Die Hoffnung ist größer als die Angst

In ihren Silvester- und Neujahrsansprachen rufen deutsche Bischöfe zur Wiederentdeckung des Glaubens auf, verurteilen Terror im Namen der Religion und fordern mehr Zeichen der Liebe für Bedürftige

Auch die Flüchtlingskrise war Thema von Bischofspredigten zur Jahreswende. Im Bild: Ein Kind tröstet seinen weinenden Vater: Ein bewegender Moment an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. Foto: dpa
Auch die Flüchtlingskrise war Thema von Bischofspredigten zur Jahreswende. Im Bild: Ein Kind tröstet seinen weinenden Va... Foto: dpa

Vatikanstadt/Bonn (DT/KNA) Die deutschen Bischöfe haben zum Jahreswechsel zu Frieden und Solidarität aufgerufen. Nicht Angst sei die Botschaft des Jahreswechsels, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. „Unsere Hoffnung ist größer“, betonte er. Gerade die Christen hätten in dieser „turbulenten Zeit“ besondere Verantwortung. Unkenrufen, wonach immer weniger Menschen Freude am Glauben hätten, erteilte Marx eine Absage. Nötig sei eine Wiederentdeckung des Glaubens. Christlicher Glaube ermögliche den Blick auf die Universalität der Menschheit; Rassismus habe in ihm keinen Platz, betonte der Kardinal.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki verurteilte Gewalt im Namen von Religionen als „perfide Strategie“. Terroristen verkehrten den Inhalt ihres Glaubens ins Gegenteil, sagte er. Kritik übte Woelki auch an Fremdenfeindlichkeit. Nach dem 25. Jahrestag der Wiedervereinigung müssten „in den Herzen und Köpfen so vieler Menschen in unserem Land“ wieder Mauern überwunden werden. Diese Mauern hießen heute „Obergrenze“, „sichere Herkunftsstaaten“ oder „Abschottung“.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann ermutigte zum Dialog der Kulturen und Religionen. Die deutsche Gesellschaft – aber auch die katholische Kirche – müssten lernen, dass Einheit nicht Uniformität bedeute und Verschiedenheit nicht bedrohlich sei, sondern bereichernd wirke.

Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann hat die Integration der Flüchtlinge in Deutschland als „wachsende Herausforderung“ bezeichnet. Gleichzeitig würdigte er in seiner Silvesterpredigt die Hilfsbereitschaft der Menschen, gerade in seiner Diözese. Viele seien aus christlicher Verantwortung heraus aktiv geworden. Sie verschafften den Geflüchteten nicht nur ein Dach über dem Kopf, „sondern helfen ihnen auch, sich bei uns zu integrieren“. Dies geschehe etwa durch Deutschunterricht, die ärztliche Versorgung, die Begleitung zu Ämtern, aber auch „durch Teilnehmen lassen an unserem privaten Leben“.

Aus Sicht des Fuldaer Bischofs Heinz Josef Algermissen ist noch nicht klar, ob die reiche deutsche Gesellschaft wirklich bereit sei, „spürbar zu teilen“. Er mahnte, „oberflächliche bis wurstige“ Parolen reichten nicht aus. Neben großer Hilfsbereitschaft beobachte er auch eine „rücksichtslose Ellenbogenmentalität beim Verteilungskampf“.

Eine andere Entwicklungspolitik forderte der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke. Sie dürfe „nicht unseren eigenen europäischen wirtschaftlichen Interessen“ dienen, solle keine Almosen geben, sondern teilen, erläuterte er. Dies sei auch eine Anfrage an den westlichen Lebensstil. „Unser Wohlstand gründet zum Teil in jenen Ländern, aus denen heute Flüchtlinge zu uns kommen: in den Rohstoffen, die uns jene Länder billig liefern, in den Wirtschaftsregeln, denen wir sie unterworfen haben, in gesellschaftspolitischen Ideen, die wir exportiert haben, die aber nicht adäquat sind für sie, in den Waffen, die ihnen die sogenannte westliche Welt liefert“, so Hanke. Der Bischof sieht angesichts der Flüchtlingskrise eine zumindest gefühlte Führungslosigkeit der Politik. „Gefechte über eine Obergrenze für Flüchtlinge oder ob die Regulierung der Flüchtlingszuwanderung über Geldströme an die Türkei erfolgt, die dann de facto das Kontingent bestimmt, fördern nicht das Vertrauen“, sagte Hanke. Stattdessen bedürfe es eines konzertierten sach- und problemorientierten Ringens, „auch mit den Verunsicherten in der Bevölkerung“. Dabei müsse aber klar sein, dass fremdenfeindliche Hetze und Rechtsradikalismus keinen Platz finden dürften. Deshalb werde Integration zur Herausforderung für die Gesellschaft. Dazu sei die Besinnung „auf unsere eigene Herkunft und auf das, was uns trägt“ unerlässlich.

Die Familienpolitik rückte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick in den Fokus. Familien müssten etwa im Steuer- und Arbeitsrecht oder bei den Rentenansprüchen stärker gewürdigt werden, forderte er in seiner Predigt.

Zu einem Umdenken im Umweltschutz rief der Münsteraner Bischof Felix Genn auf. Für eine weltweite ökologische Umkehr, wie sie Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato si“ fordere, genügten politische Vereinbarungen nicht. Die Bevölkerung müsse sie mittragen, und vielen Christen fehle diese Bereitschaft noch.

Der Passauer Bischof Stefan Oster sprach von „vielen Hoffnungszeichen“ am Ende des von Terror, Naturkatastrophen und Flüchtlingskrise geprägten Jahres. „Wir erleben die Sehnsucht vieler Menschen nach Glauben, nach Halt, nach Sinn.“

Auch der Freiburger Erzbischof Stephan Burger ermunterte zu Gottvertrauen. Zwar seien auch für 2016 wieder „dunkle Stunden, Enttäuschungen und Sorgen“ zu erwarten. Christlicher Glaube sei es jedoch, dass Gott helfe, alle Ängste zu überwinden. „Mit dieser Aussage dürfen wir ins neue Jahr gehen“, so Burger.

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sieht die Gesellschaft wie die Kirche in grundlegenden Veränderungsprozessen. „Die Welt gerät aus den Fugen“, sagte er am Freitagabend in seiner Neujahrspredigt im Essener Dom. „Die Ordnungen der Gesellschaft vor Ort wie auch in Deutschland, Europa und der Welt finden sich neu“, stellte er angesichts der Flüchtlingssituation fest. Auch in der Kirche lösten sich feste Gefüge auf. Die Kirche in Deutschland sei zwar ziemlich wohlhabend, „aber weitgehend spirituell trocken“. Gleichzeitig entstehe „in allen Zusammenhängen von Welt und Kirche Neues“; die soziale Seite gewinne an Bedeutung. „Globalisierung müssen wir heute neu sozial zu denken und zu gestalten lernen“, forderte der Ruhrbischof. Das vergangene Jahr habe gezeigt, dass „sich viele Menschen von der Not anderer im Innersten anrühren lassen sowie in einem hohen Maße Verantwortung für andere übernehmen“. Es sei „ein Segen, dass wir keine Mauern bauen“, betonte Overbeck. Die Konflikte im Nahen Osten würden die Christen auch künftig beschäftigen, „sehen wir doch, dass heute dort das 17. Jahrhundert der europäischen Religionskriege mit den Waffen des 21. Jahrhunderts ausgetragen wird“. Mit Blick auf den Glauben erklärte Overbeck, der „geistliche Grundwasserspiegel“ sei „tief abgesunken“. Erforderlich sei Geduld, um eine „neue Form der Einheit zu gewinnen, die nicht Einheitlichkeit bedeutet“. Der Ruhrbischof warb dafür, „sich mit großer Bescheidenheit und Gelassenheit auf die Gottsuche zu machen“. Geistliche Quellen könnten überall dort entstehen, „wo wir Barmherzigkeit leben und in unserem Tun zuerst den leidenden Menschen sehen“.

Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode hat vor einem gesellschaftlichen Stimmungsumschwung in der Flüchtlingsfrage gewarnt. Es gelte „wachsam zu bleiben für die Kräfte, die sich anders entwickeln“, sagte er beim Neujahrsempfang am Sonntag in Osnabrück mit Blick auf mögliche gewaltbereite Gruppen unter den Flüchtlingen. Gleichzeitig rief er dazu auf, in dem Bemühen um eine Eingliederung der nach Deutschland kommenden Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten nicht nachzulassen. Die Kirchen seien für die Aufgabe gut aufgestellt, so Bode. In ökumenischer Verbundenheit setzten sie alles daran, dass Integration gelinge. Der Bischof dankte den vielen ehrenamtlichen Helfern sowie den Sozialorganisationen Caritas und Diakonie. „Wir sind bereit“, so der Bischof.

Der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa hält nichts davon, sich „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln krampfhaft“ gegen Trends wie sinkende Gottesdienstbesuche oder Kirchenaustritte zu wehren. „Es muss vielmehr für uns gelten, unseren Glauben noch überzeugender und treuer zu leben“, sagte Zdarsa in seiner Silvesterpredigt. Dazu könne das Heilige Jahr der Barmherzigkeit beitragen. Zudem wies der Bischof den Vorwurf zurück, die Kirche könne heute nicht mehr begeistern. Als positive Beispiele nannte er die Weltjugendtage, die Taizetreffen sowie Aktionen wie Nightfever oder das Prayerfestival.