Die Liebe Gottes lässt niemals nach

Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters beim Angelus am 29. Juli.

Papst Franziskus
Papst Franziskus grüßt auf dem Petersplatz in Vatikanstadt. Foto: Claudio Peri/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Foto: Claudio Peri (ANSA)

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Ihr habt Mut, bei dieser Sonne auf dem Platz! Respekt!

Das heutige Evangelium (vgl. Joh 6,1-15) unterbreitet uns die Erzählung von der Vermehrung der Brote und der Fische. Angesichts der großen Menschenmenge, die ihm am See Tiberias gefolgt ist, wendet sich Jesus an den Apostel Philippus und fragt ihn: „Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?“ (V. 5). Denn die wenigen Denare, die Jesus und die Apostel besitzen, reichen nicht aus, um diese Menge mit Essen zu versorgen. Und da führt Andreas, ein anderer der Zwölf, einen Jungen zu Jesus, der alles, was er hat, zur Verfügung stellt: fünf Brote und zwei Fische. Doch natürlich ist das nichts – sagt Andreas – für diese Menge von Menschen (vgl. V. 9). Tüchtig, dieser Junge. Mutig. Auch er hat die Menschenmenge gesehen, und er hat seine fünf Brote gesehen. Er sagt: „Das ist das, was ich habe: wenn es hilft, stelle ich es zur Verfügung.“ Dieser Junge macht uns nachdenklich… Dieser Mut… Junge Menschen sind so, sie haben Mut. Wir müssen ihnen helfen, diesen Mut zu zeigen. Und Jesus fordert die Jünger auf, dafür zu sorgen, dass die Menschen sich setzen. Dann nimmt er jene Brote und jene Fische, sagt dem Vater Dank und verteilt sie (vgl. V. 11). Und alle können essen, bis sie satt sind. Alle haben gegessen, so viel sie wollten.

Mit diesem Abschnitt aus dem Evangelium führt uns die Liturgie dazu, den Blick fest auf jenen Jesus zu richten, der, wie es am vergangenen Sonntag im Markusevangelium hieß, als er „die vielen Menschen sah, Mitleid mit ihnen hatte“ (vgl. 6,34). Auch jener Junge mit den fünf Broten hat dieses Mitleid verstanden und sagt: „Die armen Leute! Das ist das, was ich habe…“. Das Mitleid hat ihn dazu bewegt, das anzubieten, was er hatte. Heute zeigt Johannes uns erneut, dass Jesus auf die Grundbedürfnisse der Menschen achtet. Die Episode entspringt einer konkreten Tatsache: die Leute haben Hunger und Jesus spannt seine Jünger ein, auf dass dieser Hunger gestillt werde. Das ist eine konkrete Tatsache. Jesus hat sich nicht darauf beschränkt, der Menge dies zu geben – er hat sein Wort angeboten, seinen Trost, sein Heil und schließlich sein Leben -, doch gewiss hat er auch das getan: er hat sich um die Nahrung für den Leib gekümmert. Und wir, seine Jünger, können nicht so tun, als wüssten wir das nicht. Nur wenn man die einfachsten Forderungen der Menschen hört und ihnen in ihren konkreten Lebenssituationen zur Seite steht, wird einem zugehört werden können, wenn man von höheren Werten spricht.

Die Liebe Gottes zur Menschheit, die nach Brot, nach Freiheit, nach Gerechtigkeit, nach Frieden und vor allem nach seiner göttlichen Gnade dürstet, lässt niemals nach. Auch heute noch stillt Jesus den Hunger und ist auf lebendige und tröstende Weise gegenwärtig: und er tut dies durch uns. Daher fordert das Evangelium uns auf, hilfsbereit und rührig zu sein, wie jener Junge, der sich bewusst wird, dass er fünf Brote hat, und sagt: „Ich gebe das, dann wirst du sehen…“. Angesichts des Hungers – jeder Art von „Hunger“ - so vieler Brüder und Schwestern in jedem Teil der Welt können wir nicht weiter distanziert und ruhig zuschauen. Die Verkündigung Christi, Brot des ewigen Lebens, erfordert großherziges Bemühen um Solidarität mit den Armen, den Schwachen, den Letzten, den Wehrlosen. Dieses Handeln der Nähe und der Nächstenliebe ist die beste Prüfung der Qualität unseres Glaubens, sowohl auf persönlicher als auch auf gemeinschaftlicher Ebene.

Am Ende der Erzählung dann, als alle satt waren, forderte Jesus die Jünger auf, die Reste einzusammeln, damit nichts verderbe. Und ich möchte Euch diesen Satz Jesu nahelegen: „Sammelt die übrig gebliebenen Brotstücke, damit nichts verdirbt“ (V. 12).  Ich denke an die Menschen, die Hunger haben, und daran, wie viel übrig gebliebenes Essen wir wegwerfen… Jeder von uns überlege bei sich: das Essen, das beim Mittagessen, beim Abendessen übrig bleibt, wo geht das hin? Was geschieht bei mir zu Hause mit dem Essen, das übrig bleibt? Wird es weggeworfen? Nein. Wenn du diese Gewohnheit hast, dann gebe ich dir einen Rat: rede mit deinen Großeltern, die die Zeit nach dem Krieg erlebt haben, und frag sie, was sie mit dem Essen gemacht haben, das übrig geblieben ist. Niemals das übrig gebliebene Essen wegwerfen. Man verwendet es wieder oder gibt es jemandem, der es essen kann, jemandem, der es braucht. Niemals Essen wegwerfen, das übrig bleibt. Das ist ein Rat und auch eine Gewissensprüfung: was macht man zu Hause mit dem Essen, das übrig bleibt?

Beten wir zur Jungfrau Maria, dass sich auf der Welt Programme durchsetzen, die der Entwicklung, der Ernährung sowie der Solidarität gewidmet sind und nicht dem Hass, der Aufrüstung und dem Krieg.

Nach dem Gebet des Angelus und vor den Grüßen an einzelne Gruppen auf dem Petersplatz sagte der Papst:

Liebe Brüder und Schwestern!

Morgen begehen wir den von den Vereinten Nationen ausgerichteten „Internationalen Tag gegen Menschenhandel“. Diese Plage versklavt viele Männer, Frauen und Kinder mit der Absicht, sie auszubeuten: als Arbeitskräfte, sexuell, für den Organhandel, zum Betteln und zur Zwangskriminalität. Auch hier in Rom. Auch die Migrationswege werden häufig von Menschenhändlern und Ausbeutern benutzt, um neue Opfer zu finden. Es liegt in der Verantwortung aller, Unrecht anzuzeigen und diesem schändlichen Verbrechen entschlossen entgegenzutreten.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller