„Die Kirche wird in Zukunft ärmer sein“

Manfred Scheuer, bisher Bischof von Innsbruck, übernahm am Sonntag mit Linz die zweitgrößte Diözese Österreichs. Von Stephan Baier

Linz (DT) Zehn Jahre und vier Monate stand der Salesianer Ludwig Schwarz als Bischof an der Spitze der oberösterreichischen Diözese Linz. Am Sonntag übergab der 75-Jährige die Leitung der mit 974 000 Gläubigen zweitgrößten Diözese Österreichs an den bisherigen Bischof von Innsbruck, Manfred Scheuer. Der kehrt damit nach 18 Jahren – zwölf davon an der Spitze der Tiroler Diözese – in seine Heimat Oberösterreich zurück. Auch in Tirol hatte der im 61. Lebensjahr stehende Scheuer Krisenmanagement zu leisten, etwa als er im Jahr 2014 die Selbst-Exkommunikation der Chefin des Vereins „Wir sind Kirche“, Martha Heizer, kirchenrechtlich feststellen musste. Die Kirche in Oberösterreich gilt, je nach Blickwinkel, als bunt beziehungsweise stark polarisiert.

Als Metropolit stellte der Wiener Kardinal Christoph Schönborn den neuen Bischof nun am Sonntagnachmittag im Linzer Mariendom vor und geleitete ihn unter Applaus vom Hauptportal zum Altar. „Wer glaubt, ist nie allein“, erscholl vielstimmig, kaum dass sich Domkapitel und Konzelebranten im Altarraum eingefunden hatten. Unter den zwanzig Bischöfen, die zur Amtseinführung gekommen waren, waren etwa aus Weißrussland die Bischöfe von Minsk und Witebsk, Kasimir Kondrusiewicz und Oleg Budkiewicz, aus Rumänien der Bischof von Alba Julia, György Jakubinyi, sowie die Nachbarbischöfe von Budweis und Passau, Vlastimil Krocil und Stefan Oster. Anwesend war auch viel politische Prominenz, darunter Vizekanzler Reinhold Mitterlehner, die Landeshauptleute (Ministerpräsidenten) von Oberösterreich und Tirol, Josef Pühringer und Günther Platter (alle ÖVP).

Hirtenstab aus Holz und Edelstahl

Der Linzer Ordinariatskanzler Johann Hainzl bekam vom Apostolischen Nuntius, Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen, das päpstliche Ernennungsdekret ausgehändigt und verlas es auf Deutsch. Dann lud Kardinal Schönborn den neuen Linzer Bischof – den 14. Diözesanbischof seit der Gründung der Diözese im Jahr 1784 – ein, auf der Kathedra Platz zu nehmen. Dompropst Wilhelm Vieböck präsentierte den Hirtenstab, den das Domkapitel für Bischof Scheuer hatte fertigen lassen. Gestaltet wurde der Hirtenstab vom oberösterreichischen Künstler Herbert Friedel: bewusst ohne Edelmetalle, aus Holz und Edelstahl, mit einem Bergkristall in der Mitte eines Strahlenkranzes. „Auf Gott kannst Du Dich immer stützen“, sagte der Dompropst an seinen neuen Bischof gewandt. Und weiter: „Auch wir Domkapitulare wollen Dir Stütze sein, und so versprechen wir Dir unsere loyale Mitarbeit.“ Danach grüßten die Domkapitulare sowie leitende Mitarbeiter der Diözese ihren Oberhirten.

Die zweite Lesung, aus dem Ersten Korinther-Brief, las die evangelische Pfarrerin von Linz, Veronika Obermeir, im Talar der evangelischen Pastorin. Eine der Fürbitten las später die Vorsitzende der Frauenkommission der Diözese Linz: in Albe und mit verdreht getragener Stola. Und auch sonst war die sprichwörtliche Buntheit der oberösterreichischen Diözese bei der Amtseinführung nicht zu übersehen. Bischof Manfred Scheuer selbst fragte in seiner Predigt: „Wie alt sieht die Kirche in unserem Land aus?“ Und mahnte, jeder kirchliche Dienst, auch das Bischofsamt, brauche eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus.

Er selbst komme „alt und neu in die Diözese Linz“. Er habe sich seiner Heimat „auch entwöhnt und habe anderswo meine Wurzeln geschlagen“. Scheuer, 1955 in Haibach ob der Donau geboren, meinte wörtlich: „Ich brauche Zeit, um hier anzukommen.“ Er sei dankbar für die Freude, die ihm in diesen Tagen begegne. „Ich bin nicht so naiv, zu meinen, dass das die ganze Wirklichkeit ist“, so Scheuer. „Das Spektrum von Wohlwollen, Sympathie, Interesse, Abwarten und Distanz, Gleichgültigkeit und Ablehnung ist recht groß. Und dieser bunte Haufen ist die Wir-Gestalt der Kirche in Oberösterreich, sicher keine Idealgestalt von Gemeinschaft und Kommunikation, sondern eine höchst gemischte und durchwachsene Gesellschaft.“

In Linz würden „von Gott geschenkte Charismen in einer bunten Vielfalt gelebt“. Es gebe „keinen unnützen oder gar nutzlosen Menschen“, aber selbst in einem Verständnis von Kirche als Communio gebe es doch im innerkirchlichen Pochen auf Unterschiede „große Reibungsverluste“. Es sei eine „Frage der Zukunftsfähigkeit von Kirche“, zu einem entkrampfteren Verhältnis von Klerikern und Laien zu finden sowie zu Offenheit und Gastfreundschaft für suchende Menschen.

Scheuer, der in der Bischofskonferenz bereits bisher für Caritas zuständig ist, bekräftigte in seiner Predigt das Menschenrecht auf Asyl. „Unsere Gedanken dürfen sich daher nicht auf Abschottung und Dichtmachen richten, sondern auf Problemlösung.“ Es sei eine humane Aufgabe und christliche Pflicht, schutzbedürftige Menschen innerhalb des internationalen Rechts und der Rechtsstaatlichkeit aufzunehmen. Christen dürften nicht resignieren und sich „in Ohnmacht vergraben“, sondern sollten versuchen, mit Solidarität ans Werk zu gehen. „Ich glaube, dass die Kirche in Zukunft ärmer sein wird, materiell und personell, auch ärmer an Bedeutung, Macht und Einfluss, vielleicht aber näher am Evangelium“, sagte Bischof Scheuer, der für Respekt im Umgang miteinander warb. Die Kirche vertraue der Jugend, und die Gesellschaft schulde der Jugend ein gutes Lebensfundament, um das eigene Leben in die Hand nehmen zu können. „Heilung und Vergebung“ bezeichnete Scheuer als „die beiden Brennpunkte des Jahres der Barmherzigkeit“.

Nuntius mahnt zur Neuevangelisierung

Bei der Eucharistiefeier im Mariendom konzelebrierten dem neuen Bischof von Linz seine Amtsvorgänger Maximilian Aichern – der an diesem Tag seine Bischofsweihe vor 34 Jahren feierte – und Ludwig Schwarz, die beiden österreichischen Metropoliten Christoph Schönborn (Wien) und Franz Lackner (Salzburg) sowie der im Amt bestätigte Linzer Generalvikar Severin Lederhilger und Dompropst Vieböck. Nuntius Peter Stephan Zurbriggen zeigte sich in seinen Grußworten überzeugt, dass Manfred Scheuer „als erfahrener und beliebter Bischof sowie als Universitätsprofessor“ verstärkt Wege der Mission und Katechese „in der großen und vielfältigen Diözese Linz“ suchen und umsetzen werde. Nachdrücklich mahnte der Nuntius zur Neuevangelisierung.

Der Superintendent der Evangelischen Kirche Oberösterreich, Gerold Lehner, rief in seinem Grußwort am Ende der Feier dazu auf, „die letzten Gräben zu beseitigen und uns gemeinsam um den Tisch des Herrn zu versammeln“. Das habe keine Generation zuvor vermocht, heute sei es aber theologisch zu verantworten und auch zu wollen. Die geschäftsführende Vorsitzende des Linzer Pastoralrats, Edeltraud Artner-Papelitzky, meinte, in der oberösterreichischen Diözese gebe es „geteilte Verantwortung, viel Kompetenz und innovatives Ausprobieren, um gute Wege zu finden“. Sie sprach zugleich vom „Verlust von Selbstverständlichkeiten“ und davon, es gebe schon „unterschiedliche Interpretationen dessen, was es heute bedeutet, katholisch zu sein“.

Landeshauptmann Josef Pühringer, der einst in jungen Jahren Religionslehrer war, meinte in seinem Grußwort an den neuen Diözesanbischof gewandt: „Du kommst in ein gutes Land, in eine gute Diözese.“ Pühringer widersprach ausdrücklich der Rede von einer „schwierigen Diözese“ und sagte: „Du kommst in eine Diözese der bunten Vielfalt.“ Das habe aber nichts mit „Grundsatzlosigkeit“ zu tun, sondern mit einem „Geist des Zulassens und Ermöglichens“. In der Diözese Linz würden „dem Heiligen Geist keine Vorschriften gemacht, wo und wie er wirken darf“. Die oberösterreichische Kirche sei eine lebendige Kirche. Und in der Ökumene werde „versöhnte Verschiedenheit gelebt“.