„Die Gnade ist schon da“

Es sei schon ein Risiko gewesen, sie zur Äbtissin zu wählen, sagt Hildegard Dubnick. Die künftige Oberin des Klosters Sankt Walburg in Eichstätt kommt zwar aus einem Tochterkloster der Abtei, doch das liegt tausende Kilometer entfernt in den USA. Am Samstag empfängt sie nun ihre Weihe. Beim Ortsbesuch zeigt die Amerikanerin, was sie nach Oberbayern mitbringt. Von Kilian Martin

Die US-Amerikanerin Hildegard Dubnick OSB ist zur Äbtissin gewählt worden.
Die US-Amerikanerin Hildegard Dubnick OSB ist zur Äbtissin gewählt worden.

Aus Hildegard Dubnick wäre wohl auch eine gute Lehrerin geworden. Die großgewachsene 57-jährige Amerikanerin strahlt Herzlichkeit und Güte aus, wirkt überzeugend in ihren Ansichten und lässt den Zuhörer mit einem guten Gespür für Humor daran teilhaben. Sie hätte gewiss auch heute noch das Zeug zur beliebten Englischlehrerin, die sie als junge Frau schon einmal einige Zeit gewesen ist.

Das war Mitte der 1980er Jahre, nachdem Dubnick ihr Studium abgeschlossen hatte. „Ich war 25. Da hat man gedacht, man kann alles machen und alles werden, alles ist möglich“, erinnert sie sich. Nach dem Studium der Germanistik und der Zeit als Sprachassistentin an einem Gymnasium in Germersheim hätte sie eine akademische Laufbahn einschlagen können, oder eben die als Lehrerin. „Aber mir ist mit der Zeit klar geworden, dass es eigentlich nur zwei Möglichkeiten gibt: ins Kloster gehen, oder etwas anderes machen. Die große Auswahl waren eigentlich nur zwei Optionen.“ Sie entschied sich fürs Kloster und nahm als Benediktinerin in Boulder im US-Bundesstaat Colorado den Namen Hildegard an.

Heute scheint auch das in weiter Ferne, denn Anfang Januar wurde sie zur neuen Äbtissin des Klosters Walburg gewählt. „Ich bin beeindruckt, dass die Gemeinschaft hier den Mut hat, so eine Außenseiterin zu holen. Das ist schon ein Risiko“, gibt die studierte Germanistin zu. Dabei verrät dem Außenstehenden nur der US-amerikanische Akzent, dass Mutter Hildegard weit weg vom Altmühltal geboren wurde.

Seit drei Wochen ist sie nun in Eichstätt. Die oberbayerische Bischofsstadt ist in vieler Hinsicht anders als Dubnicks Heimat, der Mittlere Westen der USA. Wenn dort etwa ein Gebäude nur 100 Jahre alt ist, sei das schon außergewöhnlich. In Eichstätt werden sie in wenigen Jahren das 1 000-jährige Bestehen ihres Klosters feiern. Für Dubnick „kaum zu begreifen“. Groß ist zudem das Erbe, das sie von ihrer Vorgängerin übernimmt. Mutter Franziska Kloos stand der Abtei fast 34 Jahre lang vor, ist Trägerin des Bayerischen Verdienstordens, beliebte wie gefragte Persönlichkeit der Stadt Eichstätt – und seit 2014 sogar deren Ehrenbürgerin.

Kaum verwunderlich, dass selbst die eloquente Dubnick an ihrer Eignung als Äbtissin zweifelte. „Keiner fühlt sich wohl der Verantwortung wirklich gewachsen, so ein Kloster zu leiten. Leider gibt es auch keine Äbtissinnen-Schule.“ Mutter Hildegard lacht, wie sie es im Verlauf des Gesprächs häufig tut. Aber auch nur, um mit einem ernsten Gedanken anzuschließen: „Man muss das einfach annehmen. Das Kloster gehört Gott, Christus ist der eigentliche Leiter. Ich bin nur seine Stellvertreterin, er muss mir helfen.“

Das tiefe Gottvertrauen der Hildegard Dubnick beeindruckt. Zumal sie kein Problem damit hat, zuzugeben, dass auch sie nicht „jeden Morgen voller Begeisterung aus dem Bett“ springe: „Aber der Kern unseres benediktinischen Lebens ist es, Gott zu loben. Und es ist mir immer klar, dass sich das lohnt. Wie könnte man daran auch zweifeln?“ Also zweifelt Mutter Hildegard nicht, sie muss sich nur, wie jeder Mensch, manchmal etwas stärker auf den Weg konzentrieren. Aber für den ist sie wie geschaffen. „Ich habe die Benediktsregel entdeckt“, sagt sie. Man könnte auch sagen: Das benediktinische Leben und Hildegard Dubnick haben sich gefunden. Das war zu Studienzeiten, als sie im Fach Geschichte mit der Regula Benedicti in Berührung kam. Besonders die vom Mönchsvater geforderte stabilitas, die Beständigkeit, sei ihr dabei zupass gekommen: „Es gibt viele Wege, die zu Gott führen, aber wenn man dauernd einen neuen ausprobiert, kommt man nicht an. Ich habe festgestellt, dass ich mich für einen Weg entscheiden und dabei bleiben muss.“

Auf diesem geht sie nun seit über drei Jahrzehnten, ab diesem Samstag mit bischöflichem Segen als Äbtissin. Auch in diesem Amt wird ihr erstes Augenmerk auf dem benediktinischen Lebensweg liegen. „Es ist meine Hauptaufgabe, mich um die Schwestern zu kümmern, damit sie ihre Berufung erfüllen können. Das scheint mir das Allerwichtigste zu sein“, sagt Dubnick. Wenn das gelinge, strahle der Konvent auch über sich selbst hinaus. „Wenn ein Kloster richtig lebt und betet, eine betende Gemeinschaft ist, dann hat das Auswirkungen.“ Genau das erlebe sie in Eichstätt. „Es ist ein so großer Segen, dass man so ein Leben führen darf.“

Wenn die bald geweihte Mutter Hildegard so spricht, spürt man schnell, wie sehr sie sich in ihrem Leben gesegnet fühlt. Die wichtigste Quelle sei für sie dabei das Gebet, betont sie. Gerade das klösterliche Leben biete dafür einen unschätzbaren Vorzug: „Wir kommen hier immer wieder zurück zum Wesentlichen. Der Tagesablauf führt uns immer wieder in den Chor, zu Christus.“

In Eichstätt ist das seit einem Jahrtausend so, spätestens seit dem Jahr 1035, als das Kloster Sankt Walburg gegründet wurde. Und auch in deren Tochterkloster, der gleichnamigen Abbey of St. Walburga, die heute in Virginia Dale in Colorado ansässig ist, ist es nicht anders; auch wenn die bayerischen Benediktinerinnen erst im Jahr 1935 in die USA kamen. So verbindet die beiden Klöster viel, auch über die gemeinsame Regel hinaus. Zugleich habe sich kulturell aber auch viel verändert im bayerischen Kloster in den USA. „Die Abbey in Virginia Dale ist heute nicht mehr so deutsch“, fasst es Dubnick zusammen.

Obwohl sie erst im vergangenen Jahr einige Wochen in Eichstätt verbracht hatte, müsse sie sich erst noch genauer mit den örtlichen Gepflogenheiten vertraut machen. „Manchmal komme ich mir vor wie eine Ethnologin, die eine Untersuchung macht: Wie leben die Schwestern hier, wie wird es hier gemacht?“ Ihr Lachen verrät, dass sie aufkommende Startschwierigkeiten wohl mit einer gesunden Portion Humor nimmt.

Neben vieler kultureller Feinheiten muss sich die neue Äbtissin jedoch auch in die vielen Belange des 30-köpfigen Konvents der Abtei einarbeiten. Rund um das altehrwürdige Kloster bestehen bis heute wichtige Einrichtungen. Das gilt etwa für den Klosterladen oder das abteieigene Gästehaus. Aber auch der Kindergarten und die Grundschule Sankt Walburg verlangen die Aufmerksamkeit der Ordensfrauen, vor allem ihrer neuen Mutter Hildegard.

Mit der Benediktion, die sie am Samstag durch die Hände ihres Ordensbruders und Bischofs Gregor Maria Hanke empfangen soll, wird Dubnick auch die Sorge um ihr Kloster anvertraut. Vor allem die innere Vorbereitung auf diesen Tag beschäftige sie bereits länger. „Wenn ich daran denke, dass ich in dieser großen Kirche stehen werde und so viele bedeutende Leute um mich herum sind, kann ich es kaum glauben.“ Doch auch bei diesem möglicherweise bedrückenden Gedanken verliert die Amerikanerin nicht den Humor: „Aber ich bin von Gott berufen worden und das Ganze war nicht meine Idee!“, lacht sie über die Bedenken hinweg. Dabei meint sie auch das ganz ernst: „Es kommt alles von Gott. Er steht mir jetzt schon bei, das weiß ich. Die Gnade ist schon da.“