„Die Menschen haben heute keine Leidensfähigkeit mehr“

Der Sozialdienst katholischer Frauen in Bayern erlebt täglich Nöte, die nicht allein durch die Erhöhung von Hartz IV zu lösen sind

Nicht nur die Folgen der Wirtschaftskrise hat der Sozialdienst katholischer Frauen in Bayern täglich vor Augen. Auch die Beratung schwangerer Frauen in Not ist ein zentrales Thema geblieben. Regina Einig sprach mit der Vorstandsvorsitzenden Elisabeth Maskos und der Geschäftsführerin der Landesstelle Bayern, Monika Meier-Pojda über ihre tägliche Arbeit mit Familien.

Seit dem Streik der Erzieherinnen ist klar, welchen Stellenwert Kinderbetreuung

in unserem Land haben sollte. Welche Schwerpunkte setzt der SkF im Bereich der Kinderbetreuung und wie beurteilt er die Situation?

Elisabeth Maskos: Kinder werden ja in unterschiedlichen Angeboten, zum Beispiel Kindergärten, Kinderkrippen und Tagespflege betreut. Für ganz kleine Kinder sind Tagesmütter eine gute Alternative. Die Statistik zeigt, dass viele Familien für Kinder bis zum Alter von zwei Jahren gern eine Tagesmutter in Anspruch nehmen, weil sie darin eine individuellere Lösung sehen. Um die Tagesmütter gut auf ihre Aufgaben vorzubereiten, bietet der SkF seit vielen Jahren Aus- und Fortbildung, sowie Begleitung für Tagesmütter an. Nichtsdestoweniger müssen wir auch als SkF auf die Qualität in den Kindergärten und Kinderkrippen hinweisen, die allerdings nur durch einen guten Betreuungsschlüssel gewährleistet werden kann. Dies ist aber in vielen Kindergärten aufgrund der Finanznot nicht gegeben. In den Kinderkrippen ist der Schlüssel oft besser. Normalerweise sind in der Krippe eine Erzieherin und eine Pflegerin für zwölf Kinder da. Zwei Fachkräfte für zwölf Kinder, das ist kein schlechter Schlüssel.

Immer mehr Frauen und Männer scheinen ihrem Alltag nicht mehr gewachsen zu sein – auch dann, wenn keine besonderen Belastungen da sind. Woran liegt das?

Monika Meier-Pojda: Die Ansprüche an die Menschen werden immer größer. Wir sind aber auch alle sehr perfektionistisch geworden. Viele Frauen und Männer stellen an sich selbst den Anspruch, alles perfekt zu machen und scheitern daran. Das Idealbild besonders bei Frauen ist, eine gute Ehefrau, eine gute Mutter, eine gute Hausfrau zu sein und dann auch noch im Beruf eine gute Leistung abzuliefern. Früher hat man vielleicht eher Fünf gerade sein lassen und war gelassener, hatte aber auch mehr Unterstützung durch die Familie vor Ort. Das ist heute oft nicht mehr möglich, weil große Flexibilität und Mobilität von den Familien erwartet wird. Das Berufsleben nimmt keine Rücksicht, da ist ein Umdenken seitens der Unternehmen erforderlich.

Wie wirkt sich das auf die Ehen aus?

Elisabeth Maskos: Statistiken sagen, dass viele junge Leute die Ehe anstreben. Aber ihre Vorstellungen haben fast etwas Synthetisches, das aus dem Fernseher kommt, aber nicht der Realität entspricht: ewige Liebe, das ewige Glück, lauter Sonnenschein. Deshalb scheitern vielleicht auch so viele Ehen, weil diesem Idealbild nicht mehr nachgekommen werden kann und sich dadurch Frustrationen einstellen. Die Menschen haben heute keine Leidensfähigkeit mehr. Man wirft alles hin, wenn es nicht so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat. Eine Ehe ist nicht immer nur positiv, sondern es gibt gute und schlechte Zeiten. Da muss man auch mal eine Talsohle durchschreiten, aber das ist vielen dann zuviel. Sie geben früher auf und fangen wieder von vorne an. So kommen sie dann immer wieder in die gleiche Situation. Und Kinder aus Scheidungsfamilien lernen daraus. In unseren Familien fehlt nicht immer das Geld, sondern auch Inhalte, Werte, Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit, das Füreinander-Dasein. Es gibt Probleme, die nicht nur mit der Erhöhung von Hartz IV lösbar sind.

Wie bewerten Sie die Rolle der Kirche vor Ort?

Monika Meier-Pojda: Die Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft wäre eigentlich die Chance der Pfarrgemeinden. Wo sich keiner mehr für den anderen verantwortlich fühlt und Einzelne sich allein durchschlagen müssen, ist die Kirche gefragt. Ich sehe aber mit Sorge, dass die Zusammenlegung der Pfarreien den Rückhalt in den Gemeinden schwächen könnte. Größere Pfarrgemeinden sind anonymer. Es fallen daher mehr Menschen durch das Netz. Durch die größeren Pfarrverbände leidet auch die Jugendarbeit. Die Identifikation mit der Kirche wird dadurch abnehmen.

Was versprechen Sie sich von den Ehrenamtlichen?

Elisabeth Maskos: Es geht nichts ohne das Ehrenamt, aber ein gutes Ehrenamt kann nicht ohne professionelle Begleitung durchgeführt werden. Insofern ist das immer ein

Austausch. Dafür steht der SkF auch in allen anderen Bereichen: Es ist immer die Kombination des Zusammenwirkens von professioneller Arbeit und Ehrenamt. Man kann nicht alles auf das Ehrenamt abschieben. Da gibt es viele Illusionen. Und auch die Ehrenamtlichen fühlen sich oft ein bisschen unwohl, wenn immer mehr Aufgaben ehrenamtlich erledigt werden sollen. Das kann nicht funktionieren.

Vor zehn Jahren ergab sich mit der Gründung von „Donum Vitae“ eine Weichenstellung für die Schwangerenberatung des SkF. Wenn Sie heute auf Ihren Weg aus der scheinpflichtigen Beratung zurückschauen, hat er sich gelohnt?

Monika Meier-Pojda: Ja, er hat sich gelohnt. Für den SkF ist die Schwangerenberatung eine Kernaufgabe, die nie in Frage stand. Es war zwar eine schmerzliche Geschichte, aber wir wollten die Begleitung der Klientinnen, die schon vorher achtzig Prozent ausmachte, weiterführen. Es gibt so viele Notlagen, die nichts mit einer Konfliktlage im Sinne des Gesetzgebers zu tun haben. Konflikte können auch jederzeit in den anderen Schwangerschaftswochen auftauchen: Wenn eine Schwangere in der 15. Woche von ihrem Partner verlassen wird oder eine 15-Jährige ein Kind erwartet und zuhause Probleme hat, müssen sie auch begleitet werden. Es sind ganz wichtige Hilfen, die auch von unseren Beratungsstellen immer geleistet worden sind und weiter geleistet werden. Abgesehen vom Beratungsnachweis ist nichts weggefallen, im Gegenteil: wir haben zusätzliche Arbeitsgebiete intensiviert, zum Beispiel im Kontext von Pränataldiagnostik, da durch die Neuerungen in der Medizin auch für die Schwangeren ein hoher Beratungsbedarf entstanden ist.

Sind Sie für Frauen, die in einer Konfliktlage sind, abgeschrieben, weil Sie keinen Schein mehr ausstellen?

Monika Meier-Pojda: Der Anteil der Konfliktberatungen ist nicht so hoch wie vorher. Aber wir erleben immer häufiger, dass durch Mundpropaganda Frauen Schwangere in Konfliktsituationen an unsere Beratungsstellen vermitteln. Es gibt auch Fälle, in denen Frauen mit ihren Beratungsnachweisen noch einmal zu uns kommen und eine weitere Beratung möchten, um sich klarzuwerden, wie es weitergehen soll. Es gibt Konfliktberatungen, auch wenn ihre Zahl insgesamt nicht mehr so hoch ist. Aber wieviel rechtfertigt irgendetwas? Welche Größe rechtfertigt eine Handlung? Wenn eine Frau kommt, der wir helfen können, ihr Kind zur Welt zu bringen, ist das wunderbar. Gerade wenn ein Konfliktfall kommt, sind die Frauen bei uns immer sehr gut aufgehoben.