„Die Kirche wird wieder aufblühen“

Prälat Gottfried Lafer erlebte vom Grazer Dom aus ein halbes Jahrhundert steirischer Kirchengeschichte. Von Stephan Baier

In der Liturgie das himmlische Jerusalem erfahrbar zu machen, ist Prälat Gottfried Lafer ein Anliegen. Foto: Gerd Neuhold
In der Liturgie das himmlische Jerusalem erfahrbar zu machen, ist Prälat Gottfried Lafer ein Anliegen. Foto: Gerd Neuhold

Graz (DT) Als Gottfried Lafer 1932 in der Oststeiermark geboren wurde, war Pius XI. Papst, und in Österreich regierte Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der 1934 von Nazi-Putschisten erschossen wurde. Als Gottfried Lafer Dompfarrer in Graz wurde, da führte Paul VI. die Weltkirche. Das alles wäre nicht weiter erstaunlich, wäre Lafer nicht immer noch in Amt und Würden: Seit 47 Jahren amtiert der Prälat mit der gleichmäßig sonoren, großväterlich-beruhigenden Stimme als Dompfarrer in Graz. Fünf Päpste und vier Diözesanbischöfe hat er in dieser Zeit erlebt. Nun reicht der 82-Jährige die Grazer Dompfarre in jüngere Hände weiter.

Bereits in der Nazi-Zeit stand Lafer gerne am Altar, als „leidenschaftlicher Ministrant“, wie er im Gespräch mit der „Tagespost“ erzählt. Erstbeichte, Erstkommunion und Firmung absolvierte er in der ersten Volksschulklasse, weil sein Kaplan – nicht ohne Grund – die antikirchlichen Repressionen der regierenden Nazis fürchtete. Als ein paar Jahre später der Herr Pfarrer von der aktuellen Primiz erzählte und den jungen Gottfried fragte, ob er nicht auch Priester werden wolle, da kam ganz spontan und freudig sein „Ja!“. Die priesterlichen Lehrjahre verbrachte der Landwirtssohn am Land: zunächst in Gamlitz, heute ein schmucker Ort an der südsteirischen Weinstraße, damals aber ein bettelarmes Gebiet; dann in Judenburg, wo ihn die katholische Arbeiterjugend mit ihrem „wirklich spirituell fundierten Apostolat“ beeindruckte.

Der Ort aber, der einerseits Lafers Leben prägte und an dem er andererseits selbst ein Stück Kirchengeschichte schrieb, ist der Grazer Dom: 1966 kam er als Domvikar an diese Wirkungsstätte seines Lebens. „Ich habe mich um nichts in meinem Leben bemüht“, beeilt sich der freundliche Priester, zu erklären. „Ich bin dankbar, dass ich nie um etwas angesucht habe.“ Als kurz darauf der Dompfarrer starb, wurde Lafer – mit 35 Jahren – zum Nachfolger bestellt. „Herr Vikar, das Domkapitel meint, Sie sollen Dompfarrer werden“, eröffnete ihm der Bischof damals. „Ich hab' mich so geschreckt! Ich wollte noch gar nicht Pfarrer werden, denn die Arbeit mit der Jugend hat mir große Freude gemacht.“

„Unglaublich viel“ habe sich verändert in den fünf Jahrzehnten seither: „Es gab ein solches Tempo in der Veränderung. Solche Eruptionen, die ganze 68er-Bewegung!“ Dass „so vieles relativiert“ wurde, dass so viele seiner Mitbrüder seitdem das Amt aufgaben, dafür macht Prälat Lafer heute auch eine „schwache Theologie“ verantwortlich. Liberalismus und Rationalismus hätten die Kirche unvorbereitet getroffen. Bei den Neuordnungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sei die Herausforderung gewesen, die pastorale Orientierung zu vertiefen, „ohne Verlust des Inhalts“. Lafer wiederholt die letzten vier Worte. Ja, häufig habe man den Boden unter den Füßen verloren: in der Pastoral, in der Spiritualität und in der Liturgie. „Es ist zu schnell gegangen!“, so der Grazer Dompfarrer. Die Kirche sei auf diesen Wandel nicht vorbereitet gewesen. „Das Mysterium ist unterwegs auf der Strecke geblieben. Zum tragenden Prinzip wurde die Plausibilität.“ Auch jetzt sei etwa der Religionsunterricht ganz darauf ausgerichtet, etwas verstehbar zu machen. Ob der Sinn für das Mysterium des Glaubens eine Renaissance erfahre? „Ja, das kommt wieder. Davon bin ich überzeugt!“

„Der enorme Wohlstand hat einen gewaltigen Einschlag des Materialismus gebracht“, sagt Lafer. Auch in der nicht ganz armen österreichischen Kirche? Lafer zögert nicht: „Der Wohlstand in der Kirche ist ganz gefährlich, weil man geneigt wird, mit Administration und Organisation etwas wettmachen zu wollen.“ Mit dem Zweiten Vatikanum habe die Volksfrömmigkeit, die in Österreich traditionell eine große Rolle spielte, weitgehend aufgehört. „Ich will gar keine Schuld zusprechen, aber vieles wurde einfach nicht mehr praktiziert. Ich denke an die vielen Prozessionen und Feiertage.“ Heute sei die große Herausforderung für die Christen, „vom Übernatürlichen Zeugnis zu geben“, sagt Dompfarrer Lafer. „Es gibt dieses nicht auslöschbare Bedürfnis nach Etwas, das in seltenen Fällen zu einem Jemand wird.“

Das wohl augenfälligste Beispiel für den Wandel der zurückliegenden Jahrzehnte ist die Beichtpraxis. „Es gibt im Dom ein breites Angebot, aber nur mehr wenig Beichtende“, bekennt Lafer. Früher sei die Sakramentenpastoral zu stark reglementiert worden. „Wir haben die Beichte eingemauert, doch das Sakrament der Buße ist ein Sakrament der Barmherzigkeit. Der Beichtvater hat im Namen der Kirche die Vergebung zu sprechen, ohne zu taxieren, wie groß die Sünde ist, von der er losspricht.“ Wie aber lässt sich das Sakrament der Barmherzigkeit wieder zugänglich machen? „Wenn ich mit der Barmherzigkeit Gottes rechnen soll, muss ich erkennen, dass ich ihrer bedürftig bin“, antwortet Lafer.

In seiner Amtszeit ist auch die Dom-pfarre geschrumpft, durch Abwanderung, von rund 6 000 Gläubigen im Jahr 1966 auf 2 500 heute. Heute aber kommen viele von weither, um die Liturgie im Dom mitzufeiern. „Viele Menschen erwarten da ein bestimmtes Angebot“, bestätigt der Dompfarrer. Und fügt hinzu: „Wir mühen uns, die Liturgie so zu feiern, dass etwas spürbar und erfahrbar wird, nicht bloß im Wort, sondern in der Art, wie gefeiert wird.“ Kritischer Nachsatz: „Da könnten wir schon noch etwas zulegen. Ich bin nicht mit jeder Zelebration meiner Mitbrüder zufrieden. Es ist möglich, eine versammelte Gemeinde ein gutes Stück mitzunehmen in die Feier des Geheimnisses.“

27 Jahre war Dompfarrer Gottfried Lafer im „Nebenjob“ auch Regens des Grazer Priesterseminars. „Liturgie war mir immer ein großes Anliegen“, beginnt er. Bei jeder Probe zur Priesterweihe übt er alles mit allen Kandidaten: „vom Gehen über die Handhaltung bis zum Knien – weil der Körper ein Vehikel ist, um zu zelebrieren“. Lafer schmunzelt: „Auch Bischöfen muss man mitunter sagen: So bitte nicht, Herr Bischof.“ Liturgische Erziehung ist für den einstigen Regens und scheidenden Dompfarrer zentral: „Wenn ich einem Mysterium diene, muss ich mit meiner Körperhaltung ausdrücken, dass ich um dieses Mysterium zu wissen versuche und es gestalterisch ausdrücke.“

Liturgie als Versuch, „dem Mysterium in Ablauf und Wort Gestalt zu geben, das himmlische Jerusalem ein bisschen erfahrbar zu machen“. Auf die Frage, ob man erkennen könne, ob ein Priester vor allem ein guter Schauspieler ist, oder selbst in das Mysterium hineintaucht, sagt Lafer: „Ja, das kann man sehen. Man kann den Priesteramtskandidaten den Zugang zeigen und sie aufmerksam machen, aber ,machen‘ kann man das nicht.“ Anders als früher kämen die Priesteramtskandidaten heute „durchwegs nicht von Pfarren oder Familien, sondern von Bewegungen, aus einem Umdenken, oft unverbildet im christlichen Leben, mit wenig Wissen und Praxis“. Lafer sieht da Entwicklungspotenzial: „Die Spiritualität, die sie mitbringen, ist oft recht einspurig und hält dann nicht lang.“ Er habe darum als Regens „immer verlangt, dass jeder einen geistlichen Begleiter hat“. Auch brauche es inhaltliche Strenge: „Die Disziplinierung der Lebensordnung ist notwendig für später. Von der Familie bekommen sie das heute nicht, die Pfarre kennen sie nicht, und in den Bewegungen gibt es diese Disziplinierung weniger.“ Also müssten sie in eine priesterliche Spiritualität eingeführt werden – „aber nicht mit Schwäche, sondern mit liebevoller Strenge“.

Das Mysterium offenbart sich auch mittels Architektur: „Unsere Kirchen sind Gestalt gewordene Spiritualität. Der Grazer Dom ist nicht von Architekten errichtet, sondern von gläubigen Menschen. Sie haben nichts dafür bezahlt bekommen, haben ihrem Glauben Gestalt gegeben, in einem Haus, in dem ein Mysterium aufbewahrt wird.“ Die gotischen Kirchen seien „große Sakramentshäuschen“, erklärt Lafer, „Gestalt gewordener Glaube unserer Vorfahren“. Wie aber steht es um den Glauben unserer Nachfahren? „Die lebensgeschichtlichen Ereignisse haben heute an Bedeutung gewonnen“, meint der Dompfarrer. Aber die seien nur solange ein Zugang, als auch die Feiern des Kirchenjahres vertraut sind. Lafer erzählt aus seiner seelsorglichen Praxis: von Brautgesprächen, Taufvorbereitungen und Begräbnissen.

Eine längere Sakramenten-Katechese wäre laut Lafer „gut, sinnvoll und notwendig“. Wieder erzählt er aus seiner reichen pastoralen Erfahrung: Von jungen Menschen, denen er in der Ehevorbereitung vom göttlichen Geschenk der Liebe erzählt, von Eltern, denen er in der Taufkatechese erklärt, dass ihr Kind kein Produkt, sondern ein großes Geschenk Gottes ist. Der Grazer Dompfarrer steht mit beiden Beinen auf dem Boden der pastoralen Realität. Dort will er stehen bleiben, auch mit 82 Jahren, wenn er im September ins Nachbarhaus umzieht – nicht mehr als Dompfarrer, aber weiter als Seelsorger mit vollem Terminkalender.

Was lässt ihn – nach 58 Priesterjahren – hoffen für die Zukunft der Kirche? „Ich bin Optimist, weil es Franz von Assisi gegeben hat, Ignatius von Loyola, Franz Xaver, Teresa von Avila, Aloisius, Therese von Lisieux oder Mutter Teresa von Kalkutta. Diese Menschen gibt es auch unter uns – vielleicht nicht so groß und sichtbar.“ Prälat Lafer ist gewiss: „Die Erneuerung der Kirche kommt von den Heiligen. Und heilige Menschen gibt es unter uns. Ich begegne ihnen immer wieder.“ Dass die Erneuerung der Kirche aus Strukturreformen kommen könnte, glaubt er nicht. Aber: „Ich bin der Überzeugung, dass die Kirche wieder aufblühen wird – auch wenn wir jetzt gesellschaftlich in einem solchen Wirrwarr sind.“