„Die Situation hat sich gebessert“

Wie steht es um die ökumenischen Beziehungen zwischen katholischer und russisch-orthodoxer Kirche? Ein Gespräch mit Alexander Krylov. Von Regina Einig

Ein Jahr nach dem Treffen des Heiligen Vaters mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill auf Kuba wachsen die Erwartungen. Sogar einen Papstbesuch in Moskau halten manche Beobachter für möglich. Wie steht es um die Beziehungen zwischen katholischer und russisch-orthodoxer Kirche? Darüber sprach Regina Einig mit Professor Alexander Krylov. Er ist römisch-katholischer Priester im Erzbistum Köln, deutscher Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler sowie ehemaliger Leiter des West-Ost-Instituts in Berlin und arbeitet in den Bereichen Identitätsforschung, Kommunikationsforschung und sozialer Wandel.

Herr Professor, der katholische Erzbischof für Westrussland, Paolo Pezzi, hat die ökumenischen Beziehungen in Russland gelobt. Können Sie bestätigen, dass es in dieser Hinsicht Fortschritte gibt?

Ja, auf der hierarchischen und politischen Ebene gibt es Fortschritte. Die Spannungen wurden reduziert. Man muss aber bedenken, dass die russisch-orthodoxe Kirche Russland als eigenen kanonischen Raum versteht und äußerste Distanz wahrt zu anderen Konfessionen, gerade, wenn es um die Glaubenspraxis in Russland geht. Viele Aktivitäten, die den Rahmen der Gottesdienste überschreiten, wurden von der russisch-orthodoxen Kirche oft als Proselytismus verstanden. Das hat das Leben der Katholiken in Russland nicht einfacher gemacht. Doch in letzter Zeit hat sich die Situation gebessert.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Die Katholiken trauen sich wieder, die Rückgabe der nach der Oktoberrevolution enteigneten katholischen Kirchen in Moskau und anderen Städten zu fordern. Bisher war die katholische Kirche benachteiligt. Der russische Staat gibt nach dem entsprechenden Gesetz zwar die enteigneten Gotteshäuser zurück, doch in erster Linie an die orthodoxe Kirche. Die katholische Kirche hatte es bisher schwerer. Viele Fragen sind noch offen.

Ausdrücklich erinnert Erzbischof Pezzi an die Begegnung des Papstes und des Patriarchen Kyrill auf Kuba, die den Wunsch nach gegenseitigem Kennenlernen gefördert habe. Welche Erfahrungen machen Sie seitdem?

Die Kontakte zwischen den Kirchen sind intensiver geworden. Im Patriarchat wurde nach dem Treffen mit dem Papst angeregt, die Katholiken besser kennenzulernen. Zwei Beispiele: Im Herbst 2016 fand in Moskau unter Beteiligung vieler Katholiken eine Konferenz über christliche Werte statt. Dort haben Vertreter der Kirche, Wissenschaftler und Politiker zusammen diskutiert. Und dann haben fünfzig Seminaristen aus dem Erzbistum Köln im letzten Jahr in Moskau die orthodoxe Kirche kennengelernt und wurden ganz herzlich von Metropolit Hilarion, der orthodoxen Gemeinde und den Priesterseminaren empfangen. Es hat im Patriarchat auch Überlegungen gegeben, die Erfahrung des Weltjugendtages besser kennenzulernen und dann zu schauen, ob etwas Ähnliches in der russisch-orthodoxen Kirche möglich wäre.

Welche theologischen Fragen stehen denn im katholisch-orthodoxen Dialog derzeit im Vordergrund?

Es geht hier nicht um theologische Fragen. Auch in der gemeinsamen Erklärung von Papst und Patriarch ging es nicht um theologische Fragen, sondern um verfolgte Christen, die Situation der Familien und christliche Werte.

Also konzentriert sich derzeit viel auf die sogenannte Ökumene der Märtyrer?

Ja, das kann man so sagen. Die orthodoxe Kirche sieht sich als einzig wahre Kirche und jede interkonfessionelle theologische Diskussion kann von den einflussreichen konservativen Gruppen als Zweifel oder sogar als Verrat am eigenen Glauben verstanden werden. Selbstverständlich gibt es im akademischen Milieu theologische Diskussionen. Die orthodoxen Theologen nehmen auch wahr, womit sich katholische Theologen befassen. Das sind aber nicht die Themen, die an der Basis diskutiert werden. Zu den traditionellen theologischen Fragen gehören der Primat des Papstes, die Dogmen, die nach dem Ersten Vatikanischen Konzil veröffentlicht wurden und die deutliche Kritik am Umgang der Katholiken mit der römischen Liturgie.

Gibt es auch bei den Orthodoxen eine liturgische Debatte wie in der katholischen Kirche seit dem Zweiten Vatikanum?

Nein, eine offizielle Debatte gibt es nicht. Als der Moskauer Patriarch vor fünf Jahren die liturgische Sprache ein bisschen anpassen wollte und alte slawische Wörter durch andere, verständlichere slawische Begriffe ersetzen wollte, gab es massive Proteste der Gläubigen. Sie haben sprachliche Änderungen der liturgischen Texte strikt abgelehnt. Das Volk ist meistens konservativer als die Kirchenleitung.

Und die Kirchenleitung respektiert den Volkswillen?

Der Patriarch ist im Unterschied zum Papst nicht unfehlbar, sondern nur der leitende Bischof. Allerdings melden sich in der orthodoxen Kirche immer mehr Stimmen, die befürchten, dass der Patriarch immer mehr die Rolle eines Papstes von Russland annimmt, immer mehr selbst entscheidet und irgendwie auch Heiligkeit für sich in Anspruch nimmt. Einige Mitglieder des Bischofskollegiums und die Theologen erwarten von ihm mehr Kollegialität.

Wie schätzen Sie den internen Spielraum der russisch-orthodoxen Kirche ein?

Die Leitung der russisch-orthodoxen Kirche hat es bezüglich der katholischen Kirche nicht leicht. Einige Orthodoxe reagieren kritisch darauf, dass die katholische Kirche eine eigene Zeitung und Internetportale hat und über Radio Maria Programme sendet. Manche katholischen Priester beklagen die mangelnde Offenheit für die Ökumene in privaten Gesprächen, allerdings tun sie das nicht öffentlich. Aber innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche wird das Moskauer Patriarchat dafür kritisiert, dass es den Katholiken zu sehr entgegenkommt.

Teilen Sie die Auffassung Erzbischof Pezzis, dass ein Russland-Besuch des Papstes nach Kuba kein Problem mehr sei?

Das Treffen zwischen dem Papst und dem Patriarch auf Kuba war eine Überraschung. Und in dem Sinne kann man weitere Überraschungen nicht ausschließen. Aber realistisch gesehen sind die Aussichten gering. Papst und Patriarch haben sich 2016 nicht in Russland oder im Vatikan, sondern auf dem Flughafen auf Kuba getroffen. Und dennoch hat der Patriarch massive Kritik geerntet und wurde als Verräter des Glaubens und der orthodoxen Kirche bezeichnet. Warum sollte er die Kirchenführung und die starken konservativen Kreise in Russland provozieren? Das wäre ein großes Risiko für ihn. Und zu wem sollte der Papst nach Moskau kommen? Es gibt nur wenige Katholiken, in Moskau unter zwölf Millionen Einwohnern sind es circa vierzigtausend, in ganz Russland drei- bis vierhunderttausend. Aber Gott ist immer größer und ich würde mich freuen, wenn der Papst nach Moskau käme.

Bringen die gesellschaftspolitischen Herausforderungen – Lebensschutz, Ehe und Familie – die Konfessionen einander nicht näher?

Doch, das sind genau die Fragen, die aus Sicht der russisch-orthodoxen Kirche in der Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche an erster Stelle stehen sollen. Ökumene bedeutet für sie nicht Gemeinsamkeiten auf theologischer und liturgischer Ebene anzustreben, auch nicht auf politischer Ebene, sondern auf der Grundlage der christlichen Werte. Allerdings haben die Evangelikalen dabei mehr Zuspruch, weil sie politisch aktiver in diese Richtung arbeiten als die Katholiken.

Wäre eine stärkere gesellschaftspolitische Aktivität der Katholiken unter Putin überhaupt denkbar? Auf Außenstehende wirkt Putin ist doch sehr einseitig auf die russisch-orthodoxe Kirche ausgerichtet.

Solange russische Katholiken gegen den westlichen – nicht gegen den russischen – Werteverfall demonstrieren, wird das akzeptiert. Es gibt auch Diskussionen, ob die Zusammenarbeit von Staat und Kirche in Russland zugunsten der traditionellen Ehe und Familie sowie des Lebensschutzes nicht instrumentalisiert wird vom Kreml: Der russische Staat sieht sich als Beschützer der traditionellen Familie, christlichen Werte, und des Christentums der ganzen Welt. Die einen sagen, man muss hier vorsichtig sein, die anderen halten es für weniger wichtig, wie sich der Staat positioniert – Hauptsache, es geschieht etwas für die verfolgten Christen und für den Schutz der christlichen Werte.

Und geschieht tatsächlich etwas in Russland für die christlichen Werte?

Nicht unbedingt, das Beispiel Lebensschutz zeigt, wie problematisch das ist. In Russland ist die Zahl der Abtreibungen sehr hoch, und der Staat unternimmt nichts dagegen. Der Patriarch hat sich öffentlich für den Lebensschutz ausgesprochen und dann plötzlich sein Engagement zurückgefahren. Beobachter sagen, dass dieses starke Engagement für den Lebensschutz vom Kreml nicht unbedingt gewünscht war und er vorsichtig geworden ist. Er hat auch mehrmals betont, dass die russische Kirche noch nie so viel Freiheit in ihrer über tausend Jahre alten Geschichte gehabt hat wie heute. Er versucht, irgendwie mit der Politik besonders gute Beziehungen zu pflegen. Wenn es um die traditionelle Ehe und Familie geht, ist die Stimme der orthodoxen Kirche allerdings sehr stark. In dieser Frage brauchen wir Katholiken sogar die orthodoxe Kirche, weil sie keine Angst hat, sich zu äußern.

Drei kasachische Bischöfe haben sich kürzlich in der Frage der Auslegung von Amoris laetitia im Sinne der traditionellen katholischen Lehre positioniert. Wie bewerten Sie diese Wortmeldung?

Zunächst ist das kein theologisches Schreiben, sondern ein Aufruf zum Gebet an gläubige Menschen. Dazu muss man verstehen, warum im postsowjetischen Raum die traditionelle Lehre der Kirche so wichtig ist. Viele Menschen haben in der Sowjetunion unter Lebensgefahr für sich und die eigene Familie den Glauben und seine Traditionen bewahrt. Für diejenigen, die sich mit der modernen Theologie nicht auskennen, ist es nicht einfach, anzunehmen, dass gerade aus der Kirche Impulse kommen, etwas zu verändern.

Für Katholiken spielt der hundertste Jahrestag der Erscheinungen von Fatima in diesem Jahr eine besondere Rolle. Es gab seinerzeit harsche Meldungen des Moskauer Patriarchats, als Johannes Paul II. die Welt dem Unbefleckten Herz Mariens weihte. Wie wird das Jubiläum wahrgenommen?

Ja, für die russischen Katholiken spielt Fatima tatsächlich eine sehr große Rolle, jedenfalls eine deutlich größere als für die deutschen Katholiken. Ich habe mit einigen orthodoxen Priestern darüber gesprochen, sie hatten noch nie im Leben von Fatima gehört. Diskussionen zwischen katholischer und orthodoxer Seite gibt es meines Wissens zu dieser Frage nicht. Es sind mehrere Pilgerreisen russischer Katholiken nach Fatima geplant und einige Aktivitäten auf den Bistumsebenen. Ich werde selber im Mai mit Kölner Seminaristen nach Fatima reisen.