„Die Horizonte der Vernunft ausweiten“

Unterwegs zu einem neuen Humanismus – Philosophisches Symposion in Rom

Vom 5. bis 8. Juni fand in Rom das VI. europäische Symposion der Universitätsdozenten statt. Die diesjährige Begegnung, die 63 Vortragende und 250 Teilnehmer aus 26 Ländern verzeichnen konnte, stand unter dem Thema: „Die Horizonte der Vernunft ausweiten. Perspektiven für die Philosophie“. In vier Abteilungen wurden das Verhältnis zwischen Philosophie und Wissenschaft, Religion, Anthropologie und Gesellschaft einer Untersuchung unterzogen. Die vom Büro für die Hochschulseelsorge des Vikariats von Rom in Zusammenarbeit mit den Institutionen der Region Latium, der Provinz und der Gemeinde Rom organisierte Tagung fand ihren Höhepunkt am letzten Samstag mit einer besonderen Audienz im Apostolischen Palast bei Papst Benedikt XVI.

Die Philosophiedozenten Europas hatten mit der Wahl des Themas und mit ihrem intellektuellen Einsatz während des Symposion einem ausdrücklichen Wunsch des Papstes entsprochen. Bereits während des Symposions des letzten Jahres hatte Benedikt XVI. die Philosophen, und dabei vor allem die katholischen Philosophen, davor gewarnt, die Moderne nur als eine Herausforderung zu sehen. Er machte hingegen den Vorschlag, diese als „Horizont“ zu betrachten, angesichts dessen „kreative Lösungen“ gefunden werden können und müssen. Drei Anforderungen hatte er Papst damals an die Philosophie gestellt. Zum Einen müsse sie sich auf eine Untersuchung der Krise der Moderne konzentrieren, innerhalb derer ein Humanismus entstanden ist, der den Anspruch erhebt, ein „regnum hominis“ ohne erforderliche Rückbindung an eine ontologische Grundlage aufzubauen.

Einschränkung der Vernunft ist irrational

Sodann verwies der Papst auf die Notwendigkeit, für eine Ausweitung unseres Vernunftbegriffs zu arbeiten und irrationalen Versuchen zu widerstehen, die den Bereich der Vernunft einschränken wollen. Aus den genannten Punkten ergab sich dann für Benedikt XVI. die spezifische Frage nach dem Beitrag des Christentums zum Humanismus der Zukunft. Dies rufe die Kirche auf den Plan, insofern sie nach überzeugenden Wegen suchen muss, um der gegenwärtigen Kultur den Realismus ihres Glaubens an das Heilswerk Christi zu verkünden. Der Papst betonte: „Das Christentum darf nicht in die Welt des Mythos und der Gefühle verbannt werden, sondern es muss in seinem Anspruch respektiert werden, die Wahrheit über den Menschen ans Licht zu bringen und die Kraft zu besitzen, Männer und Frauen geistlich umzuwandeln, sodass sie ihrer Sendung in der Geschichte nachkommen können.“

Mit dem diesjährigen Thema des internationalen Symposions entsprachen die Universitätsdozenten der zweiten Anforderung des Papstes nach der Thematisierung einer „Ausweitung der Vernunft“, was bereits einen der zentralen Punkte seiner Ansprache an der Universität Regensburg am 13. September 2006 gebildet hatte. Der erste Arbeitsbereich des Symposions setzte sich mit dem Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft auseinander. Über die verschiedenen Beiträge hinweg wurde verdeutlicht, dass Philosophie und Wissenschaft und dabei vor allem die Biologie in ihrer reziproken Beziehung zu sehen sind.

Es wurde darauf verwiesen, dass einseitige und ideologische Entgegensetzungen vermieden werden müssen, um zu einer gegenseitigen Bereicherung vorzustoßen. Dies wurde insbesondere in der Auseinandersetzung mit Grundthemen des wissenschaftlichen Evolutionismus und den damit verbundenen Konsequenzen ontologischer und ethischer Natur für das Menschenbild sichtbar. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Philosophie ihre entscheidende Rolle bei der Behandlung der durch die naturwissenschaftliche Forschung entstandenen Grundprobleme neu positionieren muss. Die naturwissenschaftlichen Disziplinen dürfen sich ihrerseits einer Forschung nicht verschließen, innerhalb derer gerade auch die Sinnfrage zu einer Antwort herausfordert.

Der zweite Arbeitsbereich konfrontierte sich mit dem seit einem Jahrzehnt neu aufgebrochenen kritischen Verhältnis zwischen Philosophie und Religion, sodass einige sogar von einer „Rückkehr der Religion“ zu sprechen begonnen hatten. Das Religiöse, so die Feststellung, scheint zunehmend in eine vorurteilsfreie und nicht ideologische Diskussion innerhalb diverser philosophischer Positionen einbezogen zu werden. Hervorstechende Namen sind in diesem Bereich der italienische Philosophieprofessor Gianni Vattimo, der französische Philosoph Jacques Derrida sowie der bedeutendste Vertreter der deutschen Gegenwartsphilosophie Jürgen Habermas.

Der Glaube als das „Licht der Vernunft“ trat in den Arbeiten als zunehmende Notwendigkeit angesichts der Ausweglosigkeit eines modernen Atheismus hervor. Glaube und Vernunft offenbaren sich, wie dies Papst Benedikt XVI. in seiner nichtgehaltenen Ansprache an der römischen Universität „La Sapienza“ vom 17. Januar geschrieben hatte, im Verhältnis des „Unvermischt und Ungetrennt“.

Die Worte des Papstes können als Synthese der Arbeiten dieser Sektion des Symposions angesehen werden. Philosophie und Religion sind „unvermischt“, insofern jede der beiden ihre eigene Identität bewahren muss und die Philosophie immer neue Denkwege erschließt. Sie sind „ungetrennt“, insofern die Philosophie nicht immer vom Nullpunkt des einsam denkenden Subjekts her anfängt, sondern inmitten der geschichtlichen Weisheit zu stehen kommt. Dieser nähert sie sich kritisch und bleibt somit dem in der Religion Empfangenen nicht verschlossen. Eine feststellbare „Ent-Säkularisierung“ des Denkens der Moderne führt so zu einer neuen Art der philosophischen Reflexion über das religiöse Phänomen. Das Symposion hob auch die neue politische Dimension des Religiösen hervor, wie dies im Islam besonders zutage tritt.

„Wer ist der Mensch?“ Dieser Problemkreis steht im Mittelpunkt der sogenannten neuen anthropologischen Frage. Das Symposion verdeutlichte, dass die Anthropologie nicht nur eine „philosophische Disziplin“ ist, sondern zum vermittelnden Raum zwischen verschiedenen Disziplinen wird beziehungsweise werden muss. Die epochale Krise der Anthropologie fordert dabei dazu auf, neue Antworten auf Fragen zu finden, die sich aus den neuen Wissensbereichen ergeben, die den Menschen zum Forschungsgegenstand haben. Die Aufgabe des Philosophen nach Husserl, „Funktionär des Menschheit“ zu sein, sei heute mehr denn je geboten.

Laizität nicht mit Privatisierung der Religion verwechseln

Der vierte Abschnitt setzte sich schließlich mit der Stellung der Philosophie in der Gesellschaft und dem neuen Problembegriff der „Laizität“ des Denkens und des gesellschaftlichen Seins auseinander. Es wurde festgehalten, dass die Laizität oder Säkularität der modernen Gesellschaft nicht mit einer Privatisierung der Religion verwechselt werden darf. Vielmehr ist die Religion dazu geeignet, Verbindlichkeiten zu vermitteln, die gerade auch für eine säkulare Gesellschaft und ihren vernünftigen und menschlichen Fortbestand notwendig sind. Dabei handelt es sich um nichtkonfessionelle Werte, die im Sein des Menschen und im natürlichen Sittengesetz verankert sind.

Aus den Arbeiten des Symposion wurde deutlich, dass das Ziel ein nicht zweckbedingter Dienst an der Wahrheit über den Menschen und am Gemeinwohl sein muss. Kulturelle Identität kann somit nicht allein einer vermehrten Behauptung eines Subjekts entnommen werden. Die Einzelsubjekte selbst verwirklichen sich innerhalb einer Hintergrundkultur, deren Prinzipien auf absoluten und nichtverhandelbaren Werten gründen müssen und gründen. Ein zukunftsbestimmender Beitrag der ethischen Vernunft offenbarte sich erneut als schwierig, wenn aus diesem die geschichtliche und individuelle religiöse Erfahrung ausgeschlossen würde. Die Debatte ist mit dieser Feststellung nicht beendet, sondern gelangt zu einer neuen Dimension der Offenheit. Es wurde deutlich, dass im Mittelpunkt einer Bestimmung des Verhältnisses zwischen säkularer Vernunft und einem auf die Transzendenz in ihrer offenbarten Geschichte ausgerichteten Denken eine neue Reflexion auf das Naturrecht steht. Diese kann es möglich machen, die von einer bestimmten Aufklärung als unüberwindlich festgelegten Grenzen zu überschreiten und ein vormals in sich verschlossenes „regnum hominis“ zum Ort der Wahrheit und der eigentlichen Zukunft zu machen, in dem es Gott nicht nur „auch“ gibt, sondern in dem er als Leitstern der Hoffnung erkannt und erfahren wird.