Die Königsdisziplin der Militärpfarrer

Eindrucksvoll schildert Jürgen Kappel, wie die Seelsorge im Einsatz aussieht. Von Carl-Heinz Pierk

Die Bundeswehr hat sich in den vergangenen Jahren gravierend gewandelt: Aus einer Verteidigungsarmee wurde eine Einsatzarmee. Von Afrika bis zum Kosovo, auf zwei Weltmeeren und in Afghanistan: In unterschiedlichen Einsatzgebieten leisten deutsche Soldatinnen und Soldaten weltweit täglich ihren Dienst. Gut 3 300 beteiligen sich derzeit an Einsätzen im Ausland. Dabei operieren sie gemeinsam mit Soldaten der Bündnispartner und befreundeter Nationen. Ein wichtiger Aspekt des Dienstes in den Streitkräften war und ist dabei die Militärseelsorge. Ihr Stellenwert für die seelische Betreuung der Soldaten und deren Familien ist sogar gestiegen. Denn das veränderte Aufgabenspektrum der Bundeswehr stellt die Soldaten und deren Angehörige vor neue Herausforderungen. Längst ist die Einsatzbegleitung der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr in den Krisenregionen auf drei Kontinenten für die Militärseelsorge zum Normalfall geworden. Folgerichtig hat sich die Fürsorge um Ehe und Familie unter den Belastungssituationen infolge Auslandseinsatz, Versetzung und Fernbeziehungen zu einem besonderem Schwerpunkt der Militärseelsorge entwickelt.

Jürgen Kappel, Redakteur beim Dialogverlag in Münster, hat in seinem im Paderborner Bonifatius-Verlag erschienenen Buch „Im Einsatz für den Frieden“ über Jahre hinweg die Aktivitäten der katholischen Militärseelsorge, die 2016 den sechzigsten Jahrestag ihrer Gründung begehen konnte, begleitet. Wie die Militärgeistlichen die Soldatinnen und Soldaten seelsorgerlich betreuen, stellt Kappel, der die Einsatzgebiete auf dem Balkan und in Afghanistan besucht und dort mit Seelsorgern wie mit Bundeswehrangehörigen gesprochen hat, in reich bebilderten Reportagen, Porträts und Interviews eindrucksvoll dar. Gleichwohl ist Kappels aktuelle Bestandsaufnahme keine vollständige Dokumentation der Militärseelsorge im Jubiläumsjahr, wie Joachim Simon, Leitender Militärdekan und Beauftragter des Katholischen Militärbischofs beim Einsatzführungskommando der Bundeswehr, im Vorwort schreibt: „Sie kann aber als Orientierungshilfe dienen und neue Impulse geben für unsere Kirche, die sich den gesellschaftlichen Veränderungen seit Gründung der Bundeswehr stellen und mit einer zeitgemäßen Seelsorge ihren Beitrag zur Betreuung und Begleitung der Soldatinnen und Soldaten mit ihren Familien leisten will.“

Wie vielfältig die Militärseelsorge ist, zeigt Kappel, einst Wehrdienstverweigerer, mit bewundernswertem Einfühlungsvermögen auf. Der Militärpfarrer im Einsatz als Ansprechpartner für alle Lebenslagen. Da geht es um die Trennung von den Eltern, dem Partner und den Kindern. Hilfestellung bietet der „Lebenskundliche Unterricht“ zur berufsethischen Qualifizierung der Soldatinnen und Soldaten. Darin geht es beispielsweise um die Frage nach dem Sinn des Einsatzes oder um den Umgang mit Tod, Verwundung sowie lange Trennungszeiten von der Familie. Als Vorteil hat sich erwiesen, dass die Militärseelsorger nicht in die hierarchischen Strukturen der Bundeswehr integriert sind. Sie sind weiterhin Zivilisten, tragen in der Schutzuniform nur das Kreuz als Rangabzeichen und unterstehen allein dem Militärbischof, der seinerseits ebenfalls kein Angehöriger der Bundeswehr ist.

Mag auch die Seelsorge im Einsatz nach den Worten von Militärdekan Joachim Simon heute die Königsdisziplin der Militärpfarrer sein, zu den Grundaufgaben zählt „die Verkündigung der Frohen Botschaft des Evangeliums unabhängig von Ort, Raum und Zeit“. Dies betont der Katholische Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr, Franz-Josef Overbeck, zum Abschluss des Buches. Zu den vielfältigen Facetten der Militärseelsorge zählen somit auch die von der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenseelsorge organisierten Wochenende für Soldaten-Familien, die Soldatenwallfahrten nach Lourdes oder die jährliche Soldaten-Wallfahrt zum Mariahilf-Berg bei Amberg. Militärseelsorge bedeutet „Kirche unter Soldaten“. Das Augenmerk ist auf den einzelnen Menschen gerichtet, der sein Recht auf Seelsorge, das im Artikel 4 des Grundgesetzes und im Paragraphen 36 des Soldatengesetzes verankert ist, in Anspruch nimmt.

Jürgen Kappel: Im Einsatz für den Frieden. Militärseelsorge vor neuen Herausforderungen. Bonifatius-Verlag, 208 Seiten, ISBN: 978-3-89710-659-8, EUR 19,90