Die Sehnsucht bricht sich Bahn

Die 2. Internationale Tagung zur „Theologie des Leibes“ von Papst Johannes Paul II. an der Katholischen Universität Eichstätt zeigte: Inmitten der Orientierungslosigkeit in Gesellschaft und Kirche wächst eine neue Sensibilität für das, was die Kirche zu Sexualität, Ehe und Familie lehrt. Wie sie das tut, darauf kommt es entscheidend an, waren sich teilnehmende Bischöfe und Referenten einig. Von Markus Reder

Frauen seien die schönere Seite der Schöpfung, meint Professor Michael Waldstein aus den USA. Zwar gebe es auch attraktive Männer, wie Waldstein mit einem Foto von Michelangelos David illustrierte, aber in der Realität sehe das – nach ein paar Ehejahren und Weißwurst mit Bier – d... Foto: Martin Groos
Frauen seien die schönere Seite der Schöpfung, meint Professor Michael Waldstein aus den USA. Zwar gebe es auch attrakti... Foto: Martin Groos

Ein ganzes Wochenende lang diskutierten Experten aus sieben Ländern in Eichstätt über Sexualität, Ehe und Familie. „Liebe, Leib und Leidenschaft. Personsein aus Sicht der Theologie des Leibes“, lautete das Thema der zweiten internationalen Tagung zur „Theologie des Leibes“ von Papst Johannes Paul II., die vom 14. bis 16. November an der Katholischen Universität stattfand. Wer im Anschluss an das dichte Programm mit Teilnehmern der Tagung sprach, merkte schnell: Diese Veranstaltung zur „Theologie des Leibes“ war ein außerordentlicher Erfolg.

„Wenn solche Veranstaltungen Schule machen könnten, müsste sich die katholische Kirche keine Sorge über einen Mitgliederschwund machen“, fasst eine Teilnehmerin ihren Eindruck zusammen. Der Tagung sei es gelungen, jeden Einzelnen in seiner Sehnsucht zu bestätigen und zur „Theologie des Leibes“ Menschen „aufs Podium“ zu bringen, die Zeugnis vom Gelingen ablegen in einer eigentlich so einfachen und überzeugenden Art und Weise. „So habe ich es noch nie erlebt – schon gar nicht auf einer öffentlichen Tagung!“, fasst die Dame in Worte, was wohl viele Tagungsteilnehmer so oder so ähnlich empfanden.

Auch die Initiatorinnen der Tagung zogen im Gespräch mit dieser Zeitung eine rundweg positive Bilanz. Maria Groos von der Vereinigung „Support International e. V.“. zeigte sich beeindruckt von den 300 überwiegend jungen Teilnehmern. Ein Großteil sei unter 30 Jahren gewesen. Die Tagung habe nicht nur die theoretische Reflexion weitergebracht, sondern in besonderer Weise auch die pastorale Arbeit vertieft, freut sich Frau Groos. Gerade im internationalen und interdisziplinären Zusammenspiel habe sich gezeigt, wie viele der „Theologie des Leibes“ inzwischen auf der Spur seien. „Man merkt, da ist etwas in Bewegung“, bemerkt Frau Groos. Auch Teresa Loichen vom Netzwerk Leben des Bistums Eichstätt betont die Bedeutung der interdisziplinären Auseinandersetzung. Dies trage dazu bei, die „Theologie des Leibes“ weiter in die Lebenspraxis zu übersetzen. Die Auseinandersetzung mit Sozialwissenschaften, Bindungsforschung und Persönlichkeitspsychologie führe zu einer wünschenswerten Vertiefung.

Der gastgebende Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke zeigte sich ebenfalls erfreut über die „große Teilnahme so vieler junger Menschen“. Der Hunger nach Orientierung aus dem Glauben bei Fragen nach Beziehung und Sexualität sei deutlich zu spüren, meinte der Bischof gegenüber der „Tagespost“. Beeindruckt haben ihn auch die ansteckende Freude und Fröhlichkeit, die von dieser Tagung ausgegangen sei, so der Bischof.

Tatsächlich konnte die Atmosphäre dieser Veranstaltung überraschen. Der Blick in den voll besetzten Hörsaal zeigte ebenso wie Publikumsfragen an Referenten und Gespräche mit Teilnehmern: Diese Veranstaltung war nicht einfach ein Treffen von Leuten, die ihre Ansichten bestätigt finden wollen. Da saßen keine frömmelnden Klemmbacken oder blasse Breviergesichter, sondern viele junge Menschen. Studenten, junge Geistliche, Professoren, aber auch viele Väter und Mütter waren da. Aus 13 Ländern kamen die Tagungsteilnehmer Diese internationale Mischung aus Neugier und Lebenserfahrung, aus Fachkompetenz und hohem Publikumsinteresse sorgte für eine besondere Dynamik und für erstaunlich mutige Wortmeldungen und Redebeiträge: Offen, ehrlich und unbefangen.

Janusz Surzykiewicz, Professor für Pastoraltheologie und Allgemeine Psychologie an der Universität Eichstätt bezeichnete in seiner Begrüßung die Tagung als Gelegenheit, zum Staunen zu kommen, zum Staunen über den Menschen, über die „Reichtumserfahrung unserer Leiblichkeit“. Immer wieder habe der heilige Papst Johannes Paul II. die Bedeutung dieses Staunens hervorgehoben, so Surzykiewicz. Dieses Staunen sei der Ausgangspunkt für dessen vertiefte Reflexionen über den Menschen und seine Leiblichkeit. Der Blick von Johannes Paul II. auf den Menschen öffne zugleich der Theologie neue Perspektiven. Denn „nur im Geheimnis der Fleischwerdung des Wortes klärt sich das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf“. Davon sei Johannes Paul II. zutiefst überzeugt gewesen. Seine gesamte Theologie sei davon durchdrungen, sagte Surzykiewicz. Angesichts der zahlreichen Umdeutungen des Wortes Liebe, die zur Sinnentleerung dessen geführt hätten, was menschliche Liebe eigentlich ausmacht, stehe man heute vor der Aufgabe, jene ganzheitliche Sicht von Liebe aufzuzeigen, die allein der tiefsten Sehnsucht des Menschen entspreche, hob der Pastoralotheologe hervor. Surzykiewicz bezeichnete dies als „spannende und herausfordernde Aufgabe“, für die die „Theologie des Leibes“ die Grundlage biete. In den Jahren 1979 bis 1984 hatte Johannes Paul II. in den Mittwochskatechesen seine „Theologie des Leibes“ entfaltet.

In diesen Katechesen, so der Eichstätter Bischof, wollte Johannes Paul II. die Liebe des Menschen als Berufung erschließen. Die „Theologie des Leibes“ wolle nicht ethische Anleitung, sondern Vertiefung des Glaubens sein. Glaube sei kein Moralsystem, sondern Erfahrung und Begegnung mit dem lebendigen Gott, sagte Hanke. Gelebter Glaube dränge den Menschen zur Antwort, zur Hingabe seiner selbst. Hier sei das „Totus tuus“ von Johannes Paul II. beheimatet, hob der Bischof hervor. Die Leiblichkeit vermittele die Erfahrung, „dass unser Leben nicht auf Selbstgenügsamkeit angelegt ist, sondern auf Größeres.“ Die Leiblichkeit verweise auf die Quelle des Lebens und enthülle die Berufung des Menschen in seinem Mann- und Frau-Sein. Die „Theologie des Leibes“ von Johanes Paul II. gebe dem innerkirchlichen und gesellschaftlichen Dialog Orientierung, so Hanke.

Dem schloss sich der österreichische Familienbischof Klaus Küng an, der ebenfalls zur Tagung nach Eichstätt gekommen war. Küng nannte die Thematik der Tagung eine „Schlüsselfrage für Kirche und Gesellschaft – gerade hier in Europa“. Der positive Ansatz der Tagung entspreche dem Wunsch der Außerordentlichen Synode zu Ehe und Familie, die dazu aufgerufen habe, zunächst das Positive zu sehen. Küng erinnerte zudem an den Wunsch von Papst Franziskus, dass nach der Außerordentlichen Synode gut weitergearbeitet werde, um den Boden für die Synode 2015 zu bereiten. Er sei zutiefst davon überzeugt, dass die Beschäftigung mit der „Theologie des Leibes“ dafür ein zentraler Beitrag sei, hob der Bischof von St. Pölten hervor. Weiter sagte Küng, er hoffe, dass der Heilige Geist viele Frauen und Männer bewege, damit sich eine große Kraft entfalte, die sie zu „Aposteln der wahren menschlichen Liebe macht. Damit sich dieses Evangelium der Familie verbreitet.“ Österreichs Familienbischof zeigte sich erfreut, dass sich die Universität Eichstätt, Stift Heiligenkreuz in Österreich und die Hochschule St. Pölten mit der Rezeption der „Theologie des Leibes“ befassen. „Ich würde mich freuen, wenn von allen drei Orten weiter Vernetzung ausginge und wachse“, sagte der Bischof. Das sei eine Voraussetzung, dass der Glaube wieder wachsen könne. Im Gespräch mit dieser Zeitung hob Küng die Bedeutung des Lebenszeugnisses katholischer Ehepaare hervor. „Priester und Bischöfe brauchen das Zeugnis von Ehepaaren, sagte der Bischof. „Ohne dieses Zeugnis geht in der Verkündigung gar nichts. Es genügt nicht, wenn ich als Bischof mit meinen Priestern über Ehe und Familie spreche. Wir sind zwingend auf das Zeugnis katholischer Ehepaare angewiesen.“ Küng zeigte sich überzeugt, die Synode zu Ehe und Familie im Jahr 2015 werde dann zum Erfolg, wenn es gelinge, deutlich zu machen, dass „Ehe und Familie der Weg der Kirche sind“. Es gehe der Kirche dabei nicht einfach um Fragen der Morallehre, sondern um die viel tiefergehende Frage des Lebensglücks.

In seinem Vortrag zur „Hermeneutik der Theologie des Leibes“ befasste sich Professor Josef Spindelböck von der Hochschule St. Pölten mit inhaltlichen und methodischen Zugängen zum Verständnis der Katechesen Johannes Pauls II. Der Moraltheologe bezeichnete die „Theologie des Leibes“ als einen „kostbaren Schatz im Acker, der heute noch oft der Entdeckung harrt“. Diese Entdeckung koste Mühe, räumte Spindelböck ein. Es bedürfe dazu eines gewissen „inhaltlichen, methodischen und begrifflichen Rüstzeugs“. Johannes Paul II. gehe in seiner „Theologie des Leibes“ von der Menschwerdung des göttlichen Logos aus. Gott selbst erweise sich darin als Begründer der „Theologie des Leibes“. „Weil Gott Mensch geworden ist, ist der menschliche Leib eingetreten in die Theologie.“ Dem Leid des Menschen komme eine besondere Würde zu, er offenbare das Geheimnis der Person und verweise auf Gott, sagte der Professor. Dabei sei dem menschlichen Leib eine Sprache zu eigen, die sich in besonderer Weise in der personalen Liebe zwischen Mann und Frau ausdrücke. Spindelböck beleuchtete die verschiedenen philosophischen und theologischen Strömungen, die Johannes Paul II. in seiner „Theologie des Leibes“ aufgreift und entfaltet, wie auch den spirituellen Umgang des Papstes mit der Heiligen Schrift. Entscheidend sei für Johannes Paul II. immer eine ganzheitliche Sicht des Menschen gewesen. Daher bediene er sich nicht nur der Theologie, sondern auch philosophischer, phänomenologischer, anthropologischer oder psychologischer Zugänge. Für Spindelböck bedeutet die „Theologie der Leibes“ einen „wesentlichen Beitrag zur Neuevangelisierung im Bereich von Ehe und Familie“. Die Sehnsucht nach dem Wahren, Guten und Schönen, nach der wahren Liebe, sei für Johannes Paul II. zentral gewesen. „Der Mensch spürt diese Sehnsucht, noch bevor der Verkünder etwas tut.“ Da könne man in der Ehe- und Familienpastoral ansetzen, betonte Spindelböck.

In seinem Vortrag „Der Mensch ist Person“ sprach der Bischof von Regensburg, Rudolf Voderholzer, über „Grundlagen des christlichen Menschenbildes und seine Bedeutung für die aktuellen Fragen in Gesellschaft und Politik“. Unschwer war zu erkennen, wie daheim sich der frühere Theologieprofessor im Hörsaal und im Umgang mit Fragen des Auditoriums fühlte. Scharf kritisierte Voderholzer die „Gender-Ideologie“. Das Geschlecht als „beliebiges und frei wählbares Kulturgut zu betrachten“, sei ein „verhängnisvoller Irrtum der Genderideologie“, betonte der Bischof.

Vater- und Mutter-Sein seien keine kulturellen Rollenmuster, sondern Schöpfungswirklichkeit. Voderholzer bezeichnete den Begriff „Gender“ als „vergiftetes Wort“, das außerhalb der wissenschaftlichen Auseinandersetzung gar nicht salonfähig gemacht werden solle. In ihren radikalen Ausprägungen handele es sich bei der „Gender-Ideologie“ um eine dualistische Irrlehre, wie sie der Manichäismus in der Spätantike gewesen sei, hob der Regensburger Bischof hervor. Die Möglichkeit zum Vater-Sein und Mutter-Sein sei eine „schöpfungsmäßige Bestimmung des Menschseins“ als Mann und Frau. Diese prinzipielle Differenz zwischen den Geschlechtern zu leugnen, bedeute Realitätsverweigerung. Nicht entscheidend sei, so Voderholzer, ob dieses Potenzial in jedem Fall realisiert werde oder nicht. Der bewusste Verzicht auf Ehe oder Elternschaft sei aber etwas grundsätzlich anderes als die Verleugnung dieser Möglichkeit.

Mit Blick auf den menschlichen Geschlechtsakt hob der Regenburger Bischof den „ernst zu nehmenden Unterschied zwischen Machen und Zeugen“ hervor. Es sei „ein schrecklicher Gedanke, ihn in die Nähe von Laboren und Tiefkühlkammern zu rücken“. Das zentrale Anliegen der Enzyklika „Humane vitae“ von Paul VI. sei, den Zeugungsakt als Quelle des Lebens von jeder Manipulation freizuhalten. Die Festlegung des katholischen Lehramtes auf natürliche Methoden der Empfängnisregelung befördere Werte wie Rücksicht, gegenseitige Achtung und Treue, sagte der Bischof. Voderholzer erinnerte an ein Interview des „Corriere delle Sera“, in dem sich Papst Franziskus über Paul VI. äußert. In diesem Interview habe Franziskus seine Bewunderung für den Mut Pauls VI. zum Ausdruck gebracht, mit „Humanae vitae“ eine kulturelle Bremse gezogen zu haben. Die Frage, so Franziskus in diesem Gespräch, sei nicht, ob man die Lehre ändert, sondern ob man bereit ist, in die Tiefe zu gehen. Sexualität gehe den ganzen Menschen an und dürfe nicht auf einzelne physiologische Vorgänge reduziert werden, betonte der Regensburger Bischof. Es sei die Frage, ob durch die Pille die Liebe in ehelichen Beziehungen gewachsen sei.

Auf eine Nachfrage aus dem Publikum nahm Voderholzer auch zur Debatte um aktive Sterbehilfe und assistierten Suizid Stellung. Dabei wandte er sich gegen das Argument der Selbstbestimmung aufseiten der Befürworter. „Ein Akt, der die Autonomie eines Menschen endgültig beendet, kann nicht autonom sein“, mahnte der Bischof. Wenn durch eine Legalisierung die Tür auch nur „einen kleinen Spalt“ geöffnet würde, gerieten alte Menschen am Lebensende unter einen so starken Druck, dass es mit ihrer Autonomie vorbei sei. Stattdessen würden sie einer „brutalen Fremdbestimmung ausgeliefert“.

Entschieden sprach sich Voderholzer gegen Formen der „negativen Identitätsfindung“ in der Auseinandersetzung um die katholische Morallehre aus. „Wir müssen das Positive, das wir haben, darstellen und mit guten Argumenten vortragen“, hob der Bischof hervor. „Katholisch sein heißt, die Schönheit des Glaubens auch ohne Gegner darstellen zu können.“ Das unterscheide vom Protestantismus, der den Protest brauche, meinte Voderholzer mit einem Augenzwinkern.

„Einmal Humanae vitae – Theologie des Leibes hin und zurück“ lautete das Thema des gemeinsamen Vortrags von Professor Norbert Martin und seiner Ehefrau Renate Martin. Beide waren vor Jahrzehnten die ersten Laien, die vor einer vatikanischen Bischofssynode sprachen; mit Johannes Paul II. verband die langjährigen Mitglieder des päpstlichen Familienrates auch die persönliche Bekanntschaft: Ihr reicher Erfahrungsschatz beim Thema Ehe und Familie sowie theologische und zeitgeschichtliche Detailkenntnis kamen auch in Martins Vortrag zum Ausdruck. „Wir stehen in einer kirchengeschichtlichen Stunde, die so spannend und spannungsreich ist, wie schon lange nicht mehr“, zeigte sich das Ehepaar Martin überzeugt. Die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. sei ein Jahrhundertwerk, betonte das Ehepaar.

Sie gaben einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Enzyklika „Humanae vitae“, in das Anliegen von Papst Paul VI. und die Auseinandersetzung um das als „Pillen-Enzyklika“ gescholtene Lehrschreiben. Diese historisch-theologische Einordnung war schon deshalb von Bedeutung, weil ein Großteil des Tagungspublikums in Eichstätt noch nicht geboren war, als „Humanae vitae“ erschien. „Humanae vitae“, davon zeigte sich das Ehepaar Martin überzeugt, habe aus heutiger Sicht nicht an Bedeutung verloren, sondern gewonnen. Die Entwicklung der modernen Biomedizin, die zunehmende Verzweckung menschlichen Lebens und die damit verbundenen bioethischen Herausforderungen machten deutlich: „Humanae vitae war ein prophetischer Appell von Paul VI. Der Papst hat all das kommen sehen“. Auch die Pille habe sich keineswegs als „Geschenk des Himmels“ (Käßmann) erwiesen, betonten Martins. Sie habe zu neuen Abhängigkeiten und Belastungen der Frau geführt und eben kein Mehr an Liebe und Freiheit gebracht. Johannes Paul II. habe seine „Theologie des Leibes“ im Horizont von „Humanae vitae“ verfasst. „Humanae vitae sei Ausgangspunkt und zugleich Endpunkt“ seiner „Theologie des Leibes“. Johannes Paul II. sei klar gewesen, dass es keinen Sinn hat, dem heutigen Menschen mit Verboten zu kommen. Deshalb sei es ihm darum gegangen, den inneren Sinn der kirchlichen Lehre zu erschließen und dem Menschen zu zeigen, was wirklich zum Leben hilft. Dabei sei sich Johannes Paul II. klar darüber gewesen, dass dies keine leichte Aufgabe ist. Martins erinnerten in diesem Zusammenhang an einen Satz, den der Papst ihnen gegenüber geäußert habe: „Ja, wir müssen in unserer Zeit einen heftigen Kampf austragen, aber die Wahrheit wird siegen.“

Sowohl „Humanae vitae“ als auch der „Theologie des Leibes“ gehe es darum, wahre Menschlichkeit zu retten. Der theologische Ansatz von Johannes Paul II. liefere „den Schlüssel zum tieferen Verstehen von „Humanae vitae“, so das Ehepaar Martin. Beide zeigten sich überzeugt: „Das Überleben der christlichen Ehe bedarf eines neuen Ansatzes der Ehe- und Familienpastoral. Wir brauchen heute Menschen, die die Nöte und Sorgen in Ehe und Familie kennen, die sie mittragen und mitleiden. Und die zugleich die Schönheit der Theologie des Leibes kennen und vermitteln – ganz menschennah und gläubig treu.“

Nach den eher theoretischen Reflexionen am Freitag lag der Akzent des zweiten Teils der Tagung am Samstag wie auch die öffentliche Diskussionsrunde am Sonntag eher auf praktischen Zugängen zur Thematik. Teresa Suarez del Villar, die als Familienärztin sowie Psycho- und Sozialtherapeutin in Spanien arbeitet, sprach in einem ebenso heiteren wie lebensnahen Vortrag über „die Fülle der Männlichkeit“. Entschieden wandte sie sich gegen die Bestrebungen der Genderideologie, Geschlecht als Ergebnis der Erziehung und der kulturellen Formung zu definieren. Eine solche Sichtweise sei rein ideologisch, in wissenschaftlichen Versuchen mit Neugeborenen widerlegbar und habe mit der Lebenswirklichkeit nichts zu tun. Wenn Mann und Frau austauschbar würden, verschwinde am Ende immer der Mann und nicht die Frau, mahnte die Therapeutin und rief dazu auf, das „Geschenk des Unterschiedes“ nicht zu verlieren. „Wir sind unterschiedlich in der Art und Weise, wie wir unsere Menschlichkeit zum Ausdruck bringen.“ Dies gelte es neu zu entdecken. „Wenn Gott uns die Komplementarität geschenkt hat, warum sollten wir dieses Geschenk nicht annehmen.“ Gleichberechtigung bedeute eben nicht Identität. Deshalb gehe es heute darum, Männern wieder zu erlauben, tatsächlich Mann zu sein. Männlichkeit müsse sich nicht zwangsläufig in der ehelichen Liebe ausdrücken, sie sei auch im zölibatären Leben von hoher Bedeutung. „Jesus hat die Fülle der Männlichkeit gelebt. Er ist der wahre Mann im vollen Sinne.“

In der anschließenden Diskussion wurde die Referentin aus dem Publikum gefragt, woran eine junge Frau denn erkennen könne, dass der Mann, der an ihr Interesse zeigt, tatsächlich ein echter Mann und keine Memme sei? Der Psychotherapeutin nannte daraufhin vier Kriterien und die jüngeren Damen im Publikum schrieben eifrig mit. „Frage Dich erstens: Habt ihr eine gemeinsame Vorstellung vom Sinn Eures Lebens. Davon, worum es Euch im Leben geht. Frage Dich zweitens: Liebt er mich, so wie ich bin oder muss ich an mir etwas ändern, damit er mich mag? Drittens: Ist sich dieser Mann seiner Männlichkeit bewusst und bereit, daran zu arbeiten. Und frage Dich viertens: Wie behandelt er die Menschen in seiner Umgebung. Wenn er diese schlecht behandelt, wird er auf Dauer auch Dich schlecht behandeln.“

„So lebenspraktisch und konkret müsste Ehevorbereitung in der Kirche aussehen“, meinte ein erfahrener Geistlicher während der anschließenden Kaffepause. Dann würde jungen Menschen auch einsichtig, dass es der Kirche wirklich um Lebenshilfe und den Weg zum Lebensglück gehe. Leider gebe es aber gerade bei der kirchlichen Ehevorbereitung gravierende Defizite, meinte ein dabeistehender Familienvater. Die jungen Leute würden geradezu allein gelassen und mit Papierkram und Formalitäten abgespeist. Das müsse sich dringend ändern, aber davor höre man in den Diskussionen rund um die Familiensynode bislang so gut wie nichts.

Umso mehr war dazu während der Eichstätter Tagung zu hören. Beispielsweise im Vortrag von Professor Michael Waldstein, der Theologie an der Ave Maria University in Florida/USA lehrt. Waldstein, der Mitglied im päpstlichen Familienrat ist, befasst sich mit dem „Charisma der Frau in der Theologe des Leibes“. Johannes Paul II. habe eine „Theologie des Leibes“ vorgelegt, nicht eine Theologie der Ehe, betonte Waldstein. Darum sei sein theologischer Ansatz nicht nur für Eheleute relevant, sondern genauso für Menschen, die ehelos leben. Johannes Paul II. sei es darum gegangen, dass die Sprache des Leibes wahrhaftig ist. Mutterschaft, so Waldstein, enthülle in besonderer Weise das Geheimnis des Lebens. Mutterschaft lasse bei der Frau nicht nur eine besondere Einstellung zum eigenen Kind entstehen, sondern zum Menschsein überhaupt. Mehr als der Mann sei die Frau fähig, auf die konkrete Person zu achten. Mutterschaft bringe diese Veranlagung noch stärker zur Entfaltung. Für Johannes Paul II. besitze die Frau als erste Erzieherin des Menschen einen besonderen Vorrang vor dem Mann, so Waldstein.

In den zahlreichen mit internationalen Referenten besetzten Workshops der Tagung zeigte sich die ganze Bandbreite an Themen, die im Zusammenhang mit der „Theologie des Leibes“ stehen. Von der seelsorglichen Begleitung von Familien über die Auseinandersetzung mit Schönheit, Kitsch und Porno, Beziehungsgestaltung zwischen Eltern und Kind, Sexualpädagogik, Stillen und Kinderlosigkeit spannte sich die Themenpalette der Workshops. Eine interdisziplinär besetzte Round-Table-Diskussion befasste sich zudem mit den anthropologischen Grundlagen der Theologie des Leibes. Professor Stephan Kampowski vom Päpstlichen Institut Johannes Paul II. in Rom verwies in seinem Eingangsreferat zur Round-Table-Diskussion auf die Attacken der Vertreter der „Sexuellen Revolution“ gegen Ehe und Familie. An die Stelle der frontalen Angriffe von damals sei heute die Sinnentleerung des Familienbegriffs getreten. Indem die unterschiedlichsten Partnerschaftsformen zur Familie erklärt würden, verliere die Familie als auf Dauer angelegte Lebensgemeinsaft aus Mann und Frau und Kindern immer mehr an Bedeutung. Von „Sex ohne Babys“ habe die Entwicklung inzwischen zu „Babys ohne Sex“ geführt. Die Protagonisten der „Sexuellen Revolution“ hätten Sex im Grunde belanglos gemacht, sagte Kampowski. Dem halte Johannes Paul II. die große personale Bedeutung menschlicher Sexualität entgegen: „Sexualität drückt wahre Liebe“ aus.

In einer völlig sexualisierten Gesellschaft jungen Menschen diese alternative Sicht von Liebe und Sexualität zu vermitteln, stellt heute eine großes Problem dar. Darauf machte der Kulturwissenschaftler Martin Voigt aufmerksam. Man könne in der Schule nicht mit moraltheologischen Argumentationen ansetzen. „Das versteht keiner mehr.“ Heute sei entscheidend, jungen Menschen aufzeigen: „Warum tut Dir das nicht gut“. Das sei ein Zugang, für den Jugendliche ansprechbar seien. Voigt riet im Rahmen der Round Table-Diskussion dazu, verstärkt den Schulterschluss zwischen der „Theologie des Leibes“ und der Bindungsforschung zu suchen. Hier gebe es jenseits der Theologie große Schnittmengen, die zahlreiche Anknüpfungspunkte und Zugänge böten.

An Themen und interdisziplinären Forschungsansätzen zur „Theologie des Leibes“ fehlt es offensichtlich nicht. Die Tagung in Eichstätt zeigte deutlich: Da ist tatsächlich etwas in Bewegung. Die Rezeption der „Theologie des Leibens“, die im deutschen Sprachraum lange auf sich warten ließ, kommt mit zeitlicher Verzögerung in Schwung. Inmitten der Orientierungslosigkeit bricht sich die Sehnsucht nach wahrer Liebe Bahn.