmals erinnert an das Neue, das mit ihnen in der Osternacht geschehen ist. Und dabei spielt auch die Auferstehung Jesu eine gewichtige Rolle.

Die zentrale Aussage des Textes aus 1 Petrus 1 ist: Freigekauft wurden wir durch das kostbare Blut des reinen, makellosen Lammes. Im Rahmen apokalyptischer Zoologie steht das Bild „Lamm“ für die weiße Farbe der Unschuld. Besonders die ganz alten Apsismosaiken der frühchristlichen Kirchen stellen gerne das Lamm dar.

Jesus, das Lamm, ist der makellos Gerechte. Daher ist die stellvertretende Wirkung seines Todes umfassend. Schon in 1, 2 hieß es: „Jesus Christus habt ihr als eurem Herrn gehorcht, seid mit seinem Blut besprengt und dadurch rein geworden.“ Ist dabei an die Taufe gedacht? Die wird auch in 3, 21 erwähnt, aber nicht zusammen mit Jesu Blut, sondern mit seiner Auferstehung. Wie kommt das zusammen?

Das Wasser der Taufe ersetzt symbolisch das vergossene Blut Jesu Christi. Eine gleichartige Ersetzung kennen wir vom letzten Mahl Jesu, also von der Eucharistie her: In der Eucharistiefeier wird das Blut Christi „ersetzt“ durch den Wein. In gewisser Hinsicht kann man daher Taufe und eucharistisches Mahl vergleichen. Denn bei beiden Gelegenheiten fließt nicht das physische, am Kreuz vergossene Blut. Es wird bei beiden Gelegenheiten durch eine andere Flüssigkeit ersetzt; und diese beiden Flüssigkeiten, Wasser und Wein, sind auch im menschlichen Alltagsleben oft miteinander verbunden: Bei einem festlichen Mahl wird bis heute ein Glas für Wasser neben das (edlere) Glas für den Wein gestellt. Durch das Wort der Sakramentspendung wird diese Flüssigkeit ein Teil des Sakraments, und zwar beide Male zur Sündenvergebung, denn Flüssigkeit „wäscht“ in jedem Fall: Die Taufe mit Wasser ist das Bad der Wiedergeburt, alle Verstrickung in die alte Korrumpiertheit (Erbsünde) wird abgewaschen. Und der Kelch des Heils mit Wein dient „zur Vergebung der Sünden“. Im ersten Petrusbrief ist – wie in der Apokalypse – das Taufwasser die Darstellung des Blutes Christi und hat auch dessen Wirkung: Vergebung der Sünden. Dass sie bei der Eucharistie „wiederholt“ wird, hat seinen guten Sinn für die seit der Taufe verschuldeten Sünden.

Hinter dem Gedanken der Sündenvergebung durch Christi Blut, hier also dargestellt in der Wassertaufe, steht folgendes theologisches Konzept: Die Besprengung mit Blut ist im Alten Testament die Voraussetzung zur Aufnahme in den Bund Gottes mit den Menschen (Exodus 24, 8). Nach Matthäus 26, 28 ist Jesu Blut vergossen zur Vergebung der Sünden, und das bedeutet die Möglichkeit, in den neuen Bund aufgenommen zu werden. 1 Petrus 1, 2 sagt daher dasselbe wie 1, 19. Die Besprengung mit Jesu Blut (per Wasser) bedeutet daher: Reinheit und Herstellung der Kultfähigkeit – das war gerade der Sinn des Bundesschlusses in Exodus 24, 8. Wenn das Blut Jesu (dargestellt per Wasser) an uns haftet, bedeutet das einen Eigentumswechsel. Deshalb ist in 1, 2 die Rede vom Gehorsam gegen den Herrn und in 1, 17 vom Freikaufen. Auch Paulus kennt den Gedanken: Weil der Herr für mich gestorben ist, gehöre ich fortan ihm. Im Sinne des 1 Petrus formuliert: Weil Blut Leben und striktes Eigentum Gottes ist, bedeutet es, Gott zu gehören, wenn das Blut seines Sohnes auf oder an uns ist. Weil wir mit dem Blut Christi erkauft sind, ist er unser Herr. Denn wir gehören dem, der uns mit seinem Blut freigekauft hat. Freigekauft aus der Herrschaft der Sündenmacht. Wie sieht der Akt aus, in dem das vermittelt wird? Das schlichte Glauben reicht nicht oder nur im Fall der Begierdetaufe. Der Eintritt in den Bund der Gemeinde bedarf im Regelfall nicht nur eines innerlich bleibenden Aktes der „Überzeugung“, sondern auch der äußeren Form. Eben das ist ein Sakrament. Zur Beruhigung der Zweifel und im Grunde dazu, dass man sich daran festhalten und orientieren kann, gehören Glaube, Wort und äußeres Zeichen bei jedem Sakrament zusammen. Bei der Taufe, sagen die Theologen, wird der Glaube stellvertretend durch die Eltern und Paten bezeugt.

Was ist davon heute aktuell? Das Wichtigste: dass Jesus auferstanden ist. Durch seine Fürsprache beim himmlischen Vater erwirkt Jesus, dass sein Tod weiterhin allen denen zugute kommen kann, die zu ihm gehören. Sodann: Stellvertretung, hier die Stellvertretung, die Jesus selbst im Angesicht des Vaters für uns leistet, ist das Lebensgesetz der Kirche. Wir stehen deshalb im Windschatten Jesu. Er ist unser Patron. Allein könnten wir vor der Heiligkeit Gottes nicht bestehen. Gott liebt uns um Jesu willen. Eine der alten Präfationen (Nr. 923 im Corpus Praefationum) preist die Erlösung: „Keine Verdienste guter Werke hätten uns empfehlen können. Doch er hat mit unvergleichlichem Kaufpreis uns gratis erlöst. Er wurde für uns von dir (Gott) her Geschenk und Preis des Freikaufs. Unter die Sünde verkauft, obwohl er keine Sünde getan, hat er die Sünder aller Sünde entrissen, äußerlich wie ein Sünder behandelt.“ Christsein, für Petrus die Bekehrung vom Heidentum zum Christentum, lässt die Welt nicht einfacher werden. Denn das Leben ist reich an Kontrasten geworden: Die Kontraste des Textes aus dem ersten Petrusbrief sind:

Der Gegensatz von Vater und Richter, von Anrufen des Vaters und Furcht, von Silber und Gold und Blut, von „vor der Weltschöpfung“ und „jetzt“, von Toten und Auferwecken. Schließlich steht das „Anrufen des Vaters“ in Vers 17 dem „von den Vätern her überlieferten Wandel“ in Vers 18 gegenüber. In Kapitel 2 wird sich das Aufreihen von Gegensätzen fortsetzen: Das Nicht-Volk ist jetzt Volk geworden. – Vieles aus der Geschichte der ältesten Mission erkennen wir damit hier wieder. So die Vater-Anrede (als Ersatz für „Zeus, Vater!“), die Voranstellung des Gerichtsgedankens, wie in den Heidenpredigten der Apostelgeschichte (Apg 17, 31; 10, 42) und die letztlich in der jüdischen Variante der sibyllinischen Verkündigung wurzelt: das Gericht trifft den, der den wichtigsten und höchsten Gott noch nicht verehrt beziehungsweise übersehen hat. Dazu gehört auch der Topos der Fremdlingschaft nach V. 17: „wie Fremdlinge im Exil“. Diese Fremdlingschaft ist ein durchgehendes Motiv des ersten Petrusbriefes. Daher hat man sein Verständnis von Kirche genannt „Home for the homeless“, Heimat für die Heimatlosen. Der sozialgeschichtliche Hintergrund ist bekannt: Wer Jude oder Christ wurde, erlebte eine tiefgreifende Entfremdung gegenüber seiner Familie und Heimat. Denn Jude oder Christ zu werden bedeutete so viel, wie wenn bei uns jemand sich der Krischna-Bewegung anschließt und fremd gewandet, kahlgeschoren durch die Städte läuft. Auch der Hebräerberief kennt dieses Motiv (Kapitel 11). Der erste Petrusbrief schärft seiner Gemeinde ein, diesen Status anzunehmen und sich zu der Femdlingschaft zu bekennen. Denn wer fremd bleibt, ist nicht so leicht zu verderben.

Im übrigen zeigt der erste Petrusbrief, dass für ihn gerade diese Lebendigkeit wichtig ist, in 1, 23 und 2, 4.5 („lebendige Steine“). Hier in unserem Abschnitt ist das der entscheidende Punkt in 1, 18, Silber und Gold im Unterschied zum Blut, denn Blut ist Leben. Der Ursprung dieser Rede ist übrigens die Polemik des Judentums gegen heidnische Götzen. Denn sie waren stumm und ohnmächtig, aus Metall, Stein oder Holz, der unsichtbare Gott Israels war lebendig und beweglich, er konnte sprechen und in der Geschichte handeln.

Der erste Petrusbrief wendet diesen Punkt nun auf Jesus an und verändert ihn damit. Die alte Opposition „Leben“ gegen „Edelmetall“ gilt jetzt für den Tod Jesu und seine Erlösungskraft. Doch wie zuvor in der jüdischen Götzenpolemik wird das Heidentum die negative Kulisse, so schon in 1, 14 („...dass ihr nicht in die Haltlosigkeit von damals, als ihr noch Heiden wart, zurückfallt“) und 1, 18b („Ihr wurdet nicht mit vergänglichen Schätzen aus Gold und Silber, wie das bei Götzen üblich ist, aus eurem angestammten dumpfen Heidentum freigekauft“). Denn der Erste Petrusbrief richtet sich offensichtlich ganz und gar an Heidenchristen.

So ist diese ganze Lesung eine Predigt darüber, dass Gott der Lebendige ist. Denn Gott richtet und rettet, er erweckt von den Toten und schenkt Herrlichkeit, sein Handeln spielt sich ab zwischen Vorhersehen und Offenbar machen. Daher kann man an ihn glauben und auf ihn hoffen. Die Götzen dagegen sind tot wie eh und je. Bei ihnen gibt es nur Besitzen oder Nicht-Besitzen. Und im Haben oder Nicht-Haben gibt es immer nur eines: Scheitern. Der Gott, der Tote auferweckt, ist das genaue Gegenteil von totem Besitz, von Macht, die nicht helfen kann, sondern einen am Ende hoffnungslos zurücklässt.