Die Nachtigall trapst mit ideologischer Brille

Ein enttäuschender Beitrag zum Konzilsjubiläum von Josef Dirnbeck. Von Monika Metternich

Pünktlich zur fünfzigjährigen Jubiläumsfeier des Zweiten Vatikanischen Konzils erscheinen viele Publikationen, die an dieses „Jahrhundertereignis“ erinnern. Eine davon ist das im Tyrolia Verlag erschienene Büchlein „Anstoß in Rom. So war das mit dem Konzil“ des bekannten österreichischen Theologen und Publizisten Josef Dirnbeck.

Dirnbeck beginnt mit der Vorgeschichte des Zweiten Vatikanums, die nach seiner Sicht bereits beim Ersten Vatikanischen Konzil begann. Dieses stellte die Lehre der päpstlichen Unfehlbarkeit fest, welche schließlich zum Schisma führte: Die Altkatholiken, so Dirnbeck, hätten dann „gleichsam in einem eiligen Nachholverfahren alle Reformen verwirklicht, wie sie in anderen abgespalteten Fraktionen – unter Luther, Calvin und Zwingli – längst stattgefunden hatten: Gottesdienst in der Muttersprache, Laienkelch, verheiratete Priester und so weiter“. Dirnbeck mutmaßt, dass für konservative Katholiken die Altkatholiken „Protestanten reinsten Geblüts“ gewesen seien, während diejenigen, „die eher aus dem Holz geschnitzt sind, aus dem Johannes XXIII. geschnitzt war“, klar erkannt hätten: „Da sieht man eben, wohin der Weg der katholischen Kirche schon viel früher hätte führen können; diese Leute zeigen uns, welche Reformen die Kirche längst hätte verwirklichen sollen!“ Damit ist die Ausgangslage für das Zweite vatikanische Konzil von Dirnbeck nachgerade hanebüchen abgesteckt: Johannes XXIII. und seine Mannen wollten im zweiten Vatikanischen Konzil Reformen nach Muster der Altkatholiken auf den Weg bringen, die „Konservativen“ fanden, ein Konzil sei überflüssig, da der Papst aufgrund des Jurisdiktionsprimats doch alles entscheiden könne und solle. Auf dieser holzschnittartigen Prämisse baut sich nun Joseph Dirnbecks kleine Konzilsgeschichte auf. Wer nun seinerseits die Nachtigall heftig trapsen hört und schon einmal ins letzte Kapitel blättert, findet seinen Verdacht der ideologischen Brille dann auch auf Seite 100 bestätigt, betrifft sie doch einen der dezidiert fortschrittlichen Konzilstheologen: „Unter Benedikt XVI. sind wieder verstärkt die beharrenden Kräfte ans Ruder gekommen, denen daran gelegen ist, die Kirche zurückzurudern und von der Position abzubringen, die sie mit dem 2. Vatikanischen Konzil erreicht hat.“

Diejenigen Leser, die „Anstoß in Rom“ an dieser Stelle nicht zuklappen wollen, um sich besser den hochinteressanten und angenehm lesbaren Erinnerungen Kardinal Kaspers an das Zweite Vatikanische Konzil, seine Vorgeschichte und Rezeption in seinem jüngst erschienenen Werk „Katholische Kirche“ zuzuwenden, werden zunächst in die vorkonziliaren Erfahrungen des Autors als 14-jähriger Schüler eingeführt. Ein „wahrhaft niederschmetternder Befund“, wie im Buch konstatiert wird, vermag sich nicht recht zu erschließen, wird doch von offenen Diskussionen im Religionsunterricht im Jahre 1962 berichtet, aber auch von Priestern, die „sich weiterbilden“ (wie?), „Vortragsabende besuchen“ (Vorträge von wem?), „die neuesten Bücher lesen“ (welcher Autoren?) und „Zeitschriften abonnieren mussten“ (welche?)“ .

Die Details, die den Leser wirklich zur Stimmung vor dem Konzil interessieren würden, werden fast komplett ausgeblendet und der einzig bleibende Eindruck ist: Ganz so hermetisch abgeriegelt, wie es gern vermittelt wird, scheint die katholische Kirche kurz vor dem Konzil doch gar nicht gewesen zu sein.

Worin die allgemeine Begeisterung und Aufbruchstimmung zu Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils begründet war, wer dessen Vordenker waren, auf wen sie sich rückbesannen und wie deren Ideen im Kirchenvolk Gestalt annahmen – Guardini, Lubac, Congar, Rahner, von Balthasar: Vieles, was wirklich interessant wäre, im durchaus charmanten und leicht lesbaren Stil Dirnbecks zur Situation unmittelbar vor dem Konzil nahegebracht zu bekommen, verschwimmt weitgehend in subjektivem Klein-Klein.

Nach Dirnbeck war der große Neuerer in erster Linie Papst Johannes XXIII, der für viele völlig überraschend das Zweite Vatikanische Konzil ausrief: „Der kühn vorpreschende Geist eines Johannes XXIII. befand sich im Clinch mit den beharrenden Kräften in der Kirche – vor allem mit jenen in der römischen Kurie.“ Hinzugekommen seien aber auch „fortschrittliche Kirchenmänner, die es diesen stockkonservativen Herren in der Kurie von Herzen gönnten, dass sie nun einen Papst an der Spitze hatten, der sie das Fürchten lehrte.“ Seite für Seite entwickelt sich die bislang unprätentiöse Sprache Dirnbecks zu einem wahren Sturm der Konzilspoesie: „Eine Art Föhnwind in der Frühlingsnacht, der endlich das Eis des Winters bricht“ – bis der Autor endlich selbst die Frage stellt, die den immer noch tapfer mithaltenden Leser schon längst umtreibt: „Um was für schreckliche Dinge ging es denn in diesem Jahrhundertereignis namens Konzil, dass sich sogar einflussreiche Kleriker, die an den Schalthebeln im Vatikan saßen, vehement dagegen wehren zu müssen glaubten?“ „Aggiornamento“ sei das Schlüsselwort gewesen, das übersetzt wird mit „Die Kirche muss sich heuten“ [sic!], also eine Kirche von heute werden. Dass die Errichtung von Damentoiletten an theologischen Fakultäten als praktisches Beispiel für die Konzilsrezeption der „Heutung“ herhalten darf, mag noch lustig sein – dass diese Großtat unter „Frauen haben in der Kirche etwas verändert“ subsumiert wird, benötigt wohl eher derben Männerhumor. Die Liturgiereform des Konzils wird hervorgehoben, auch wenn Dirnbeck zugibt, dass das Konzil das Latein gar nicht ganz abgeschafft hat. Warum man sich dann nach dem Konzil davon trennte, erklärt er zum Leidwesen des Lesers nicht. Dafür spricht er vom „Altar des Wortes“ und dem „Volksaltar“ – von denen wiederum in den Konzilstexten nichts zu finden ist. Überhaupt ist es auch bei allen weiteren Ausführungen Dirnbecks entlarvend, neben der Lektüre die Texte des Zweiten Vatikanums zu lesen. Sein späteres Urteil: „Wenn man sich hingegen ansieht, was in den Jahrzehnten danach passiert ist, dann kann man den Eindruck gewinnen, dass in der Kirche nichts weitergegangen ist“, klingt auf dieser Folie nämlich wie blanker Hohn. Ein Vorwurf, der nur gemildert werden kann durch die Erkenntnis, dass aus falschen Prämissen nur unrealistische Ergebnisse erwachsen können. Das letzte Kapitel „Freude und Hoffnung – Irritation und Enttäuschung“ könnte daher durchaus auch die Erwartungen an dieses Buch – und das Fazit manch eines Lesers überschreiben.

Josef Dirnbeck: „Anstoß in Rom. So war das mit dem Konzil“, Tyrolia Verlag Innsbruck, 2012, ISBN 978-3-7022-3169-9, EUR 12,95