Vatikanstadt

Die Lage ist komplex

Die Chinesische Regierung verlangt von katholische Geistlichen eine staatliche Registrierung. In neuen Leitlinien empfiehlt Rom seinen Klerikern dabei ein flexibles Vorgehen.

Katholiken in China
Eine Herde mit gespaltenen Hirten: Chinas Katholiken leiden unter Pekings Kirchenpolitik. Foto: Symbolbild: KNA

Der Vatikan hat am 22. September vergangenen Jahres ein nicht veröffentlichtes und provisorisches Abkommen mit der Volksrepublik China abgeschlossen, das die Spaltung zwischen einer regimenahen „patriotischen“ Kirche und einer Kirche des Untergrunds im „Reich der Mitte“ überwunden und dem römischen Papst das Recht zugestanden hat, ab sofort alle katholischen Bischöfe des Landes zu ernennen. Alle Oberhirten und alle Priester Chinas leben nun in Einheit mit Rom, und Papst Franziskus hat auch die Bischöfe, die zuvor vom Regime ausgewählt und eingesetzt worden waren und sich der vom Regime kontrollierten „Patriotischen Vereinigung“ zugehörig fühlten, als ordentliche Hirten anerkannt, die dem Heiligen Stuhl verbunden sind. Dass

damit aber nicht der große Friede zwischen Rom und Peking ausgebrochen ist, zeigt ein Dokument, das der Vatikan am vergangenen 28. Juni veröffentlicht hat. Es trägt den Titel „Pastorale Leitlinien der Heiligen Stuhls zur zivilen Registrierung des Klerus in China“ und ist nicht von einem vatikanischen Dikasterium gezeichnet, sondern schlicht vom „Heiligen Stuhl“.

Das Provisorium dürfte noch Jahre bestehen

Obwohl das Regime in Peking derzeit eine oppressive Religionspolitik betreibt und allen Religionsgemeinschaft im Zuge der sogenannten Sinisierung ein chinesisches Gesicht geben will, haben Papst und Vatikan vor einem Jahr nach langen Verhandlungen mit Peking und internen Beratungen das Abkommen mit der Volksrepublik geschlossen, weil sich die chinesische Führung zum ersten Mal seit der Kulturrevolution bereit zeigte, dem römischen Papst das Recht der Bischofsernennungen und damit einen Eingriff in die inneren Angelegenheiten Chinas zuzugestehen, was Peking bis dahin immer als Einmischung einer ausländischen Macht abgelehnt hatte. Aber es dürfte noch – wenn überhaupt – Jahre dauern, bis aus der provisorischen Abmachung des vergangenen Jahres ein endgültiger Vertrag und vielleicht die Aufnahme diplomatischer Beziehungen werden.

Das jetzt veröffentlichte Dokument bezeichnet eine Schwierigkeit von vielen: Was geschieht, wenn der chinesische Staat bei der zivilen Anerkennung von Bischöfen und Priestern, die bisher der Untergrundkirche angehörten, Erklärungen verlangt, die der Antragsteller als Beeinträchtigung seiner vollen Einheit mit Rom oder gar als Bedrohung seiner Treue zum katholischen Glauben empfinden könnte oder sogar muss? Die vor einer knappen Woche veröffentlichte Note des Vatikans erklärt dazu, dass man schon seit geraumer Zeit von chinesischen Klerikern um praktische Anweisungen gebeten werde, da diese „angesichts der Modalitäten dieser Registrierungen zutiefst perplex“ seien. Eine Antwort sei schwer, so heißt es in der Orientierung des Vatikans, da es offensichtlich in China unterschiedliche Verfahrensweisen bei diesem bürokratischen Akt gebe.

Grundsätzlich sei zu bedenken, so die Note des Heiligen Stuhls, dass die provisorische Abmachung mit China vom September 2018 die besondere Rolle des Papstes anerkenne, woraus sich logischerweise ergebe, dass die „Unabhängigkeit“ der katholischen Kirche in China nicht so verstanden werden könne, als sei diese vom Papst oder der universalen Kirche getrennt. Auch habe zuletzt der „konsolidierte Dialog“ zwischen Rom und Peking eine völlig andere Situation geschaffen, als sie noch in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit der Entstehung der „patriotischen Organismen“ bestanden habe.

Vatikan empfiehlt flexibles Vorgehen

Für den Fall, dass der bei der Registrierung zu unterzeichnende Text einen Absatz enthält, in dem der Priester oder Bischof erklärt, dass er sich mit dem Prinzip der „Unabhängigkeit, Autonomie und Selbstverwaltung der Kirche in China“ einverstanden erklärt, empfiehlt der Vatikan den Antragstellern ein flexibles Vorgehen: Der Betreffende solle in einem Zusatz erklären, dass er die Unterschrift leiste, „ohne seine Pflicht zu verletzen, treu zu den Prinzipien der kirchlichen Lehre zu stehen“. Auch eine entsprechende mündliche Erklärung im Beisein eines Zeugen sei möglich. Über eine erfolgte Registrierung sei in jedem Fall der jeweilige kirchliche Vorgesetzte zu informieren, heißt es weiter. Gleichzeitig würde der Heilige Stuhl aber auch die Entscheidung eines Klerikers verstehen und respektieren, der aus Gewissensgründen zu dem Schluss komme, eine solche Registrierung nicht vornehmen zu können.

Die Katholiken in China bittet der Vatikan in der Note, „nicht nur die Komplexität der Lage zu verstehen“, sondern „offenen Herzens die schmerzliche Entscheidung des Hirten zu akzeptieren – wie immer sie ausfällt“. Es dürfe „kein einschüchternder Druck auf ,inoffizielle‘ katholische Gemeinden ausgeübt“ werden, auch wenn dies bereits geschehen sei.