Die Kunst des geistlichen Dialogs

Das Leben des heiligen Mönchsvaters Benedikt aus der Feder Papst Gregors des Großen in zweisprachiger Reclam-Ausgabe. Von Clemens Schlip

In spätantiken Schreibstuben entstanden geistliche Klassiker, die bis heute gelesen werden: Die Elfenbeinschnitzerei aus der Kunstkammer Wien zeigt Papst Gregor den Großen. Foto: KNA
In spätantiken Schreibstuben entstanden geistliche Klassiker, die bis heute gelesen werden: Die Elfenbeinschnitzerei aus... Foto: KNA

Sechzehn Päpste tragen seinen Namen und er ist der Schutzpatron unseres Kontinents. Der heilige Benedikt von Nursia (480–547) leistete mit der Neugründung des Klosters Montecassino und der Formulierung der nach ihm benannten Ordensregel einen entscheidenden Beitrag zur Formierung des abendländischen Mönchtums und Klosterwesens und prägte somit das kulturelle Antlitz Europas bis in unsere Tage. Schon seine Zeitgenossen zeigten sich vom Leben und Wirken des heiligen Mannes stark beeindruckt. Wenige Jahrzehnte nach dem Tod des charismatischen Abts von Montecassino griff dann ein denkbar hochrangiger Autor zur Feder, um das, was er über Benedikt gehört hatte, der Nachwelt schriftlich zu überliefern: Papst Gregor I., der „Große“ (540–604), der dem „Leben und die Wunder des verehrungswürdigen Abtes Benedikt“ in seinen „Dialogen über die italienischen Väter“ ein ganzes Buch zuwies, mehr als jedem anderen der von ihm gerühmten großen Mönche.

Diese Lebensbeschreibung des heiligen Benedikt liegt nun in einem handlichen Reclambändchen in zweisprachiger Ausgabe vor. Herausgeberin und Übersetzerin ist die Eichstätter Germanistin Gisela Vollmann-Profe, die dem Werk auch einen kleinen Kommentar und ein knappes, aber fundiertes Nachwort beigefügt hat.

Im Nachwort geht sie auch auf die in jüngster Zeit vor allem von dem Mediävisten Johannes Fried vertretene These ein, der heilige Benedikt habe nie gelebt und sei eine literarische Fiktion aus der Feder Papst Gregors gewesen. Die Übersetzerin wendet dagegen mit Recht ein, dass es wenig Sinn gemacht hätte, für ein real existierendes Kloster einen fiktiven Gründer zu erfinden, zumal zur Zeit der Abfassung des Dialogs Gregors mit Sicherheit noch Zeitzeugen der Klostergründung lebten.

Ein Kreuzzeichen macht den Giftbecher unschädlich

Dass Gregor seine Schilderung literarisch nach dem Vorbild älterer Heiligenviten stilisierte, ist unübersehbar, mindert aber nicht sein grundsätzliches Bemühen, eine aufrichtige Zusammenfassung der ihm vorliegenden Nachrichten vom „Gottesmann“ (Vir Dei) Benedikt zu geben. Seine vier Hauptgewährsmänner nennt der Papst zu Beginn seiner Erzählung sogar namentlich, darunter den unmittelbaren Nachfolger Benedikts in der Leitung des Klosters Montecassino.

Geboren wird „der verehrungswürdige Abt Benedikt“ um 480 in einer vornehmen Familie in der Provinz Nursia, die ihn als jungen Mann zum Studium nach Rom schickte. Von der dort herrschenden Sittenlosigkeit abgeschreckt, entscheidet sich Benedikt zunächst für ein Leben als Einsiedler. Seine Abgeschiedenheit ist so ausgeprägt, dass er nicht einmal mehr weiß, wann der Ostertermin ist. Sein Lebensweg führt Benedikt dann in ein Kloster, dessen Leitung ihm die dortigen Mönche übertragen. Da sein Regiment ihnen aber bald zu streng erscheint, versuchen sie ihn zu vergiften, was nur durch die göttliche Gnade abgewendet werden kann: Als Benedikt über dem mit dem tödlichen Trank gefüllten Glas das Kreuzzeichen macht, zerspringt es.

Benedikt kehrt wieder in die Einsamkeit zurück. Bald aber kommen viele, die ihm nachfolgen wollen. Benedikt gründet Klöster und setzt Äbte ein. Seine wichtigste Gründung wird ein Kloster nahe des befestigten Ortes Casinum, „an der Flanke eines hohen Berges gelegen“. Auf den Fundamenten einer alten heidnischen Opferstätte, die für die abergläubische Landbevölkerung noch immer von Bedeutung ist, errichtet Benedikt trotz heftiger Gegenwehr des Teufels Kirche und Kloster. Der „Alte Feind“ lässt sogar eine Mauer einstürzen, wodurch ein junger Mitbruder schwer verletzt wird. Nur das Gebet des Abtes kann sein Leben retten.

Schon bis dahin hat Benedikt erstaunliche Fähigkeiten an den Tag gelegt, die sich nun aber noch verstärken: „Damals wurde der Gottesmann auch zunehmend von prophetischem Geist erfüllt. Er sagte Zukünftiges voraus und teilte den Anwesenden mit, was sich in der Ferne ereignete.“ So kann Benedikt dem Gotenkönig Totila zutreffend prophezeien, dass er in zehn Jahren sterben wird. Keine Verfehlung der ihm Anvertrauten bleibt dem Abt unbekannt, mag sie in noch so großer Entfernung begangen worden sein. Hinzu kommen diverse Visionen und andere Wunder, wie Krankenheilungen oder Befreiung aus schweren Notlagen. Als er stirbt, haben zwei seiner Mitbrüder an unterschiedlichen Orten die gleiche Vision. Ihnen erscheint ein Engel, der ihnen eine vom Glanz zahlloser Sterne erleuchtete Straße zeigt, die sich von der Zelle des Heiligen bis zum Himmel erstreckt, mit den Worten: „Das ist der Weg, auf dem der von Gott geliebte Benedikt zum Himmel emporsteigt.“

Eingestreut in diese als Dialog gestaltete Lebensbeschreibung – Gregor erzählt sie dem Diakon Petrus – sind einige grundsätzliche Erklärungen Gregors zu theologischen Fragen, die durch die interessierten Nachfragen seines Gesprächspartners notwendig werden. Im Lebensbericht selbst scheinen die literarischen Vorlagen, an denen Gregor sich bei der literarischen Stilisierung des ihm mitgeteilten Materials orientierte, deutlich durch. Es sind ältere Heiligenviten (etwa die Antoniusvita), aber auch das Alte und Neue Testament. Diese literarischen Vorlagen sollten freilich für den entsprechend geschulten Leser auch erkennbar sein.

Der Leser soll geistlich erbaut werden

Es wäre in jedem Fall ein Fehler, den in der Benediktsvita geschilderten Einzelereignissen alleine aufgrund ihrer von Gregor so intendierten literarischen Durchformung die Historizität grundsätzlich abzusprechen. Stilistisch orientiert sich Gregor am „sermo humilis“, der „bescheidenen Redeart“ der Bibel, ohne seine gründliche rhetorische Ausbildung ganz verleugnen zu können (wenn er das überhaupt wollte). An vielen Stellen lässt der Autor biblische und liturgische Wendungen anklingen. Das ist kein Zufall: Es betont die Kontinuität, die Benedikts Wirken mit der biblischen Tradition verbindet. Eine Biografie im modernen Sinne ist die Vita des heiligen Benedikt mit Sicherheit nicht: Sehr viele Dinge, die wir darin erwarten würden, werden bei Gregor nicht einmal erwähnt. Ihn interessieren allein die tugendhaften Taten des heiligen Abtes, und sein erklärtes Ziel ist die geistliche Erbauung des Publikums. Seine Schrift war ein großer Erfolg. Die Bekanntheit Benedikts bis in unsere Tage und auch die weite Verbreitung der von Benedikt verfassten Mönchsregel verdankt sich maßgeblich den literarischen Fähigkeiten Papst Gregors. Der seinerseits rühmte die „Regel des heiligen Benedikt“ nicht nur inhaltlich, sondern auch in literarischer Hinsicht (sie sei „herausragend durch Unterscheidungsfähigkeit und klar in ihrer Sprache“), und empfahl sie denen, die den Lebenswandel des Heiligen noch genauer kennenlernen wollten, zur Lektüre: Man könne „in den Anweisungen dieser Regel das wiederfinden, was er [Benedikt] als geistlicher Führer lebte, denn der heilige Mann konnte nichts anderes lehren als das, was er lebte.“ Benediktsregel und Benediktsvita – aus beidem zusammen also ergibt sich das Lebensbild des Mannes, der das abendländische Mönchtum begründete.

Gregor der Große: Vita Benedicti/Das Leben und die Wunder des verehrungswürdigen Abtes Benedikt (Lateinisch/Deutsch). Reclam, Stuttgart 2015, 160 Seiten, ISBN 978-3-15-019314-3, EUR 6,80