Die Laizisten überlisten

Wie es Benedikt XVI. und der Kirche Italiens gelungen ist, sich zum Anwalt von Brüderlichkeit, Freiheit und Toleranz zu machen

Rom (DT) Selten hat die katholische Kirche Italiens ein so elegantes Tor geschossen. Kardinal Camillo Ruini, der alte Fuchs, Bischofsvikar des Papstes für die Diözese Rom und lange Jahre Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz, hatte gewusst, dass um den 20. Januar herum, dem Gedenktag des heiligen Sebastianus, der der Patron der katholischen Bildungseinrichtungen ist, wie jedes Jahr besonders viele Abordnungen von Schulen und Schulvereinen am Sonntag beim Gebet des Engel des Herrn mit dem Papst auf dem Petersplatz zur Stelle sind. So auch in diesem Jahr. Mit einem Unterschied. In der Woche zuvor hatte Benedikt XVI. den Besuch der römischen Universität „La Sapienza“ absagen müssen, weil eine Gruppe von 67 Professoren und radikale Studentengruppen so massiv dagegen protestierten, dass es dem Vatikan nicht „opportun“ erschien, den Papst in diese aufgeheizte Atmosphäre zu schicken.

Kardinal Ruini hatte in der vergangenen Woche diese Gelegenheit sofort genutzt, Katholiken und katholische Gemeinschaften zum sonntäglichen Treffen mit dem Papst einzuladen, um ihm seine Solidarität zu zeigen. Und sie kamen. Christliche Gewerkschaft, Schülergruppen und Pfarreien, Dozenten und Studenten, Orden, Seminaristen und kirchliche Bewegungen, aber auch zahlreiche Politiker aus dem Mitte-Rechts-Spektrum der italienischen Parteien. Zweihunderttausend müssen es gewesen sein, ein Fahnenmeer, blauer Himmel und strahlende Sonne. Völlig entspannt, ein fröhliches Fest. Und dann allein die letzten Worte des Papstes: „Gehen wir weiter in diesem Geist der Brüderlichkeit und der Liebe zur Freiheit und Wahrheit, und im gemeinsamen Einsatz für eine brüderliche und tolerante Gesellschaft.“ Brüderlichkeit und Freiheit, Wahrheit und Toleranz: Das waren diesmal Begriffe, die die Kirche besetzen konnte. Jene, die – zwar erfolgreich – gegen den Papstbesuch demonstriert hatten, standen nun für Zwist und Unfreiheit, Hausverbot und Intoleranz.

Nach dem Gebet des „Engel des Herrn“ war der Papst auch unerwartet deutlich auf den Anlass dieser Solidaritätsdemonstration zu sprechen gekommen, eben jene Proteste an der „Sapienza“. „Leider ist bekanntlich ein Klima entstanden, das meinen Besuch bei der Feier nicht opportun erscheinen ließ. Ich habe ihn schweren Herzens verschoben, aber ich habe dennoch den Text senden wollen, den ich eigens vorbereitet hatte. Der universitären Welt – die für viele Jahre die meine war – bin ich in der Liebe zur Suche nach Wahrheit verbunden, in der Liebe zur Auseinandersetzung, zum offenen und respektvollen Dialog über die verschiedenen Positionen. Dies ist alles auch die Mission der Kirche, die darin treu Jesus nachfolgt, dem Lehrer des Lebens, der Wahrheit und des Liebens.“

Die Studenten und Professoren ermutigte Benedikt zum gegenseitigen Respekt: „Als sozusagen emeritierter Professor, der in seinem Leben zahlreichen Studenten begegnet ist, ermutige ich Euch, liebe Studenten und Professoren, immer respektvoll anderen Meinungen zu begegnen und mit freiem und verantwortungsvollem Geist die Wahrheit und das Gute zu suchen.“ Die kurze Veranstaltung am Sonntagmittag auf dem Petersplatz löste sich wieder auf, und das Thema „Kirche und laikaler Staat“ gehörte wieder ganz den abendlichen Talkshows und den gedruckten Medien. Mit einem kleinen Unterschied: Der Kirche in Italien ist es am Sonntag gelungen, die Begriffe Brüderlichkeit, Freiheit und Toleranz zu besetzen. Bisher waren das die Slogans der Wortführer im laizistischen Lager.

Noch am Vorabend hatten Marco Panella, Gründer der Radikalen Partei Italiens, und Emma Bonino, Parteigenossin Panellas und Ministerin im Kabinett Romano Prodis, vor dem Vatikan protestiert. „No Vatican – No Taliban“ stand auf ihren Plakaten. Und vor den Fernsehkameras hielten sie Statistiken hoch: Wie hoch der Anteil der Nachrichten über Papst und Kirche am gesamten Nachrichtenprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehen sei, wie viel Prozent der religiösen Informationen auf die katholische Kirche fielen (fast 99) und wie wenig auf Juden, Muslims und Waldenser. Dem radikalen Laizismus ist die katholische Kirche viel zu präsent. Und seine Wut hat tiefen Wurzeln. Seit der durch die Freimaurerei betriebenen Gründung des geeinten Italien rütteln Freidenker und Laizisten an den Grundfesten der Kirche. Giuseppe Mazzini verkündete 1866 der werdenden italienischen Nation: „Das Papsttum ist heute ein für jeden galvanischen Versuch unzugänglicher Leichnam: die Lüge der Religion, die fortwährende Quelle von Verderbnis und Unsittlichkeit für die Nationen, und besonders für die unsere, welche das Beispiel und den Alp der Lüge auf dem Herzen trägt.“

Was dann 1870 nach der Eroberung Roms vom Papsttum übriggeblieben war, passte gerade noch in den kleinen Vatikan, in den sich das Oberhaupt der katholischen Kirche als Gefangener zurückziehen musste. Durch die Lateranverträge von 1929 aus dieser misslichen Lage befreit, konnte das katholische Rom eine gewisse Versöhnung mit dem Staat feiern, die„Via della Conciliazione“, die Straße der Versöhnung hinauf zum Petersplatz, war ihr sichtbarer Ausdruck.

Aber nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Konfrontation weiter: Auf der einen Seite die Kommunisten, die sich Atheismus und einen radikalen Laizismus auf die Fahnen geschrieben hatte und die bisweilen kurz vor der Regierungsübernahme standen, auf der anderen Seite die Katholiken, die zwar an der Macht waren und im Papsttum einen moralischen Rückhalt fanden, aber nach 1968 kulturell ins Hintertreffen gerieten: Chic und modern war, wer sich links und antikirchlich gab.

Es gehörte zum Emanzipationsdenken des Laizismus, die kulturelle Auseinandersetzung mit den Katholiken vor allem um die Freigabe der Ehescheidung und um die Liberalisierung der Abtreibungsgesetze zu führen. 1981, nach der Niederlage der Katholiken im Abtreibungs-Referendum, da sah es so aus, als hätte der Laizismus die Restbestände katholischer Moralvorstellungen endgültig zur Seite geräumt. Aber es waren nicht zuletzt Papst Johannes Paul II. und sein Bischofsvikar Camillo Ruini, die die italienische Kirche – und vor allem die Bischöfe – aufforderten, öffentlich für christliche Wertvorstellungen einzutreten. Mit einem gewissen Erfolg. 2005 scheiterte das Referendum zur Liberalisierung der Fortpflanzungsmedizin. Und bei dem Versuch, auch in Italien homosexuellen Partnerschaften einen eheähnlichern Status zu geben, erwies sich die Mitte-Links-Regierung unter Romano Prodi als zu schwach.

In dieser Lage bieten nun Papst Benedikt und führende Gestalten des katholischen Lagers Italiens den laizistischen Kräften einen Dialog an. Die nicht gehaltene, aber inzwischen mehrfache publizierte Ansprache des Papstes in der „Sapienza“ (DT vom 19. Januar) ist ein beredtes Beispiel dafür. Die gemäßigte laikale Kultur Italiens will diesen Dialog ebenfalls. Nur ein radikaler Laizismus, der mit den Protestaktionen an Roms größter Universität sein wahres Gesicht zeigte, sträubt sich mit wüsten Beschimpfungen. „No Vatican – No Taliban“ – sind das Argumente? Brüderlichkeit, Freiheit, Toleranz lautet die Antwort der Kirche. Im öffentlichen Ansehen haben Papst und Kirche ordentlich gepunktet.