Die Sonntagslesung: Christus, der treue Mittler

Zu den Lesungen des 25. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C). Von Klaus Berger

Am 8, 4–7, 1 Tim 2, 1–8. Lk 16, 10–13

Das Herzstück des Textes ist die Aussage über die Mittlerschaft Jesu Christi: „Denn es gibt nur einen Gott und nur einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, den Menschen Jesus Christus. Er hat sein ganzes Leben für alle Menschen eingesetzt, um ihre Sündenschuld durch seine Gerechtheit aufzuheben. So bezeugen wir es durch unseren Glauben.“

Gerade Aussagen dieser Art bereiten vielen im Augenblick Kopfzerbrechen. Typisch dafür ist ein Streit, der auch bei Katholiken schwelt: Ein „liberaler“ Pastor erklärt: „Der Tod Jesu war nicht notwendig, damit Gott sich mit uns versöhnte“, ein anderer hat mir neulich erklärt: „Für mich hätte Jesus nicht sterben müssen“. Ich habe zurückgefragt: Sie meinen das wohl, weil es mit Ihrer Sünde nicht so schlimm war. Denn vielen wird erst durch Jesu Tod erkennbar, was wir so im Laufe der Jahre bei anderen und bei uns anrichten, und für den, der das Kreuz weglässt oder wegnimmt, sieht manchmal alles gleich wesentlich friedlicher aus. Doch streng dogmatische Theologen antworten dann: „Nein, Jesu Tod war notwendig, Gott konnte nur so unsere Schuld aufheben. Der Sohn musste es büßen.“ Aber: Konnte Gott nicht anders? Wäre einfaches Verzeihen ihm, dem allmächtigen Schöpfer nicht möglich gewesen? Und wer will das schon sagen, was Gott „konnte“ oder nicht konnte oder tun musste, ohne dass es einen anderen Weg gab oder hätte geben können. Das Resultat war dann entweder ein Rachegott, der auf Bezahlung der Schuld bestanden hätte – oder ein Gott, dem unsere Schuld letztlich egal war, so dass der Tod Jesu eher ein ungewollter Betriebsunfall war, das peinliche „Ende einer Dienstreise“.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma findet sich im Apokalypsekommentar des 1202 gestorbenen Zisterzienserabtes Joachim von Fiore. Der große Vorteil dieses Ausweges besteht darin, dass er etwas mit dem christlichen Leben zu tun hat, und zwar mit der Taufe. Und nicht mit der doch sehr abstrakten Diskussion über das, was Gott konnte oder musste, denn das alles sind doch nicht gerade untypische Spekulationen deutscher Theologen, stark abgehoben.

Das neue Kleid drückt eine gemeinsame Qualität aus

Abt Joachim dagegen findet einen konkreten Ort, an dem das alles wichtig ist, nämlich die Taufe. Wie Paulus sagt, ziehen wir in der Taufe Christus an, und zwar alle in gleicher und uns mit Christus und miteinander ähnlich machender Weise. Das kommt in der Symbolik des Taufkleides zum Ausdruck. Denn Kleider machen Leute, und das makellose Weiß des Taufkleides steht für die Gerechtheit, die wir durch die Taufe empfangen haben, Befreiung von Erbschuld, von Sünde und dem Zwang, sündigen zu müssen. Das weiße Kleid bringt unsere neue gemeinsame Qualität zum Ausdruck. Da Paulus sagt „Christus anziehen“, gilt, dass wir nicht jeder einzeln für sich uns gerecht machen müssen, sondern dass alle miteinander den einen gemeinsamen Mittler haben, der uns das Gerechtsein schenkt, und zwar nicht per Ansteckung, sondern, wie Joachim sagt: Er selbst „ist“ unsere Gerechtigkeit, denn wir ziehen ihn selbst an, er ist unser gemeinsames Taufkleid in Person. Aber wie ist nun der Zusammenhang mit dem Tod Jesu? Der Christus, den wir in der Taufe anziehen, ist der Auferstandene. Als Sieger über den Tod hat er die Kraft, als Einziger uns alle weiß einzukleiden mit sich selbst. Er ist der neue und „gemeinschaftliche“ Mensch, wie es in einer Handschrift zum Epheserbrief 2, 15 heißt: koinos anthropos, der gemeinschaftliche Mensch, der neue Mensch. Und er ist unsere gemeinsame neue und strahlende Gerechtheit.

Der Taufritus aber ist seinem wirklichen Gehalt nach ein Untertauch-Ritus, daher, wie Luther es nennt, das Ersäufen des Alten Adam. Und selbst dann, wenn man das Wasser der Taufe nicht als Ersäufen sehen mag, sondern wenn man die Reinigung betont, so ist es doch ein Abschiedsritus: Abwaschen des Schmutzes, der Schuld, der Sünde oder Begrabenwerden des Alten Adam in dem Wasserfluten. Noch nicht einmal unser alter Name bleibt erhalten, das wurde in der anfangs praktizierten Erwachsenentaufe deutlich gemacht: Denn Taufe bedeutet neues Sein und das hat einen neuen Namen verdient, eben den Taufnamen.

Doch diesen Abschied vom alten Schmutz, von der alten Sterblichkeit, müssen wir gleichfalls nicht allein zustande bringen, sondern es geht um ein Mitsterben mit Christus, wie Paulus es im sechsten Kapitel des Römerbriefs sagt, oder nach 1 Timotheus 2 gilt: Der Mittler steht uns dabei zur Seite. Von ihm an die Hand genommen, kommen wir durch das Ersäufnis hindurch. Weil der alte Dreck entfernt ist, können wir eine neue Qualität bekommen, eben das Weiß des Taufkleides. Es geht schon, wie die alte Kirche sagt, um einen Tausch nach dem Motto: Tausche altes Dreckskostüm gegen schönen Anzug.

Und das alles geht nicht theoretisch, sondern der Leib wird dabei berührt, und das heißt: Wie bei allen Sakramenten ist der sichtbare leibliche Vollzug ein Hinweis darauf, dass das Neue uns im Ganzen betrifft. Zugespitzt auf den Sinn des Todes Jesu bedeutet das nach dem Abt Joachim: In der Taufe sterben wir nicht allein, sondern „auf den Namen Jesu“ hin. Das heißt: Ihm, zu ihm gehören wir, und wir beginnen einen Weg mit ihm. Daher redet Paulus im Römerbrief 6 auch vom Mit-Sterben. Jesus nimmt uns an der Hand und lässt uns nicht los, er wird uns nie loslassen, sondern teilhaben lassen an seinem neuen Leben, das in der Taufe beginnt und das sich in der Auferstehung der Toten dann ganz durchgesetzt haben wird. Aufschlussreich war für mich in den letzten Jahren, dass gerade in den mittelalterlichen Apokalypse-Kommentaren die Kirche als Leib Christi immer wieder eine große Rolle spielt, Einfluss des paulinischen Denkens.

Ganzhingabe meint mehr als das Geschehen am Karfreitag

Hilfreich an dem Konzept von Abt Joachim ist: Die Frage nach Gottes Können oder Müssen stellt sich nicht. Es entfällt auch die Schwierigkeit, die manche mit dem Blutvergießen Jesu haben. Die Frage, wie der Tod Jesu auf uns „angewendet“ wird, entfällt durch den Gedanken des Mit-Sterbens. Denn in 1 Timotheus 2, 6 hat das „für viele“ eine ganz umfassende Bedeutung. In 1 Timotheus 2 steht deshalb der Mittler im Vordergrund, weil er Tod, Auferstehung und Zukunft als eine gemeinsame Klammer umschließt. Denn das heißt: Gott gelangt so zu uns, baut so die entscheidende Brücke zu uns, indem das gesamte Versöhnungsgeschehen durch den Mittler Jesus Christus vollzogen wird. Dieser Mittler ist für uns da, und durch sein Geschick wird alles, was erlöst werden musste an uns, gelöst.

Die radikale Pro-Existenz des Mittlers für uns ist daher nicht auf den Tod beschränkt. Daher habe ich auch das griechische „der sich gegeben hat“ bei der Übersetzung aus der üblichen Beschränkung auf den Tod Jesu gelöst: „Er hat sein ganzes Leben eingesetzt“, denn nichts berechtigt dazu, die Mittlerschaft Jesu auf die wenigen Stunden des Karfreitags einzugrenzen. „Für uns“ ist Jesus da, indem er uns sein ganzes menschliches Leben schenkt und uns durch all das, was er gehorsam tut, besonders aber durch seinen Tod im Durchstehen der Sendung, den Weg zu Gott öffnet. Durch diese treue Mittlerschaft ist Jesus überhaupt in der Lage, alle Menschen loszukaufen. Abt Joachim nennt das Jesu „Gerechtigkeit“, sein Gerechtsein, das er uns schenken kann.

Weder Römer 6 noch 1 Timotheus 2 bleiben bei Jesu Tod stehen. Daher kommt die Frage nach dem grausamen Gott gar nicht auf, die so viele Verächter des Kreuzes in der Gegenwart plagt. Denn der Mittler hebt das Verhängnis des Alten auf. Die Taufe aber ist der Beginn eines gemeinsamen Weges, in dem weder der Mittler allein ist, noch die Erlösten erst künstlich irgendeinen Weg zum Mittler finden müssen. Denn wir unterstellen uns dem Namen Jesu und halten uns an eine Hand. Der Tod Jesu ist als Verabschiedung des Alten zugleich der Beginn des Neuen. Gerade so wird die Mittlerschaft Jesu nach vollbrachtem Sterben nicht überflüssig, sondern bleibt bestehen bis zu jenem Punkt Omega, den die Apokalypsen beschreiben.